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Darwin-Award: Die dümmsten Todesfälle gekürt

4,7 Promille sind tödlich. Das hat ein Texaner zu spüren bekommen, der für sein fatales Ableben posthum mit dem "Darwin Award" ausgezeichet wurde. Einem Preis, der besonders dämlichen Todesfällen gewidmet ist. Und als Rektal-Alkoholiker hat er sich diesen verdient.

Von Tim Farin

Sucht macht erstaunlich erfinderisch. Und wenn sich der Erfinder mit seiner Innovation selbst aus dem Leben katapultiert, ungewollt und kurios, dann freut sich die Evolution. Dann ist die natürliche Auswahl der besten Gene wieder mal einen wichtig-witzigen Schritt vorangekommen. Der Texaner Michael, 58, hat es in die Ruhmeshalle der dümmsten Abgänge der Welt geschafft - und dafür nun späten Ruhm geerntet. Der Rektal-Alkoholiker wurde jüngst zum Gewinner des "Darwin Award" 2007 gekürt, der alljährlich von der kalifornischen Molekularbiologin Wendy Northcutt verliehen wird. Auf der Website www.darwinawards.com sammelt und kürt Northcutt zu Ehren des Vordenkers der Evolutionstheorie jene Menschen, die in Folge ihrer eigenen Entscheidungen ums Leben kommen oder sich selbst sterilisiert haben. Oder, wie Northcutt es ausdrückt, "jene, die unseren Gen-Pool verbessern, indem sie sich versehentlich selbst daraus entfernen".

Genau das hat der Texaner Michael gemacht, und zwar auf eine Weise, die selbst für Fachleute wie Northcutt von "außerordentlicher Fehlanwendung der Urteilskraft" zeugt: Der Herr war alkoholischen Flüssigkeiten höchst zugeneigt, allerdings nicht auf übliche Weise. Vielmehr liebte er es, seinen Schnaps über Einläufe in den Darm zu konsumieren. Seine Frau verriet, er sei "süchtig nach Darmspülungen" gewesen. Im Mai 2004 hatte Michael besonders viel Lust, er verabreichte sich selbst zwei 1,5-Liter-Flaschen mit Sherry. Nach einer Weile wurde er bewusstlos - und wachte nie wieder auf, denn der Alkohol in seinem Darm wurde vollends absorbiert. 4,7 Promille wurden nach seinem Tod bei ihm gemessen. Die Nachbarn sagten, so etwas hätten sie von diesem Mann niemals erwartet.

Die dümmsten Tode sogar schon verfilmt

Ob sie sich getraut haben, der Witwe des nun in den Rang der Prominenz aufgestiegenen Opfers mit einem fröhlichen Lachen zu begegnen, ist indes nicht überliefert. Überhaupt stellt sich alljährlich zur Verleihung der seit 1993 ausgegebenen Prämierung die Frage, ob es in Ordnung sei, über die letzten Fehltritte eines Menschen zu lachen. Northcutt ist oft gebeten worden, die Beschreibung solcher Schicksale wieder von ihrem Web-Portal zu tilgen, aber sie sagt, sie könne das nicht: "Diese Sachen sind einfach zu dumm." Tatsächlich lohnt sich die enzyklopädische Arbeit für Northcutt, mit der Dummheit verschiedener Mitmenschen macht sie ordentlich Kasse - sie unterhält nicht nur die populäre Website, sondern hat inzwischen vier Bücher veröffentlicht. Sogar ins Kino haben es die Darwin Awards schon gebracht, 2006 feierte der Film mit demselben Titel auf dem Sundance Festival seine Premiere - mit Winona Ryder, Joseph Fiennes, David Arquette und anderen Stars in tragenden Rollen.

Die Entscheidung über den Sieger für 2007 kann Northcutt nicht leicht gefallen sein. Schließlich gab es harte Konkurrenz. Beim Publikum am beliebtesten war jenes schlüpfrige Abenteuer, das ein 21-jähriges Pärchen aus South Carolina das Leben kostete. Die Polizei fand in den frühen Morgenstunden des 20. Juni die beiden leblosen, nackten Körper auf einer Straße - weit und breit war kein Auto oder Zeichen eines Unfalls zu sehen. Erst bei Besichtigung eines Hauses in der Nähe ahnten die Fahnder, was sich zugetragen hatte - und tatsächlich: Oben auf dem pyramidenförmigen Dach fanden sie die ordentlich abgelegten Kleider der jungen Liebenden. Es war klar: Die beiden hatten sich zu sehr vergnügt und waren, passend zur Darwinschen Auszeichnung, beim Reproduktionsakt abgerutscht und verstorben. Der Titel, den Wendy Northcutt der Geschichte erteilte: "What Goes Up Must Come Down".

Es geht nicht um schnödes Sterben, sondern um Exzellenz

Die Kriterien der Auswahl für einen Darwin Award sind wissenschaftlich. Es kann sich qualifizieren, wer sich und seine Anlagen durch den eigenen Tod oder den Verlust der Fortpflanzungsfähigkeit selbst aus dem Gen-Pool entfernt. Sodann geht es nicht um schnödes Sterben, sondern um "Exzellenz", wie Northcutt es formuliert. Zudem müssen die Protagonisten Opfer eigener Handlungen sein und dazu noch urteilsfähig. Ein ganz besonders wichtiges Kriterium ist auch die Verifizierbarkeit. Tatsächlich finden sich auf der Website jede Menge Stories, die zwar inzwischen Millionen Menschen bekannt sind, die aber gar nicht stimmen. Solche "Urban Legends" versieht Northcutt mit einem entsprechenden Kommentar. Und sie gibt auch jenen eine Chance, die fast, aber nicht ganz über den Jordan gegangen sind. Beispiel gefällig? Larry Walters aus Los Angeles wollte 1982 beweisen, dass er mit Heliumballons an einem Stuhl abheben konnte. Er betankte also einen ganzen Batzen Ballons, und tatsächlich ging er in die Luft. Aber statt wie geplant nur ein paar Meter in die Höhe zu steigen, erreichte er - auf seinem Stuhl hockend - ein Niveau von etwa fünf Kilometern. Er traute sich aber nicht, einige Ballons zum Platzen zu bringen, um wieder zu sinken, also schwebte er 14 Stunden über der Metropole, auch durch die Einflugschneise des internationalen Flughafens LAX. Als er dann doch den Mut sammelte und durch kontrolliertes Platzenlassen einiger Ballons wieder gen Boden sank, endete sein Flugvehikel in einer Stromleitung und sorgte für einen gewaltigen Blackout in Long Beach. Doch der Pilot überlebte - und wurde verhaftet.

Das trug ihm eine "ehrenhafte Erwähnung" auf der Seite der wortgewandten Biologin ein. Wie schade es wäre, würde Northcutt selbst auf dümmliche Weise hinfortscheiden. Denn ihr Dienst an der Menschheit ist gewaltig - und ihre Geschichten sind einfach zu wichtig, um nicht über sie zu lachen.

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