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Angst vor Krankheit: Hypochonder im Cyberspace

Brustschmerzen, Muskelzucken oder Kopfdruck: Das Internet bietet unzählige Informationen über Symptome aller Art. Für Menschen mit ausgeprägter Angst vor Erkrankungen kann das schwierig werden, sagt Psychologin Dr. Gaby Bleichhardt.

Für wen können Gesundheitsinformationen im Netz zum Problem werden?
Das Phänomen ist noch nicht gut untersucht. Vermutlich kann es für jene problematisch werden, die schon vorher mit Krankheitsängsten zu tun hatten oder die allgemein sehr ängstlich sind. In Einzelfällen kann es auch Menschen betreffen, die in einer besonderen Belastungssituation sind. Dann reichen manchmal Kleinigkeiten, um aus der Bahn geworfen zu werden.

Einige nennen dieses Phänomen "Cyberchondrie", eine Mischung aus Cyberspace und Hypochondrie. Warum lehnen Sie dieses Kunstwort ab?
Es ist ein cooler Begriff, der aber mit keinem gültigen Konzept verknüpft ist - geschweige denn gut untersucht. Niemand weiß, was damit wirklich gemeint ist. Ein Krankheitsbild? Oder ein Verhaltensphänomen, dass Menschen Angst bekommen, wenn sie im Internet Krankheiten recherchieren?

Wie häufig kommen denn solche Krankheitsängste in Deutschland vor?
Wir haben eine repräsentative Gruppe danach befragt. Das Ergebnis: Sechs Prozent machten sich zu diesem Zeitpunkt ausgeprägte Sorgen, schwer krank zu sein. Das sind rund fünf Millionen Deutsche. Umgekehrt heißt das aber nicht, dass bei allen Hypochondrie diagnostiziert wird. In dem Fall müssten die Krankheitsängste mindestens ein halbes Jahr bestehen. Das scheint nur ungefähr ein halbes Prozent der Deutschen zu betreffen.

Eine gewisse Angst vor Krankheit und Tod ist sicher normal. Warum nehmen diese Sorgen bei manchen Menschen überhand?
Wir vermuten, dass dies in Phasen passiert, in denen man sehr belastet ist und ohnehin nicht viel Puffer hat, um zusätzlichen Druck auszugleichen. Es kann auch mit der Vergangenheit zu tun haben: Wenn Menschen schlimme Krankheiten in der Familie oder im Freundeskreis erlebt haben, trifft diese Sorge auf fruchtbareren Boden. Das heißt, es entwickeln sich viel schneller Ängste, an die sich bestimmte Vorstellungen von Krankheiten knüpfen.

Wie wichtig wird für solche Menschen das Internet?
Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt Menschen, die kommen gar nicht erst auf die Idee, im Netz nachzuschauen. Andere nutzen es phasenweise als Quelle, um Informationen nachzulesen oder sich zu beruhigen. Wenn man Angst vor einer bestimmten Krankheit hat, schaut man nach, ob das gerade erlebte Symptom auch noch dazu passt. Jedes Mal zum Arzt zu gehen ist meist recht aufwendig. Das Internet hingegen ist immer da und der Betroffene kann mal eben überprüfen, welche Symptome zur Krankheit gehören. Vielen Hypochondriepatienten macht das allerdings so viel Angst, dass sie nach relativ kurzer Zeit wieder die Finger davon lassen.

Sollte man dann lieber gar nicht mehr ins Internet gehen?
Nein, denn das Vermeiden ist immer schlecht. Viele Patienten haben ein weiträumiges Vermeidungsver-halten entwickelt. In einem extremen Fall konnte eine Betroffene mit Angst vor Brustkrebs kaum noch Radio hören, weil da Kylie Minogue gespielt werden könnte, was die Patientin an Brustkrebs erinnern würde. So etwas engt den Lebensspielraum stark ein. Teilweise setzen wir das Internet in der Therapie sogar ein, um Ängste zu provozieren. Dann geht es darum, sich von beängstigenden Informationen nicht aus der Bahn werfen zu lassen.

