HOME

Sojus-Start zur ISS: Darum begeistert der Flug von Alexander Gerst

Schon oft ist die Sojus zur ISS gestartet, der Ritt ins All ist Routine. Der Start des deutschen Raumfahrers Alexander Gerst begeistert ungewöhnlich stark. Warum?

Ein Erklärungsversuch von Lea Wolz

Die Sojus-Rakete auf dem Weg zur ISS

Die Sojus-Rakete auf dem Weg zur ISS

Manchmal ist es ein Gefühl. Manchmal sind es Bilder. Und manchmal sind es Bilder, die Gefühle perfekt transportieren. Das Foto, das gestern kurz nach dem Start der Sojus-Rakete entstand, hat mich von Anfang an beeindruckt, weil es so verdichtet beides enthält. Es fängt einen perfekten Moment ein: Wie Scherenschnitte sehen die Fotografen aus, ihre Objektive haben sie auf die Sojus-Rakete gerichtet, die als kraftvoller, heller Strahl vor ihnen in den Himmel donnert und die kasachische Steppe erleuchtet. Und es vermittelt ein Gefühl: Ganz rechts im Bild steht ein Beobachter, der beide Arme gen Himmel streckt - eine Geste voller Freude, ein Mensch, der wie ein Tänzer aussieht, als ob er einen Feuerball in die Luft geworfen hätte und ihm nun nachriefe: flieg!

Flüge zur ISS eher Routine als Rocket Science

Schöner, ästhetischer hätte man das Bild nicht komponieren können. Eine Aufnahme, die auch den Moment des Staunens ausdrückt. Ein Staunen, dem auch ich mich gestern nicht entziehen konnte. Ich bin kein Raumfahrtexperte, aber ich vermute stark, dass die Flüge zur ISS mittlerweile eher Routine als Rocket Science sind. Und dennoch ist es berührend und beeindruckend mitzuerleben, wie sich drei Männer aus unterschiedlichen Nationen jahrelang auf eine solche Reise vorbereiten. Wie sie auf der Pressekonferenz kurz vor dem Start Einigkeit demonstrieren - auch wenn sich Russland und die USA auf der politischen Bühne zoffen und die Frage offen ist, wie es mit der ISS weitergeht. Wie sie eher spielerisch anmutenden Ritualen, die Bestandteil der Raumfahrer-Tradition sind, ebenso nachgehen wie ihrem strengen Trainingsprogramm: den Namen auf die Tür im Hotel "Kosmonaut" kritzeln, ein Bäumchen in der "Allee der Kosmonauten" pflanzen, sich von einem russisch-orthodoxen Priester segnen und vor dem Start dann doch besser noch einmal von einem Mediziner durchchecken lassen. Wie sie sich in die Raumfahrtanzüge zwängen und im Anschluss eingeengt in der Spitze der Rakete darauf warten, dass sie mit Wucht ins All geschossen werden.

Die Tatsache, dass ein Deutscher mit an Bord ist, dürfte dabei von der ISS aus betrachtet eher nebensächlich sein. Und doch sorgt sie dafür, das Geschehen näher an uns heranzuholen. Über Twitter, Facebook, im Fernsehen, auf den Onlineseiten von großen und kleineren Nachrichtenportalen: Überall konnte man gestern den Start verfolgen. Und zuvor über Twitter-Fotos Baikonur kennenlernen, die Stadt und den Weltraumbahnhof Kosmodrom. Es war ein wenig so, als wäre man selbst dabei in dieser kasachischen Einöde, in der vieles aus Sowjetzeiten an die glanzvolle russische Raumfahrtvergangenheit erinnert.

Lichtschweif gegen die Schwerkraft

Dieses kollektive Fieber war ansteckend. Eine Mischung aus Akribie, Ernsthaftigkeit, Neugier, Leidenschaft und Spielerei, die sympathisch ist. "Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt", wusste schon Schiller, ganz ohne ISS und Sojus-Rakete. Aber es stimmt: Wo der Mensch sich selbst vergisst, wo er begeistert ist, kann Großes entstehen. Angesichts der schlechten Nachrichten aus aller Welt, ist es daher wundervoll zu sehen, was Leidenschaft und Begeisterung bewirken können. Wie sich ein Lichtschweif gegen die Schwerkraft stemmt und abhebt. Vielleicht erklärt dies das Gefühl, das ich gestern beim Anblick des Sojus-Starts hatte: ein respektvolles Wow, ein Aufatmen nach dem Start, ein innerliches Arme-in-die-Luft-Werfen. Versuchen Sie dann einmal, schlecht gelaunt zu sein. Das geht gar nicht.

Themen in diesem Artikel