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Exomars-Mission Kein Signal von "Schiaparelli" - und jetzt?

ExoMars
Illustration des Schiaparelli-Modells mit dem Fallschirm, der die Geschwindigkeit des Moduls vor dem Aufsetzen reduzieren soll
Mit einem unverhofften Störfall gerät Europas und Russlands Marsforschung ins Stottern. Die historische Landung einer Sonde auf dem Roten Planeten hakt, aber ein Satellit zieht planmäßig seine Bahnen. Welche Auswirkungen hat das für das Prestigeprojekt ExoMars?

Nach einer Nacht zwischen Hoffen und Bangen ist Europas Raumfahrtchef Jan Wörner der Missmut anzuhören. "Crash?
Ich verstehe Ihre Frage nicht", reagiert der sonst so besonnene Deutsche auf das Interesse von Journalisten am Schicksal der Marssonde "Schiaparelli". 50 Sekunden vor der mit Spannung erwarteten Landung des Moduls auf dem Roten Planeten war am Abend zuvor der Kontakt abgerissen. Die Sorge ist groß, dass "Schiaparelli" als 600 Kilogramm schwerer Weltraumschrott zertrümmert im roten Sand liegt.

Vorher sendete die Sonde aber Daten zur Erde. Also "Operation geglückt, Patient tot"? So fatalistisch möchte Wörner das europäisch-russische Prestigeprojekt ExoMars nicht werten. "Wir haben die Daten, wir haben Testergebnisse - ich bin sehr froh", sagt der Chef von Europas Raumfahrtagentur Esa. Wenige Meter links von ihm steht wie eine ferne Erinnerung ein Modell von "Schiaparelli" im Darmstädter Kontrollzentrum, während das Schicksal des Originals nach rund 500 Millionen Kilometern Flug ungewiss ist.

ExoMars: Expedition mindestens teilweise bestanden

Bei der Esa und ihrem russischen Partner Roskosmos geht es nun aber darum, das Rätselraten über den genauen Ablauf des Landeanflugs in geordnete Bahnen zu lenken und aufzulösen. "Es könnte sein, dass der Lander auf dem Boden liegt und sein Bordfunk entweder kaputt ist - dann können wir nichts machen - oder es ist einfach nur die Software abgestürzt, dann können wir einen Reset machen", sagt Flugleiter Michel Denis der Deutschen Presse-Agentur. Das würde dann mit Hilfe eines Orbiters wie Mars Express geschehen, der seit 2003 um den Himmelskörper kreist, erklärt er.

Die ehrgeizige Expedition ExoMars gilt auch als eine Art kosmisches Reifezeugnis für die Esa. Mindestens teilweise hat sie bestanden. Der Satellit "Trace Gas Orbiter" (TGO), der zeitgleich mit "Schiaparelli" vor sieben Monaten startete, zieht wie geplant seine Bahnen um den Roten Planeten und soll nach Hinweisen auf Leben suchen. "Sie können zwar sagen: Es gab keine weiche Landung (von "Schiaparelli") und bisher keinen Kontakt. Aber wir haben einen funktionierenden TGO, mit dem wir forschen können", sagt Wörner. "Wir haben die richtige Grundlage, um den Mars zu erforschen." Dennoch klingt ein wenig Enttäuschung mit, dass "Schiaparellis" Landung weiter Rätsel aufgibt.

Doch die Esa und ihr Partner Roskosmos kämpfen nicht nur gegen die Herausforderungen des Alls, sondern auch gegen hohe Erwartungen auf der Erde. Actionstreifen wie "Der Marsianer" wecken mit intergalaktischen Heldensagen Sehnsüchte, die die Raumfahrtbranche nach dem bisherigen Stand der Technik nicht befriedigen kann. Das beginnt damit, dass die Besatzung aus der Kultserie "Raumschiff Enterprise" aus den 1960er Jahren aufrecht durch die Gänge läuft - unter Missachtung der Schwerelosigkeit.

In der Realität ist allein eine Landung auf dem Mars extrem kompliziert. "Eine Sonde schwankt beim Abstieg wie ein Klavier, das Möbelpacker auf einer Treppe hin und her zerren", erklärte der Raumfahrtexperte Iwan Anikejew einmal.

Die Esa braucht dringend Erfolge

Zwar geben sich Wörner und seine Kollegen alle Mühe, Erwartungen und Realität anzugleichen. Doch letzten Endes geht es für die Zukunft der Marsforschung auch um finanzielle Zwänge. Rund 1,3 Milliarden Euro hat die Esa bereits ausgegeben für ExoMars, Roskosmos hat Schätzungen zufolge eine weitere Milliarde beigesteuert. Und die Finanzierung der zweiten Phase, in der Europa und Russland 2020 ein Forschungsfahrzeug zum Mars schicken wollen, ist nicht gesichert. Nach Angaben von Rolf Densing, Leiter des Esa-Missionsbetriebs, fehlen noch 260 Millionen Euro, die die Mitgliedstaaten bei einer Ministerkonferenz im Dezember freigeben müssen. Da braucht die Esa dringend Erfolge.

Raumfahrtdirektor Wörner gibt sich jedoch gelassen. "Sie (die Minister) werden sehen, dass diese Mission ein Erfolg ist", sagt er mit Blick auf die Konferenz. "Wir haben die Funktionen, die wir für die Mission 2020 brauchen. Wir müssen sie nicht überzeugen, wir müssen es ihnen nur zeigen - die Ergebnisse sind offensichtlich."
Missionsleiter Densing betont: "Ich sehe keinen Grund, warum man die zweite Phase jetzt abblasen sollte." 

Zusammenfassung: Die Mission in drei Stichworten

SCHIAPARELLI: Die Forscher haben die Hoffnungen für die Testsonde "Schiaparelli" noch nicht ganz aufgegeben. Die empfangenen Daten werden weiter analysiert. Zudem hoffen die Experten, neuen Kontakt zu Europas Modul auf dem Mars herzustellen. Wenn das nicht automatisch gelingt, wollen sie einen Reset versuchen. Doch das Zeitfenster ist klein. Selbst wenn alles planmäßig verlaufen wäre, hätte "Schiaparelli" lediglich Energie für wenige Tage.

TGO: "Laut und deutlich" sendet der "Trace Gas Orbiter" seine Signale nach einem kräftigen Bremsmanöver. Nun reist TGO mehrere Monate auf einer elliptischen Bahn zwischen 250 Kilometern und 100 000 Kilometern von der Marsoberfläche entfernt. Eine Marsumrundung dauert etwa vier Marstage (etwa 4 Erdentage und 2,5 Stunden). Ab Januar soll durch schwierige Bremsmanöver und Kurskorrekturen die Umlaufbahn stetig verkleinert werden, bis TGO schließlich Ende 2017 seinen kreisförmigen Zielorbit 400 Kilometer über dem Boden erreicht. Dann kann die Forschung beginnen.

EXOMARS 2020: Die Auswertung der Testlandung ist wichtig für die Entwicklung des Landemoduls, das die Raumfahrtbehörden Esa und Roskosmos zusammen bauen, um in vier Jahren einen Rover auf die Marsoberfläche zu schicken. Den Roboter selbst entwickelt die Esa. Ursprünglich sollte das Milliardenprojekt schon 2018 starten, wurde aber aus technischen Gründen verschoben. Daraus entstehen Zusatzkosten, die noch nicht gedeckt sind. Die Esa hofft auf eine Finanzspritze ihrer 22 Mitgliedstaaten von rund 260 Millionen Euro. 

Von Wolfgang Jung, Thomas Körbel und Simon Ribnitzky DPA

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