HOME

Kollision im All: Die Esa bangt um ihre Satelliten

Das Weltall, unendliche Weiten? Von wegen! Zumindest in Erdnähe herrscht drangvolle Enge. Die Raumfahrt hat die Umlaufbahn um unseren Planeten in eine Schrotthalde verwandelt. Die Kollision zweier Nachrichtensatelliten zeigt, dass der Weltraum-Müll zum ernsten Problem wird. Die Esa muss derzeit sogar um eigene milliardenschwere Satelliten bangen.

Von Dieter Hoß

Frank-Jürgen Diekmann und seine Kollegen sitzen derzeit auf heißen Kohlen. Seit am Morgen bekannt wurde, dass ein amerikanischer und ein russischer Satellit in 800 Kilometern Höhe zusammengeprallt sind und zerstört wurden, herrscht Alarmstimmung beim Flugleiter der europäischen Erdbeobachtungssatelliten "ERS-2" und "Envisat", der allein 2,3 Milliarden Euro gekostet hat. Die beiden Vorzeige-Objekte der Europäischen Raumfahrtagentur Esa sind in akuter Gefahr, da sie sich in derselben Umlaufbahn befinden wie die Unglückssatelliten. Jederzeit können die beiden Esa-Forschungsschiffe mit den Trümmern zusammenstoßen - was das Ende der Missionen bedeuten dürfte. Ein Esa-Sprecher zu stern.de: "Das ist nicht ohne, was da gerade passiert."

"Ein Metallstück schlägt im All durch ein Sonnensegel wie durch Butter", erläutert Diekmann. Die Größe der Splitter spielt dabei keine Rolle. Durch die enorme, ungebremste Geschwindigkeit von mindestens sieben Kilometern pro Sekunde könnte selbst ein Objekt von der Größe einer Euro-Münze einen tonnenschweren Satelliten zerstören. Trifft es den Treibstofftank, kann der Satellit explodieren, trifft es ein Sonnensegel könnte die Stromversorgung ausfallen. Auch dann wäre der Satellit wohl für immer verloren.

Banges Warten auf neuen Funkkontakt

Da die Satelliten auf ihrer Umlaufbahn regelmäßig in den Erdschatten treten, bricht der Funkkontakt immer wieder ab. Das ist eigentlich normal, doch derzeit beginnt für Diekmann und seine Kollegen damit das Zittern. Kehrt das Signal wieder? Bisher meldeten sich "Envisat" und "ERS-2" stets zurück. Doch das Bangen wird noch mindestens eine Woche weitergehen. Obwohl ein Spezialisten-Team der Esa intensiv damit beschäftigt ist, die Flugbahnen der mindestens 600 Trümmerstücke aus der Explosionswolke der Unglückssatelliten zu berechnen, werden die Experten erst in einigen Tagen genauer sagen können, wie groß die Gefahr für die Esa-Satelliten ist. So lange geht das Bangen weiter - es sei denn, ein Crash bringt vorher bittere Gewissheit, das die Satelliten verloren sind.

Der aktuelle Zusammenstoß ist der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die im Grunde schon 1957 begonnen hat. Mit dem ersten Satelliten im All - dem sowjetischen Sputnik - begann der Mensch nicht nur seinen Aufbruch in den Weltraum, sondern er fing auch an, die unendlichen Weiten zu verschmutzen. Inzwischen ist die Erdumlaufbahn ein regelrechter Schrottplatz aus mehr als 35 Millionen Trümmerstücken - von kleinsten Partikeln bis hin zu größeren Brocken. Nur die rund 10.000 Trümmerstücke, die einen Druchmesser von zehn Zentimeter und mehr haben, können von den Raumfahrtagenturen beobachtet werden. Der große Rest stellt ein Risiko für Forschungs-, Wetter - oder Telekommunikationssatelliten sowie Raumfähren und Raketen dar.

Beeinträchtigung künftiger Missionen?

Der jüngste Vorfall zeigt, dass sich das Problem verschärft hat. "Wir müssen sehen, ob wir das bei der Planung neuer Missionen künftig stärker berücksichtigen müssen", sagt Diekmann. Immerhin: Akute Gefahr für die Erdbevölkerung besteht offenbar nicht. Dafür sind die Trümmerstücke der zerstörten Satelliten zu klein - sie würden in der Erdatmosphäre als "Sternschnuppen" verglühen, bevor sie die Oberfläche erreichten. Auch die Astronauten auf der ISS sind durch den aktuellen Vorfall nicht gefährdet, da die internationale Raumstation in einer deutlich niedrigeren Umlaufbahn in nur rund 350 Kilometern Höhe unterwegs ist. Generell allerdings könnte selbst ein kleines Trümmerstück die Station und ihre Besatzung sehr wohl in Gefahr bringen - zum Beispiel, wenn die Sauerstofftanks durch einen Einschlag beschädigt würden. In immerhin schon acht Fällen musste die ISS bisher Trümmern ausweichen.

Als grundsätzliches Problem erkannt haben die Weltraumnationen den Schrott in der Erdumlaufbahn längst. Anfang der neunziger Jahre einigten sich die großen Raumfahrtagenturen darauf, die Müllmenge im All zumindest nicht zu erhöhen. Seither werden die meisten Satelliten-Missionen so angelegt, dass die Forschungsgeräte nach 25 Jahren gefahrlos in der Erdatmosphäre verglühen. Allerdings erhöht sich die Zahl der Objekte im Orbit durch neue Missionen - auch, weil die Zahl der Raumfahrtnationen steigt. Zuletzt schickte der Iran einen Satelliten ins All und plant zudem derzeit sieben weitere Starts.

Müllabfuhr im All hat keine Chance

Die Vereinbarung zur Begrenzung des Weltraum-Mülls hat sich nach Ansicht von Experten aber bewährt. Nur der Müll aus der Frühzeit der Raumfahrt schwirrt weiter unbeirrt um unseren Planeten, denn eine Weltraum-Müllabfuhr wird es nicht geben. "Es gibt keine Technologie, die das ermöglichen würde", gibt Frank-Jürgen Diekmann zu bedenken. Die Schrott-Teile rasen mit rund 28.000 Stundenkilometern um die Erde. Bisher gibt es nichts, womit man derartige Geschosse einfangen könnte.

Themen in diesem Artikel