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Astronaut Ulf Merbold über das Space Shuttle "Der Flug ist eine sinnliche Erfahrung"


Am Freitag startet die "Atlantis" - danach kommen die Space Shuttles ins Museum. Ulf Merbold war der erste Deutsche, der mit einem Shuttle ins All flog. Im Interview mit stern.de erzählt er, wie sich ein Start anfühlt und warum die Europäer endlich ein Raumschiff bauen sollten.

Herr Merbold, mit der "Atlantis" hebt zum letzten Mal ein Space Shuttle ab. Dann werden die Lastesel der Nasa ins Museum gerollt. Was empfinden Sie dabei?
Eine Ära geht zu Ende. Für alle, die einmal an einer solchen Mission mitwirken durften, ist dies kein gutes Jahr. Wer je in einer solchen Maschine geflogen ist, entwickelt ein emotionales Verhältnis zu ihr. Vielleicht ist es ein zu komplexes System, um wirklich robust und zuverlässig zu sein. Aber es ist eine grandiose Ingenieursleistung. Mit dem Shuttle wird eine der aufwändigsten Maschinen, die die Menschheit gebaut hat, außer Betrieb genommen. Wenn sie ins Museum wandert, ist das traurig.

Was bedeutet es für die europäische Raumfahrt und die ISS, wenn die Shuttles nun eingemottet werden?
In dem Moment, in dem die Shuttles nicht mehr zur Verfügung stehen, haben wir das Problem, dass wir von der ISS große Nutzlasten nicht mehr zurückholen können, da die Sojus viel zu eng ist. Auch auf die Rückführung von Proben wird sich das zwischenzeitlich sicher auswirken. Aber mittelfristig wird man dieses Problem sicher lösen können, indem man zum Beispiel die europäischen ATV-Raumtransporter ("Automatic Transfer Vehicle"), die schon jetzt bis zu acht Tonnen Fracht zur ISS transportieren können, rückkehrfähig macht.

Wie fühlt sich so ein Start im Shuttle an?
Es ist eine unglaublich sinnliche Erfahrung, einen solchen Ritt mit anfänglich wachsender Beschleunigung zu erleben. Die ersten zwei Minuten fühlen sich an, als würde man ungefedert über Bahnschienen brettern. Wenn die Feststoffraketen abgeworfen werden, folgt sechs Minuten lang eine gleichmäßige Beschleunigung mit den Haupttriebwerken. Am Ende drückt einen das Dreifache des eigenen Körpergewichtes in den Sitz. Wobei das nicht extrem ist, dabei kann man noch Skat spielen. Man liegt allerdings in der Kapsel und kann nicht glauben, dass die Beschleunigung immer noch andauert. Bis dann schlagartig alles abgeschaltet wird. Plötzlich tritt die Schwerelosigkeit ein und man schwebt.

Wie verändert sich aus der Distanz das Verhältnis zur Erde?
Der erste Blick aus dem Fenster ist nachhaltig. Die Sonne leuchtet aus einem rabenschwarzen Himmel. Die Erde ist von einem königsblauen Saum aus Luft umgeben. Aus dem Weltall ist eindrucksvoll zu sehen, wie dünn diese schützende Luftschicht ist, die Leben ermöglicht. Man fragt sich, ob wir nicht alle etwas vorsichtiger mit unserem Planeten umgehen sollten. Ich glaube, wir haben eine ethische Pflicht, unseren Nachgeborenen diese kostbare Erde in einem intakten Zustand zu hinterlassen.

Dreimal konnten Sie die Erde aus dem Weltall beobachten. Sie sind sowohl in einer Sojus als auch in einem Shuttle geflogen. Gibt es spürbare Unterschiede?
Oh ja, die beiden unterscheiden sich stark. Das Shuttle ist sehr groß und geräumig. Im Vergleich dazu ist die Sojus spartanisch: Drei Leute in diese Konservendose zu stecken, ist fast unzumutbar. Man sitzt zusammengekauert, kann die Beine nicht ausstrecken. Auch die Landung ist mit der Sojus viel sportlicher. Das Shuttle braucht von dem Moment, in dem es mit der Atmosphäre in Berührung kommt, in etwa eine Viertelstunde, um zu landen. Die Sojus ist in fünf Minuten unten. Das ähnelt vom Gefühl her schon eher einem satten Auffahrunfall mit dem Auto. Allerdings, so simpel die Sojus auch ist, sie ist im Vergleich zum Shuttle robuster, sicherer und zuverlässiger.