Woran kann man selbst erkennen, ob man zu viel Angst vor Krankheiten hat?
Typische Anzeichen sind, wenn die Ängste einen in ganz unterschiedlichen Lebenslagen gefangen nehmen. Wenn man merkt, dass man sich nicht mehr richtig auf die Arbeit konzentrieren kann. Oder es gelingt einem nicht mehr, sich abends zu entspannen, weil die Gedanken permanent um irgendwelche möglichen Krankheiten kreisen.

Können Betroffene dann gar nicht mehr arbeiten?
So dramatisch muss es nicht sein. Es reicht schon, wenn die Leistungsfähigkeit von 100 auf 90 Prozent sinkt. Dann kann das für einen persönlich schon bedeutsam sein, auch wenn das dem Arbeitgeber noch gar nicht auffällt.

Wer hilft dann weiter?
Wenn die Ängste über eine längere Zeit vorhanden sind und tatsächlich eine ausgeprägte Hypochondrie vorliegt, dann ist die beste Adresse ein Psychotherapeut.

Wie arbeiten Sie mit den Patienten?
An der Uni Mainz bieten wir ein spezielles Behandlungsangebot für Hypochondrie, an dem die Betroffenen drei bis sechs Monate teilnehmen. Was dabei passiert, kann man am besten an dem Begriff der kognitiven Verhaltenstherapie erklären. Kognitiv heißt: Arbeit am Gedanken. Hat jemand zum Beispiel Angst vor Darmkrebs, arbeiten wir an dem Gedanken "Ich könnte Darmkrebs haben". Wir besprechen die Symptome, die an diesen Gedanken geknüpft sind. Wir schauen auch, wie sich der Betroffene mit seinem Körper auseinandersetzt und was die Symptome sonst noch verursachen kann - ohne dass es Darmkrebs sein muss.

Trainieren Sie auch, das Verhalten zu ändern?
Wer Krankheitsangst hat, eignet sich meist Verhaltensweisen an, die ihn kurzfristig beruhigen. Am besten hilft zunächst eine ärztliche Untersuchung, bei einer Angst vor Darmkrebs zum Beispiel eine Darmspiegelung. Wird nichts gefunden, geht es dem Ängstlichen kurzfristig wieder gut. Irgendwann kommt aber die Sorge vor der Krankheit wieder. Und je länger jemand Krankheitsangst hat, desto schneller kehren die Sorgen wieder. Die Betroffenen hätten dann am liebsten wieder eine neue Darmspiegelung. Oder sie möchten zumindest von ihren Partnern wissen, ob die ihre Symptome für bedenklich halten. Oder sie recherchieren wieder im Internet. In der Therapie möchten wir, dass der Betroffene zunächst sein Verhalten kritisch reflektiert. Und wir unterstützen ihn dabei, dieses Verhalten zu reduzieren oder ganz darauf zu verzichten.

Die Betroffenen müssen also lernen, mit ihrer Angst zu leben?
Wichtig ist es, die Ängste auszuhalten, nicht sofort ins Internet oder zum Arzt zu gehen und zu lernen, wieder selbst mit den Sorgen klarzukommen. Hilfreich kann auch sein, für Arztbesuche einen festen Zeitabstand einzuplanen: Ich gehe nicht zum Internisten, wenn meine Angst am größten ist, sondern zum Beispiel nur alle fünf Monate.

Verunsichert das nicht noch mehr?
Ängstliche Patienten hätten am liebsten ein hundertprozentiges Sicherheitsgefühl. Doch das ist eine Utopie, Krankheiten können uns jederzeit treffen. In der Therapie geht es darum, dem Risiko ins Gesicht zu schauen und zu lernen, trotzdem wieder Freude am Leben zu bekommen - auch wenn einen irgendwann einmal eine schlimme Krankheit ereilt.

Arnd Schweitzer
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