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Neue stern-Kolumne: Sylt. Ein neuer Versuch

Die Insel ist toll. Die Dünen, die Heide, der Strand, das Meer. Aber irgendetwas läuft da schief, findet stern-Kolumnistin Meike Winnemuth.

Es war alles gut zuerst. Allerbestes Wetter, voll besetzte Lesung, gut gelaunte Leute. Diesmal könnte es klappen, dachte ich. Diesmal könnte ich Sylt mögen.

Dann passierte, wie immer: Sylt. Im Restaurant. Die Kellnerin beim Abräumen, freundlich: "Kann ich Ihnen noch was Gutes tun?" Eine Frau: "Furchtbar. Ich ertrage es nicht mehr. Das sagen jetzt alle: 'Kann ich Ihnen noch was Gutes tun? Kann ich Ihnen noch was Gutes tun?'" Sie äfft es nach, in Hörweite der Kellnerin.

Nachts auf dem Heimweg, Kampener Hauptstraße. Zwei weiß gekleidete Jungs, Typ Berufssohn, hüpfen aus dem Cabrio, um in eine Hecke zu pinkeln. Satzfetzen. "Kennst du die Eva?" – "Nee. Welche Eva?" – "Ganz hübsch, aber ein bisschen billig?" – "Ach die. Ja, habe ich auch schon gebumst."

Keine Mülleimer

Immer noch Kampener Hauptstraße. Ich versuche, den Gassibeutel meines Hundes zu entsorgen. Weit und breit kein Mülleimer. Nicht einer. Ich stecke den Beutel in die Handtasche. Und frage später nach: Warum gibt es hier keine öffentlichen Abfallbehälter? "Damit die Apartment-Mieter darin nicht ihren Hausmüll entsorgen."

Morgens. Am Frühstückstisch im Hotel, Tisch links: "Schade, dass Samstag ist, sonst könnte ich euch jetzt die Börsenkurse auf dem Tablet vorlesen." Ja, schade.

Am Frühstückstisch rechts fragt die Bedienung, ob sie schon das Brotkörbchen abräumen dürfe. Der Mann nickt. "Aber über die Körbchengröße müssen wir noch reden." Seine Frau lacht geübt.

Keine Bürgersteige

Am Tisch links geht es jetzt um einen Steuerberater, der immer Champagner mitbringt, wenn er vorspricht. Am Tisch rechts bricht man zum Golfen auf.

Raus hier. Mit dem Hund durch Kampen, Wattseite. Ich laufe durch die teuersten Wohnstraßen der Republik, Hobookenweg und Wiesenweg, 35.000 Euro der Quadratmeter. Bürgersteige gibt es nicht. Wer hier nicht fährt, hat hier auch nichts zu suchen. Vorbei an Reetdachhäusern für acht oder zwölf Millionen, "Doppelhaushälften unter Reet" bereits für drei bis sechs. Alle mit den gleichen Findlingsmauern und den gleichen Heckenrosen und dem gleichen Fünf-Millimeter-Rasen und der gleichen albernen Friesenpforte, an der man links und rechts vorbeispazieren kann. Leben im Geschmacksknast – ach, sind ja nur sechs Wochen im Jahr, das geht schon.

Und viel zu behängt

In einer Einfahrt zwei Porsche Cayenne mit Monogramm-Kennzeichen, jede Wette. Ein paar Häuser weiter ein Jaguar Sovereign V12 und ein Bentley Azure, ebenfalls mit Monogramm-Kennzeichen. Und abends fahren alle im Konvoi die 20 Kilometer zum Herbert, der Tisch ist schließlich seit drei Monaten reserviert. Ah, Freiheit!

Weit und breit nur Gärtner zu sehen, ein Geisterdorf. Endlich doch ein Anwohner, ein Mann mit einem kläffenden Shih Tzu, die Haare eine Spur zu lang, beide. Mein Foxterrierwelpe stürzt schwanzwedelnd auf sie zu, der Mann bremst ihn mit dem Fuß. "Sie mag das nicht. Sie spielt nicht."

Ich will Sylt toll finden, wirklich. Ist ja auch toll: die Dünen, die Heide, der Strand, der Wind, die Wolken. Aber die Leute. Die Leute. Die verzweifelten Leute. Die Männer mit ihren roten Hosen und Dieter- Bohlen-Hemden, bedruckt mit Jetsetquatsch, "United States Polo Tournament Jeux Olympiques 1924 Player", Herrgott. Die Frauen so blond, so rundstirnig, so behängt. Und alle zu braun. Und alle zu laut.

In List, beim Warten auf die Autofähre. Ich steige aus meinem 14 Jahre alten Lupo, einmal noch die gute Luft atmen. Der Mann im X6 in der Spur links neben mir fährt die Beifahrerscheibe herunter und sagt was. "Ja?" – "Machen Sie bitte Ihre Autotür zu. Der Wind könnte sie gegen meinen Wagen schlagen." Tschüs, Sylt. Dann wie immer in zehn Jahren.

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