Die Shuttles werden eingemottet. Warum eigentlich?
Die Shuttles haben bei Weitem nicht das geschafft, was sich die Nasa erhofft hatte. Seit dem ersten Flug 1981 sind die Raumfähren um die 130 Mal abgehoben. Das ist sehr viel weniger, als man ursprünglich vorhatte. Zudem sind die Kosten für Betrieb und Wartung viel höher, als zu Beginn angenommen. Eine wesentliche Rolle spielt auch: Von den etwa 130 Flügen endeten mit der "Challenger" und der "Columbia" zwei in der Katastrophe. Die Erfahrung hat gezeigt, dass das Shuttle mitnichten ein sicheres bemanntes Raumschiff ist. Wobei das Shuttle heute besser ist, als es jemals war. Daher ist es auch besonders bitter, dass man jetzt damit aufhört.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Was auf die Shuttle-Ära folgt und warum wir zum Mars aufbrechen sollten.

Wenn man Ihnen ein Ticket für ein Shuttle und eine Sojus anbieten würde, welches würden Sie nehmen?
Wenn ich die Wahl hätte, würde ich die Sojus nehmen. Man muss ganz klar sagen: Die Russen haben im Vergleich zu jedem anderen Land sehr viel mehr Flugzeit im Weltraum, allein, da sie 15 Jahre lang die russische Raumstation Mir bemannt betrieben haben. In ihrer gesamten Raumfahrtgeschichte haben sie 'nur' vier ihrer Kosmonauten verloren. Bei den Amerikanern waren es dagegen 17 Astronauten: Drei bei der Apollo-Mission und zwei Shuttle-Besatzungen mit je sieben Leuten. Die Statistik ist daher ziemlich eindeutig.

Was folgt auf die Shuttle-Ära?
Für mich wäre es die Erfüllung eines Traums, wenn wir Europäer eine Kapsel oder ein Raumschiff bauen würden, um unabhängig von der Hilfe anderer in der Lage zu sein, ins All zu fliegen. Dafür könnten wir die Ariane-Rakete nutzen und eine Kapsel darauf setzen. Eine Möglichkeit wäre, die ATV-Frachtschiffe weiterzuentwickeln. Momentan kann dieser Raumtransporter nur Ladung wie Nahrung und Werkzeuge zur Internationalen Raumstation ISS bringen und verglüht danach bei seiner Rückkehr in der Atmosphäre. Hat man die Versorgungskapsel rückkehrfähig gemacht, kann darüber nachgedacht werden, ein lebenserhaltendes System zu integrieren, das einen bemannten Flug ermöglicht. Es ist die freie Wahl der Amerikaner, die Shuttles einzumotten. Aber das verstehe ich als eine Herausforderung an uns Europäer, nun tätig zu werden.

Wo sehen Sie die Zukunft der bemannten Raumfahrt? Werden wir irgendwann den Mars erreichen?
Mit Sicherheit. Ich denke, das sind wir uns und unseren Vorfahren schuldig. Für mich hat die Raumfahrt eine sehr philosophische Dimension. Es ist die Fortsetzung von dem, was die Menschen vor uns mit ihren Schiffen unternommen haben. Unser heutiges Wissen, unser Weltbild, wurde ja nicht nur durch kluge Leute begründet, die an Universitäten geforscht haben. Vieles von dem, was uns über Geographie, Klima oder die Natur bekannt ist, haben Menschen entdeckt, die irgendwo hingegangen sind, wo zuvor niemand war. Warum sollten wir nun sagen: Wir wissen alles, wir gehen nicht mehr weiter?

Lea Wolz

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