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Entwicklung des Neandertalers: Erst kam das Gesicht, dann das Gehirn

Wie entwickelte sich der Neandertaler? Lange waren sich Forscher nicht einig, ob seine Körpermerkmale gleichzeitig oder stufenweise entstanden. Nun liefern Schädelfunde in Spanien neue Erkenntnisse.

Von Lydia Klöckner

Ein grobschlächtiger Zottelkopf mit ausgeprägten Überaugenwülsten und fliehendem Kinn: So stellen sich die meisten Menschen einen Neandertaler vor. Wie und wann sich seine charakteristischen Körpermerkmale entwickelten, die ihn von seinen Vorfahren abgrenzten, ist Forschern aber bis heute ein Rätsel. Untersuchungen von 430.000 Jahre alten Schädeln, die Archäologen in der Ausgrabungsstätte Sima de los Huesos in Nordspanien entdeckten, liefern jetzt neue Erkenntnisse: Offenbar entwickelte sich bei dem Urmensch zunächst das Gesicht und dann das Hirn, berichtet das Team um den Paläontologen Juan-Luis Arsuaga von der Universität Complutense in Madrid im Fachjournal "Science". Das bestätigt eine Theorie, laut der der Neandertaler seine charakteristischen Merkmale nicht auf einmal, sondern nacheinander entwickelte.

Die Schädel sind zum Teil fast vollständig erhalten. Sie gehören zu einer Sammlung von mehr als 6500 menschlichen Fossilien, die Forscher in den vergangenen Jahrzehnten in der Sima de los Huesos gefunden haben. "Diese Anhäufung von homininen Fossilien ist bislang einzigartig", sagte Arsuaga. Die Knochenreste entstammen einer Urmensch-Population, die einige Forscher als frühe Ahnen der Neandertaler bezeichnen. Sie existierten zwar schon lange vor den "klassischen" Neandertalern, die zwischen 70.000 und 30.000 Jahren vor unserer Zeit in Europa lebten, zeigten aber schon einige von deren typischen Merkmalen.

Da die Sima-Menschen also gewissermaßen ein "Mix" aus Neandertaler und seinen primitiveren Vorfahren waren, verraten ihre Überreste wertvolle Details aus der frühen Entwicklung der Neandertaler. Als Arsuaga und seine Kollegen die Schädel untersuchten, erkannten sie ein wiederkehrendes Muster: Zähne und Gesicht entsprechen in ihren Merkmalen bereits der Morphologie des Neandertalers, während etwa die Hirnschale noch wenig entwickelt ist. "Das deutet daraufhin, dass Veränderungen im Gesicht der erste Schritt in der Evolution der Neandertaler-Familie waren", schreiben die Forscher. Das spreche für die sogenannte "Mosaik-Theorie", die besagt, dass sich verschiedene Teile der Frühmenschen-Anatomie unterschiedlich schnell veränderten. "Tatsache ist, dass man in Europa keine Neandertaler-Hirnschalen findet, die älter sind als 200.000 Jahre", schreibt der Evolutionsforscher Jean-Jacques Hublin vom Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in einem begleitenden Kommentar.

Neandertaler nutzten ihre Zähne als "dritte Hand"

Weiter entwickelt - also Neandertaler-ähnlicher - seien vor allem die Regionen des Kopfes, die mit dem Kauvorgang in Verbindung stehen. Das lasse vermuten, dass der Ursprung des Neandertalers mit der Spezialisierung seines Kauapparates zusammenfalle, folgern die Wissenschaftler. "Die Schneidezähne zeigen starke Gebrauchsspuren", sagte Arsuaga, "als seien sie als eine Art dritte Hand verwendet worden - typisch für den Neandertaler."

Bisher vermuteten die Forscher, dass die Funde aus der Sima de los Huesos im weitesten Sinne zur Art Homo heidelbergensis gehörten. Da die gefundenen Schädel jedoch mehrere Neandertaler-Merkmale aufweisen, widerriefen Arsuaga und sein Team die Einordnung. Die gefundenen Urzeitmenschen seien zwar Teil des Neandertaler-Klans, aber nicht zwangsläufig direkte Vorfahren. Die Wissenschaftler schlugen daher vor, sie als eigenständige Subpopulation zu betrachten. Ob es sich dabei um eine eigene Art oder eine Unterart handele, sei noch zu klären. Es sei wahrscheinlich, dass zu dieser Zeit mehrere Linien von Urmenschen nebeneinander existiert hätten.

mit DPA
  • Lydia Klöckner