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Bio-Produkte: Gesund, lecker, bio?

Bio boomt. Wer ins Öko-Regal greift, tut da meist, um sich gesund zu ernähren, artgerechte Tierhaltung zu unterstützen oder die Umwelt zu schützen. stern.de geht der Frage nach, ob Bio-Produkte halten, was ihr gutes Image verspricht.

Von Dorothea Palte

Immer mehr Menschen legen beim Einkauf Wert auf Bio-Qualität und sind bereit, dafür auch mehr zu bezahlen. So kaufen laut Ökobarometer 2007 rund 55 Prozent der Deutschen gelegentlich, jeder Fünfte sogar häufig Bio-Lebensmittel. Die Gründe sind unterschiedlich: Gesundheitliche Aspekte, wie eine möglichst geringe Schadstoffbelastung und eine allgemein gesunde Ernährung veranlassen zum Griff ins Bio-Regal. Doch in einer Zeit, in der "Klimakatastrophe" zum Wort des Jahres gekürt wird, spielen zunehmend auch übergeordnete Faktoren eine Rolle: Für 89 Prozent der Bio-Käufer sind artgerechte Tierhaltung und für 82 Prozent ein Beitrag zum Umweltschutz ein entscheidendes Kriterium.

Bio-Pommes sind noch lange nicht gesund

Was ist aber dran am "gesund, lecker und heile-Welt"-Image der Bio-Produkte? Bio ist meist weniger belastet. Über die langfristigen Auswirkung auf die Gesundheit gibt es keine Studien, die wissenschaftlich haltbare Ergebnisse liefern. "Tatsache ist, wer weiter auf Pizza, Pommes und Süßes setzt, kann das inzwischen auch in 'Bio' – gesund ist das aber noch lange nicht", erklärt Astrid Schobert, Diplom-Oecotrophologin und Bio-Autorin ("Was ist bio und was nicht?", Knaur) aus Bonn.

Weniger Schadstoffe

Was aber Schadstoffbelastungen angeht, schneiden Obst und Gemüse aus ökologischem Anbau, ohne Einsatz von synthetischen Pflanzenschutz- und Düngemitteln, besser ab als solche aus herkömmlichen Anbau. So ergab das fünfjährige Öko-Monitoring der baden-württembergischen Chemischen und Veterinäruntersuchungsämter: 95 Prozent der untersuchten pflanzlichen Bio-Lebensmittel sind frei von Schadstoffen. Produkte aus Deutschland schnitten dabei besonders gut ab. Konventionell angebaute Produkte sind hingegen um ein Vielfaches stärker mit Pestiziden belastet. Auch Stiftung Warentest und Öko Test bestätigen in Bezug auf Belastungen: Bei Paprika, Salaten, Tomaten oder Grünem Tee lohnt beispielsweise der Griff in die Biokiste. So enthält Bio-Salat nicht nur weniger Pestizide, sondern auch kaum Nitrat.

Nicht unbedingt gesündere Inhaltsstoffe

Eine zehnjährige Testreihe in Kalifornien hat ergeben, dass Bio-Tomaten einen fast doppelt so hohen Anteil an den sekundären Pflanzenstoffen Quercetin und Kaempferol haben. Diese Antioxidanzien können das Risiko für Herzerkrankungen und Schlaganfälle verringern. Polnische Wissenschaftler bestätigen, dass Bio-Tomaten durchschnittlich über 50 Prozent mehr Trockenmasse verfügen und mehr Vitamin C enthalten. Andererseits legen andere Studien nahe, dass der konventionelle Anbau die Werte an Carotin (Vitamin A) und Vitamin B beispielsweise in Möhren, oder an Kalium - das dem Boden mit konventionellem Dünger zugeführt wird - positiv beeinflusst. Also kein einheitliches Bild, ob Bio mehr Nährstoffe enthält - und somit gesünder wäre.

Vieles spricht für Bio-Fleisch

Ein klares Plus scheint Bio allerdings beim Fleisch und Tierprodukten zu haben: Bio-Milch, Bio-Eier und Bio-Fleisch haben eine ernährungsphysiologisch bessere Fettsäure-Zusammensetzung. Das liegt vor allem an der Auslaufhaltung und der Weidefütterung. Ganz abgesehen davon, dass auf präventive Antibiotika-Gabe oder Verfütterung von Tiermehl verzichtet wird. Andererseits sind gerade diese Produkte auch besonders teuer, denn ökologische Tierhaltung braucht viel Platz und bedeutet viel Arbeit. Außerdem ist Tierhaltung generell sehr energieintensiv. Viel Fleisch zu essen - auch wenn es Bio ist - schadet daher der Umwelt.

Psychologie spielt beim Geschmack eine Rolle

Über den Geschmack von Bio kann man eigentlich nicht streiten. Viele Menschen schwören bei Obst und Gemüse darauf. Weil die Pflanzen langsamer wachsen, enthalten sie weniger Wasser und schmecken daher oft gehaltvoller. Doch auch Psychologie scheint eine große Rolle zu spielen. In Verkostungen entschieden sich Probanden geschmacklich eher für die angebliche Bio-Variante, auch wenn es sich tatsächlich um konventionelle Ware handelte. Noch schwieriger ist die Frage des Geschmacks im Bereich der verarbeiteten Lebensmittel: Sie müssen ohne viele "Hilfsstoffe" wie Geschmacksverstärker, künstliche Aromen oder Farbstoffe auskommen. Von den für konventionelle Lebensmittel in der EU zugelassenen über 300 Zusatzstoffen dürfen nach EU-Öko-Verordnung gerade mal 47 verarbeitet werden. Anbauverbände gehen teilweise noch weiter: Bioland lässt in seinen Richtlinien nur 25, Demeter sogar nur 14 zu. Wer jahrzehntelang die geschmacksverstärkten und künstlich aromatisierten Fertigprodukte gegessen hat, der muss sich an diesen "natürlicheren" Geschmack erst einmal gewöhnen.

Weite Transportwege schaden der Öko-Bilanz

Umwelt- und Tierschutz wird bei der Bio-Landwirtschaft groß geschrieben. Doch die Unterschiede können gravierend sein. Mit wachsendem Öko-Boom werden auch immer mehr Pflanzen zwar biologisch, aber dennoch zum Beispiel im Gewächshaus und völlig außerhalb ihrer Saison angebaut. Auch weite Transportwege können Bio-Exoten zu Klimakillern machen. Dennoch sollten wir uns das gute Gewissen beim Griff zu Bio nicht schlecht machen lassen: Es ist immer auch ein Zeichen an Wirtschaft und Politik, dass der Verbraucher Wert auf ökologische Produktion von Lebensmitteln legt.

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