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Vor hundert Jahren: Rekord-Meteorit schlug in Deutschland ein

63 Kilo schwer, 36 Zentimeter Durchmesser: Der "Meteorit von Treysa" war eine Wucht. Als er vor hundert Jahren in Deutschland einschlägt, hinterlässt er Donner und Rauch. Und schafft es ins Guinness-Buch der Rekorde.

Für die Forschung wurde der Meteorit angeschnitten

Für die Forschung wurde der Meteorit angeschnitten: Feine Linien offenbaren sich dort. Die sogenannten Widmanstätten-Figuren, die nur bei Meteoriten entstehen - durch die langsame Abkühlung über Millionen Jahre im Inneren.

Abermillionen Jahre lang taumelt ein Eisenbrocken durch das All. Dann, vor 100 Jahren, endet die Reise: in einer Waldlichtung in Hessen. Die spektakuläre Ankunft des Himmelskörpers am 3. April 1916 um 15.25 Uhr faszinierte die Bevölkerung rund um das heutige Schwalmstadt ebenso wie Forscher. 

"Es ist der größte Meteorit, dessen Fall in Deutschland beobachtet wurde", sagt Peter Masberg, der das Mineralogische Museum der Universität Marburg leitet. Dort wird der Fund aufbewahrt. Der rund 63 Kilogramm schwere "Meteorit von Treysa" mit einem Durchmesser von etwa 36 Zentimetern schaffte es sogar ins Guinness-Buch der Rekorde.

Treysa ist heute ein Ortsteil von Schwalmstadt. Vor 100 Jahren beobachteten die Menschen dort "bei strahlend-blauem Himmel mehrere Sekunden lang ein leuchtendes Objekt, das mit einem lang anhaltenden Donner und einer kilometerlangen Rauchfahne über ihre Köpfe raste und auf dem Boden aufschlug". So fasst die Uni Marburg zum Jahrestag das historische Geschehen zusammen. Im Kerngebiet des Aufschlages sei die Schockwelle Augenzeugen zufolge so stark gewesen, dass Fensterscheiben und Geschirr klirrten.

Ein Scheibchen abgeschnitten

Die Geschichte des Meteoriten beginnt aber viel früher, wie Mineraloge Masberg erklärt. Der Klumpen ist 4,56 Milliarden Jahre alt und damit etwa so alt wie unser Sonnensystem. Er stammt aus dem Asteroidengürtel zwischen Jupiter und Mars und war etwa 600 Millionen Jahre unterwegs, ehe die Erde ihn "einfing".

Der bleigraue Bote aus dem Weltall liegt heute in einer Glasvitrine im Museum. Er ist etwas leichter als bei seiner Ankunft, denn Wissenschaftler haben für ihre Forschungen mehrere Stücke abgeschnitten. Das ermöglicht Einblicke ins Innere des Meteoriten. Feine Linien offenbaren sich dort, filigrane Strukturen wie winziges Fischgrätparkett. Das sind die so genannten Widmanstätten-Figuren.

Einem Zeitgenossen war vor 100 Jahren rasch klar, dass es sich bei der Himmelserscheinung nur um einen Meteoriten handeln konnte: Alfred Wegener, Meteorologe, Polarforscher und Geowissenschaftler. Berühmt wurde er für seine bahnbrechende Theorie zur Kontinentalverschiebung - die allerdings erst nach seinem Tod anerkannt wurde.

Wegener wollte den Meteoriten-Absturz rekonstruieren. Dafür brauchte er Augenzeugen, die er per Zeitungsaufruf suchte. "Außer einer möglichst genauen Zeitangabe", heißt es darin, "sind von besonderem Wert Beobachtungen über die Farbe und etwaigen Farbenwechsel der Lichterscheinung, über Himmelsrichtung und Winkelhöhe, in der die Explosion oder das Erlöschen des Meteors stattfand".

"Meteoriten-Party" zum Jahrestag

Die Annonce hat Gerhard Hosemann aus Schwalmstadt für eine Abhandlung über den Meteoriten verwendet. Er ist der Vorsitzende des Knüllgebirgsvereins, der sich auch um Heimatgeschichte kümmert und anlässlich des Jahrestages eine "Meteoriten-Party" samt Wanderung zum Fundort mitveranstaltet. "Wir wollen Groß und Klein an diese spannende Geschichte heranführen", so der pensionierte Schulleiter. "Das gibt es relativ selten: Einen solch großen Einschlag in Deutschland und dann wird der Meteorit auch gefunden."

Das allerdings gelang erst 1917. Derweil wertete Wegener die Augenzeugenberichte aus und machte seine Berechnungen. Er ermittelte unter anderem die Bahnlänge und Geschwindigkeit des Meteoriten. Zudem ging er davon aus, dass der Brocken 50 Kilogramm schwer und rund eineinhalb Meter tief eingeschlagen sein musste - was sich bis auf wenige Kilos und Zentimeter als richtig erwies.

Am Ende entdeckte ein Revierförster den Einschlagsort im Wald. Am 6. März 1917 meldete er den Fund. Der Brocken lag allerdings nicht an der von Wegener errechneten Stelle. Aber das schmälere nicht dessen große wissenschaftliche Leistung um den "Meteoriten von Treysa", betont Masberg. Und der ist für die Wissenschaft weiterhin interessant. Masberg zufolge wird auch heute noch mit Probestücken geforscht.

lea/DPA