HOME

Stern Logo Winnemuth Kolumne

stern-Kolumne "Winnemuth": Irrtum ausgeschlossen

Ein Leben ohne mein Smartphone? Nicht vorstellbar. Das Ding kann alles. Leider.

Von Meike Winnemuth

Früher begann der Tag mit einer Schusswunde, wie Wolf Wondratschek mal so bezaubernd kerlig schrieb, heute dagegen beginnt er mit einem tastenden Griff zum . Um nachzusehen, wie spät es ist. Und was die anderen über Nacht so gedacht haben. Und ob die Sonne scheint. Natürlich könnte man auch einfach den Kopf heben und aus dem Fenster schauen oder gar in einem raren Anfall von Energie aufstehen und das Fenster öffnen. Aber wäre man dann schlauer? Oder schlau genug? Wann hat es eigentlich begonnen, dass man dem Blick auf eine App mehr vertraut als einem Blick in den Himmel?

Ich bin ein bekennender Smartphone-Junkie. Das Ding sortiert mich, komplettiert mich, macht mich überlebens- und gesellschaftsfähig in einer Welt der Termine und Kontakte, Informationen und Reisen. Es ist Kalender und Notizbuch und Fotoapparat und Landkarte und Diktafon und Schreibmaschine und Taxiruf und Briefzentrum und Fernseher und Musiktitelidentifizierungsapparat und Schachlehrer und Nachrichtenagentur und Lauftrainer und Lexikon und Übersetzer und Daddelhalle und Bahnfahrkarte und Boarding Pass und gelegentlich sogar Telefon. Es ist all das, wovon ich träumte, seit ich mit zwölf einen Tricorder in der Hand von Mr Spock sah: ein Gerät, das alles kann und alles weiß. Es ist Science-Fiction in der Hosentasche, die Eintrittskarte in eine neue Welt (und in die alte auch), einer der wenigen Zukunftsträume, die je glückliche Gegenwart wurden.

Wenn ein einziges Ding so viel kann, ist das ebenso berauschend wie beunruhigend. Verstehe ich. Ich verstehe also auch die Kulturpessimisten, die deswegen einen abermaligen Untergang des Abendlandes befürchten, wegen Beschleunigung/ dauernder Erreichbarkeit/ Multi-Irgendwas/Vereinsamung und so weiter: Mist, die Welt verändert sich, und das ganz ohne unsere Genehmigung. Das Gegreine ist der übliche Kollateralschaden des Wandels – abhaken, geschenkt. Doch selbst als Kulturoptimistin muss ich zugeben: Dieses Gerät, dieser blitzblanke neue zivilisatorische Hammer & Meißel, hat ein Problem: Es kann zu gut. Es ist besser als wir, schlimmer noch: Es macht uns besser. Und das ist schlecht.

Ich wette einfach nicht mehr

Denn seitdem wir diese Schlaumeier in der Tasche haben, führen wir ein nahezu irrtumsfreies Leben. Es ist es fast unmöglich, sich zu verlaufen. Ausgeschlossen, dass man sich zu dünn angezogen hat (denn statt auf die guckt man ja morgens als Erstes auf die Weather-Pro-App und studiert Niederschlagswahrscheinlichkeit, Sonnenscheindauer, Taupunkt, relative Feuchte und Luftdruck). Ich habe seit Jahren keine Wette mehr verloren, weil ich keine mehr eingegangen bin; jede strittige Kneipenfrage konnte sofort gegoogelt werden: Nein, Bogart hat nie "Play it again, Sam" in "Casablanca" gesagt – schade, hätte mir ’nen Zehner eingebracht. Alles wird einem immer vorgesagt, wir leben mit einem kosmischen Spickzettel.

Das Smartphone bedeutet: Irrtum ausgeschlossen. Und das ist ein Jammer, denn Irrtümer und Fehlleistungen lassen uns stolpern und Fragen stellen, sie schaffen Zufälle und Entdeckungen. Fragen sind oft wichtiger als Antworten. Ein Leben auf Schienen hingegen, organisiert von der Wahrnehmungsmaschine Smartphone, bietet stets denselben Blick aus dem Wagenfenster.

Die Möglichkeit des Schiefgehens ist unendlich kostbar, wie man erst dann weiß, wenn alles zu klappen scheint. Immerhin bleibt uns dieses eine Scheitern: an der Willenskraft, die Finger von dem Ding zu lassen. Das neueste Spiel bei Kneipenabenden ist, am Tisch alle Smartphones übereinanderzustapeln. Wer sein Gerät als Erster aus dem Türmchen zieht, zahlt die Zeche.

print
Themen in diesem Artikel