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Contergan-Opfer: "Ich lebe verdammt gerne"

Als vor 50 Jahren Contergan auf den Markt kam, schluckten es viele schwangere Frauen - und brachten Kinder mit Fehlbildungen zur Welt. Auch Tilmann Kleinau wurde 1961 mit verkürzten Beinen und Armen geboren. Heute ist er Literaturwissenschaftler und begeisterter Schlagzeuger.

Von Anika Geisler

"Wollen Sie es überhaupt sehen?" Diese Frage stellte am 21. Juli 1961 in München ein Arzt der frischgebackenen Mutter. Mit "es" meinte der Doktor das Kind, das er gerade per Kaiserschnitt entbunden hatte und dessen Arme und Beine stark verkürzt waren. Die Mutter wollte. "Ich wurde notgetauft", erzählt Tilmann Kleinau - das Baby von damals - heute. "Die Ärzte rieten meinen Eltern dazu, weil sie nicht wussten, wie lange ich leben würde. Nach dem Motto: Wenn einer von außen schon so aussieht, wer weiß, was bei dem innen drin alles kaputt ist. Deshalb bekam ich auch nur den zweitliebsten Jungennamen meiner Eltern. Den liebsten Namen wollten sie wohl nur einem gesunden Kind geben." Noch heute fühlt sich Tilmann Kleinaus Mutter schuldig, weil sie Contergan in der Schwangerschaft eingenommen hatte. Ihr Sohn versucht immer wieder, ihr diese Gefühle zu nehmen.

Tilmann Kleinau wuchs bei seinen Eltern auf, ging sowohl in einen Kindergarten für Körperbehinderte als auch in einen normalen Kindergarten. Er machte Abitur an einem integrativen Gymnasium und studierte schließlich in Regensburg, der einzigen Rollstuhlgerechten Uni in Deutschland. "Der Knackpunkt bei Freundschaften war oft die Frage: Kannst Du mal mit aufs Klo kommen und mir helfen?", erzählt Kleinau.

Heute lebt der promovierte Literaturwissenschaftler und Fachübersetzer in Stuttgart und braucht rund um die Uhr seine professionellen Helfer. Sie assistieren ihm beim Zähneputzen, waschen, dem Gang zur Toilette, sie kochen für ihn und waschen die Wäsche. Essen, telefonieren, auf dem Computer schreiben - das kann er alleine. Er hadert nicht mit seinem Leben. "Ich lebe gerne, verdammt gerne sogar, und wenn es nur den Sinn hat, anderen Mut zu machen", sagt der 46-Jährige. Er liebt es, AC/DC so laut zu hören, dass er die Bässe im Magen spürt. Er spielt seit seiner Jugend selbst Schlagzeug und tritt mit seiner Rockband "Crosslane" regelmäßig auf. "Schlagzeuger wäre ich sowieso geworden", sagt Tilmann Kleinau. "Egal, ob mit langen Armen oder mit kurzen."

Frauen betrachten ihn nur als Kumpel

Sein Verhältnis zu Frauen ist ein besonderes Thema: "Ich war immer der gute Kumpel zum Quatschen. Aber nicht der Mann für mehr. Da sind die Äußerlichkeiten eben doch zu wichtig. Viele Frauen haben auch unterbewusst Angst, dass sie dann für meine Pflege zuständig wären", sagt Kleinau.

Was ihm im Alltag zu schaffen macht, nennt er "das Handicap durch Dritte". Wenn einer seiner Helfer krank wird, und er stundenlang, hilflos auf Ersatz warten muss. Wenn er mit seinem E-Rollstuhl unterwegs ist und ein Aufzug kaputt ist, und deshalb die ganze Tagesplanung den Bach runtergeht. Wenn er neue Leute kennenlernt und er wieder beweisen muss: Ich kann was, ich kann arbeiten, man kann mir was zutrauen. "Manchmal sehe ich dem anderen regelrecht an, was er denkt, wenn er mich zum ersten Mal trifft. Nämlich: 'Wer weiß, ob der geistig normal ist? Vielleicht lebt der im Heim?' Solche Vorurteile immer wieder abzubauen, das ist anstrengend."

Contergan-Verfahren wurde wegen Geringfügigkeit eingestellt

Tilmann Kleinau bekommt 545 Euro Contergan-Rente im Monat, aus einer Stiftung die eigens für Contergan-Opfer gegründet wurde. Im Jahre 1970, kurz bevor der Prozess gegen die Hersteller-Firma Grünenthal wegen Verjährung zu platzen drohte, einigten sich Kläger und Beklagte auf eine Einstellung des Verfahrens wegen "geringfügiger Schuld" und wegen "geringfügigen Interesses für die Bundesrepublik Deutschland". "Für alle Betroffenen ist die Formulierung 'Einstellung wegen geringfügiger Schuld' bis heute eine Ohrfeige", sagt Tilmann Kleinau. "Meine Behinderung ist keineswegs geringfügig."

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