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Riesenteleskop "Grantecan": Wie vier Millionen Pupillen

Es soll in bisher unbekannte Tiefen des Weltraums blicken: Auf der kanarischen Insel La Palma hat das weltgrößte Teleskop seinen Testbetrieb gestartet. Es hat die Sehstärke von vier Millionen menschlichen Pupillen.

Wäre die Erde eine Scheibe, könnte man künftig von den Kanarischen Inseln aus das Licht einer brennenden Kerze in Moskau sehen oder die Scheinwerfer eines Autos in Australien erkennen. Das dazu notwendige Riesenteleskop gibt es jetzt jedenfalls: Es nennt sich "Grantecan", hat die Stärke von vier Millionen menschlicher Pupillen und steht auf der Insel La Palma. In der Nacht zum Samstag nahm es erfolgreich seinen Probebetrieb auf.

Der spanische Kronprinz Felipe erlebte als Ehrengast das "erste Licht" der 130 Millionen Euro teuren Anlage. So nennen es Astronomen, wenn ein Teleskop erstmals das Licht eines Gestirns "einfängt". Mit dabei war auch der Gitarrist der Rockgruppe Queen, Brian May: In jüngeren Jahren hatte er Astrophysik studiert und ist von dem Projekt so fasziniert, dass er eine Musik dazu komponieren will. Für die Anlage beginnt nun eine Testphase, in der alle Instrumente justiert werden. Im kommenden Jahr soll das größte Spiegelteleskop der Welt dann den regulären Betrieb aufnehmen.

Unerreichte Tiefen

Mit dem "Grantecan" (die Abkürzung steht für Großes Teleskop der Kanaren) wollen die Wissenschaftler in bislang unerreichte Tiefen des Universums vordringen, ferne Galaxien erforschen, die Entstehung von Sternen beobachten und weitere Planeten außerhalb unseres Sonnensystems finden. Die spannendste Frage dabei erläutert Projektleiter Pedro Alvarez: "Es wäre natürlich wunderbar, wenn dieses Teleskop uns dabei helfen könnte, einen Planeten zu entdecken, der unserem ähnelt. Ich bin nämlich davon überzeugt, dass es auch anderswo im Universum Leben geben kann."

Riesenfernrohre gibt es bislang etwa auf dem Gipfel des erloschenen Vulkans Mauna Kea auf Hawaii (Keck I und Keck II) oder auf dem Cerro Paranal in Chile, wo die Europäische Südsternwarte (ESO) das Very Large Telescope (VLT) betreibt. Keines von ihnen hat aber die Ausmaße des "Grantecan", das sich in 2400 Metern Höhe auf dem Gipfel des Roque de los Muchachos erhebt. Das Herzstück dieses "Galaxien-Jägers", wie die Zeitung "El Mundo" es nannte, ist ein Parabolspiegel von 10,4 Metern Durchmesser. Er besteht aus 36 sechseckigen Segmenten einer besonderen Glaskeramik, die noch nicht ganz zusammengesetzt worden sind. Gebaut wurde er von der deutschen Spezialfirma Schott (Mainz). Das Teleskop wiegt 500 Tonnen und ist 41 Meter hoch - das entspricht einem 13-stöckigen Hochhaus.

Aktoren gleichen Krümmungen aus

Teleskope sind wie ein Trichter, erläutert Alvarez: Je größer der Spiegel, umso mehr Licht können sie einfangen und umso weiter können sie gucken. Um die Spiegelkrümmung auszugleichen, die beim Schwenken eines solchen Riesenfernrohrs angesichts des großen Eigengewichts entsteht, arbeitet die Anlage mit aktiver Optik: Die Spiegel sind auf so genannten Aktoren gelagert, die die Krümmung ausgleichen. Andernfalls würden Abbildungsfehler entstehen - wie etwa das verzerrte Bild, das schlecht geschliffene Billigspiegel wiedergeben.

Mit dem Bau des "Grantecan" wurde vor sieben Jahren begonnen. Eigentlich sollte es schon 2004 fertiggestellt sein. Doch allein der Transport der Bauteile über die lange Serpentinenstraße, die zum Gipfel des Roque de los Muchachos führt, war eine große Herausforderung für Mensch und Maschine. Dafür ist der Standort ideal. Der klare Himmel - geschützt durch ein Gesetz, das in der Umgebung fremde Lichtquellen verbietet - und ein in der Regel gleichmäßig wehender Wind erleichtern die Arbeit der Sterngucker. Nicht umsonst gilt das "Grantecan" als bestes Instrument zur Erforschung des Himmels auf der Nordhalbkugel.

Auf dem Gelände betreiben das Astrophysikalische Institut der Kanaren (IAC) und andere Forschungszentren bereits mehrere Sternwarten. Finanziert wurde das "Grantecan" größtenteils von der spanischen und der kanarischen Regierung. Beteiligt sind zudem Universitäten aus Mexiko und den USA.

Jörg Vogelsänger/DPA / DPA
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