VG-Wort Pixel

Pius XII. Vatikan öffnet die geheimen Archive seines umstrittenen Papstes

Dieses Foto entstand am 27. Februar 1940. Es zeigt Papst Pius XII. (rechts), während er einen Umschlag des damaligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt öffnet.
Dieses Foto entstand am 27. Februar 1940. Es zeigt Papst Pius XII. (rechts), während er einen Umschlag des damaligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt öffnet.
© Uncredited/ / Picture Alliance
Heiliger oder Nazi-Sympathisant? Seit mehr als 60 Jahren macht der Vatikan ein Geheimnis aus den Akten über die Zeit von Pius XII., den Kritiker häufig als "Hitlers Papst" verunglimpfen. Am Montag werden die Dokumente freigegeben.

Pius XII. war von 1939 bis zu seinem Tod 1958 Oberhaupt der katholischen Kirche. Bis heute ist er einer der umstrittensten Päpste in der Geschichte des Vatikans: Für einige ist er ein Heiliger, weil er während des Zweiten Weltkrieges Tausende Juden gerettet haben soll. Andere werfen ihm bis heute vor, nicht energisch genug gegen den von Hitler-Deutschland organisierten Völkermord protestiert zu haben. Der Vatikan wiederum macht seit mehr als 60 Jahren ein großes Geheimnis aus den Akten über die Zeit von Papst Pius XII. Kein Wunder, dass seine Rolle unter Kirchenexperten heiß diskutiert wird.

"Die Kirche hat keine Angst vor der Geschichte"

Am Montag dürfte etwas mehr Licht ins Dunkel gebracht werden: Am 2. März 2020 werden alle Unterlagen aus dem Pontifikat Pius’ XII. im sogenannten Geheimarchiv des Vatikan (Archivum Secretum Apostolicum Vaticanum) Wissenschaftlern zugänglich gemacht, um eine genaue historische Bewertung vornehmen zu können. Mehr als 150 Forscher haben sich für einen Blick in die Archive angemeldet, in der ersten Runde finden jedoch nur 60 einen Platz. Der Rest muss warten.

"Die Kirche hat keine Angst vor der Geschichte, im Gegenteil, sie liebt sie ", sagte der amtierende Papst Franziskus vor einem Jahr, als er die Öffnung der Archive ankündigte. Ziel sei es, "seriöse und objektive" Forschung über die "glänzenden Momente dieses Papstes" zu ermöglichen, aber auch über "die Momente größter Schwierigkeiten". Pius XII. habe die katholische Kirche "zu einem der traurigsten und dunkelsten Momente des 20. Jahrhunderts" angeführt, führte er damals weiter aus, und doch habe er stets versucht, "die kleine Flamme humanitärer Initiativen wachzuhalten“.

War Pius XII. ein Nazi-Sympathisant?

Einer der Streitpunkte in der Bewertung der Amtszeit von Pius XII. sind die Deportationen von Juden aus Italien während der Zeit des Zweiten Weltkrieges. So gab es etwa am 16. Oktober 1943 einen Zug von Rom mit 1021 Menschen, der nach Auschwitz fuhr. Nur 16 der Opfer haben überlebt. Zu dem Transport in das NS-Konzentrations- und Vernichtungslager im von Deutschland besetzten Polen hat Pius XII. stets geschwiegen.

Viele Wissenschaftler fragen sich, warum der italienische Papst die Nazi-Verbrechen nicht öffentlich angeprangert hatte und ob es korrekt sei, dass Pius nicht daran glaubte, dass das Öffentlichmachen den Opfern helfen würde.

Nun schlägt die Stunde der Historiker

Historiker können dank der Öffnung der Archive nun die Geschehnisse dieser Zeit genauer analysieren. In den Akten erwarten sie zahllose Fotos, persönliche Briefe, Telegramme und Entwürfe von Reden. "Vielleicht gibt es eine Anweisung, die Papst Pius XII. im September 1943 gegeben hat, die besagt, dass Juden auf vatikanischem Boden versteckt werden sollen. Wir haben so eine Anweisung nie gesehen. Es ist eine der offenen Fragen", erläutert Suzanne Brown-Fleming, die sich mit der Rolle der katholischen Kirche während des Holocausts auseinandersetzt. "Wir müssen offen sein für das, was die Dokumente uns sagen werden." Sie selbst glaubt übrigens nicht, dass Pius ein Sympathisant der Nazis war.

Mit Sensationen sei durch die Öffnung der Archive nicht zu rechnen, so der Tenor vieler Experten. Allerdings dürften die vielen Einzelfunde ein genaueres Bild von Pius' Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus und dem Holocaust zeichnen. Bis die Archive vollständig begutachtet und bewertet sind, dürften Jahre vergehen. Denn der Umfang beträgt mehrere Millionen Seiten.

Neben Brown-Fleming darf auch David Kertzer als einer der ersten Experten einen Blick auf die Dokumente werfen. Er ist ein amerikanischer Experte, der sich auf die Beziehungen der katholischen Kirche und dem Faschismus spezialisiert hat. Er sagte, es gebe "Anzeichen von Nervosität" im Vatikan bezüglich dessen, was aus den Archiven hervorgehen würde. Bischof Sergio Pagano, Präfekt des Vatikanischen Apostolischen Archivs, ist sich jedoch sicher: "Das Gute [das Pius getan hat] war so zahlreich, dass es die wenigen Schatten überstrahlt."

cf

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker