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Deutscher Weltraumschrott: Satellit stürzt früher auf die Erde

Schon in wenigen Tagen wird der Röntgensatellit "Rosat" in die Atmosphäre eintreten und damit früher als erwartet. Teile mit einem Gewicht von 1,6 Tonnen werden auf der Erde aufschlagen - möglicherweise in Deutschland. Experten sehen aber keine Gefahr für Menschen.

Von Gerhard Hegmann

Seit 21 Jahren umkreist der deutsche Röntgensatellit "Rosat" nun die Erde, aber zum Schluss hat er es eilig. Voraussichtlich zwischen dem 20. und 25. Oktober werden die Reste des Flugkörpers auf der Erde auftreffen, teilt das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln jetzt auf seiner Internetseite mit.

Zuletzt gingen die Wissenschaftler noch von November als Rückkehrmonat aus. Schuld sei die Sonne mit ihren Eruptionen. Aufgrund erhöhter Sonnenaktivitäten und Atmosphärenänderungen erfolge die Rückkehr etwas früher, erklärt eine DLR-Sprecherin. Der exakte Zeitpunkt für den Absturz lasse sich aber erst wenige Tage, das konkrete Absturzgebiet sogar nur ein, zwei Stunden vorher genauer eingrenzen, sagen DLR-Experten.

Die Mission des "Rosat" lief von 1990 bis 1999 und galt als erfolgreich. Erstmals konnten Wissenschaftler den Weltraum auf Röntgenquellen untersuchen. In den neun Jahren seines Einsatzes erfasste der Satellit etwa 80.000 kosmische Röntgenquellen, mehr als 4000 Forscher aus 24 Ländern waren an den Messungen beteiligt. In dieser Zeit kreiste der Satellit auf einer elliptischen Umlaufbahn, die 585 bis 565 Kilometer von der Erdoberfläche entfernt war. Seitdem er außer Betrieb genommen wurde, verlor er aufgrund der Reibung an der Erdatmosphäre mehr und mehr an Höhe, berichtet das DLR. Anfang September 2011 lag der Abstand zur Erde nur noch bei etwa 290 Kilometern. "Rosat" kann weder gesteuert werden, noch hat der Satellit ein Triebwerk an Bord.

Genaue Vorhersagen sind schwierig

Die deutschen Weltraumforscher haben erst jüngst bei einem Nasa-Satelliten verfolgen können, wie schwierig es ist, Vorhersagen für einen antriebslosen und nicht mehr zu steuernden Satelliten zu treffen. Die Reste des US-Satelliten UARS fielen in den Pazifik und richteten keine Schäden an. Daher lässt sich nicht mehr nachweisen, ob die Berechnungen stimmten, dass vom US-Satelliten nur 532 Kilo der ursprünglich 5,9 Tonnen übrig blieben. Die Summe der "Rosat"-Trümmer sollen immerhin drei Mal so schwer sein.

Fachleute rechnen mit rund 30 Trümmerteilen mit einem Gesamtgewicht von 1,6 Tonnen, die auf der Erde oder auf einem Meer aufschlagen. Problematisch sind große Spiegelteile aus hitzebeständigem Material, die mehrere Hundert Kilo Gewicht erreichen können. Von "Rosat" dürfte daher mehr als die sonst üblichen bis zu 40 Prozent der Ursprungsmasse beim Wiedereintritt in die Atmosphäre übrig bleiben, sagen die DLR-Experten.

Gefahr für Deutschland sehr gering

Trotzdem beruhigen sie und warnen vor Hysterie. Die Bahn des Satelliten verlaufe zwischen dem 53. nördlichen und südlichen Breitengrad, sodass auch Deutschland von dem Wiedereintritt betroffen sein könnte. Die Bevölkerung im Norden, also etwa in Hamburg, dem nördlichen Niedersachsen, Schleswig-Holstein oder in großen Teilen von Mecklenburg-Vorpommern sei zwar keinem Risiko ausgesetzt, weil sie außerhalb dieser Breitengrade liegen. Im restlichen Gebiet könnten Trümmer aufkommen - die Wahrscheinlichkeit hierfür sei jedoch sehr gering. Das Risiko beträgt 1:580 oder 0,17 Prozent. Und die Gefahr, dass jemand zu Schaden käme, liegt laut DLR bei etwa 1:700.000. Zudem kam bislang noch nie ein Mensch aufgrund von Weltraummüll zu Schaden, obwohl schon 27.000 Tonnen Schrott in die Erdatmosphäre eingetreten und dort fast vollständig verglüht ist.

Zu den größten Abstürzen aus dem Weltraum gehörte die Rückkehr des Forschungslabors Skylab im Jahr 1979 mit etwa 80 Tonnen oder die der MIR-Raumstation 2001 mit 135 Tonnen. Schon jetzt laufen die Vorplanungen, wie in Jahrzehnten die Internationale Raumstation ISS mit über 430 Tonnen kontrolliert zum Absturz gebracht werden kann.

Nicht zuletzt aus Haftungsgründen wächst der Druck auf die Industrie und die Staaten, den Weltraummüll sowie ausgediente Satelliten und Raketenteile besser zu überwachen und möglichst zu vermeiden.

Deutschland, USA und Großbritannien haften für Schäden

Bei "Rosat" muss sich Deutschland erstmals auf Schadenszahlungen vorbereiten, den deutscher Weltraummüll verursachen könnte. Nach dem Weltraumrecht haften die Start-Staaten eines Satelliten als Gesamtschuldner. Bei "Rosat" wären das Deutschland, die USA als Lieferant der Startrakete sowie Großbritannien, das ein Instrument beisteuerte.

Kein Wunder, dass die Industrie und Weltraumagenturen seit längerem Projekte fördern, wie sich Weltraumschrott vermeiden lässt. Beim DLR gibt es ein Projekt, mit Satellitenrobotern ausgediente Satelliten einzufangen und anschließend kontrolliert zur Erde zurückzubringen. Das stark wachsende, private US-Raumfahrtunternehmen SpaceX hat jüngst den Vorschlag einer nahezu vollständig wiederverwendbaren Trägerrakete gemacht, bei der die Reste nicht im All bleiben, sondern kontrolliert an den Startplatz zurückkehren.

Die USA gelten als Vorreiter bei den Experimenten. In der Branche ist es ein offenes Geheimnis, dass Experimente zum Einfangen von Satelliten oder Weltraummüll auch von Militärs dazu genutzt werden könnten. Satelliten im All gelten als eine der sensibelsten und am schlechtesten geschützten Anlagen überhaupt.

FTD
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