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Drogen Mit Speed auf die Party


Müdigkeit? Fehlanzeige. Diese Jugendlichen tanzen bis zum Morgengrauen. Warum ihre Beine und Augenlider niemals schwer werden.

Ein Mann mit orangefarbener Sonnenbrille, Shorts und Deutschlandsocken hüpft über die Tanzfläche. Sein Körper reagiert auf die wummernden Elektro-Beats, als durchzuckten ihn viele einzelne Stromschläge. Er reißt die Arme in die Höhe, nickt mit dem Kopf, dreht sich schneller, immer schneller.

Lena*, 27, sitzt im Gras und ist neidisch. Hier auf dem Soma-Festival in Köln, bedauert sie ihren Entschluss, keine Drogen mehr anzurühren. "Wenn ich Speed oder Kokain genommen hätte, wäre ich jetzt auch ein Teil der Musik." Drogen - für Lena waren sie das I-Tüpfelchen auf jeder Party. Was sie ohne am meisten stört: Dass sie nicht mehr so lange durchhalten kann, wie früher. "Ich gehe schon um fünf Uhr morgens schlafen, weil ich kaputt bin."

Anderthalb Jahre lang hat Lena regelmäßig Drogen genommen. Meistens am Wochenende, hin und wieder auch in der Bäckerei, in der sie früher gearbeitet hat. "Mir ging alles leicht von der Hand, ich war lustiger und netter. Ich hatte das Gefühl, ganz viele Freunde zu haben und von allen geliebt zu werden." Doch wenn sie an das "einschneidende Erlebnis" vor vier Monaten denkt, über das sie nicht sprechen will, ist Lena sich sicher: Die Zeit der Tüten, Pillen und Nasen ist für sie vorbei.

Eine Plastiktüte fliegt über die Tanzfläche. Björn*, 25, kickt sie immer wieder in die Luft. "Schau mal, ich habe einen Delphin dabei", ruft er und deutet auf ein blau-graues Plüschtier, das an seinem Gürtel hängt. Dann fragt er, ob ihm jemand ihm "ein paar Teile" (Ectasy) verkaufen kann. Dabei sind erst ein paar Stunden vergangen, seitdem er Speed genommen hat. "Mit Hilfe der Drogen kann ich immer weiter tanzen, wach bleiben und alles rauslassen. Manchmal mehrere Tage lang", sagt der Englisch- und Philosophie-Student aus Köln.

Wach und fit sein - das möchten die 45.000 Besucher des Nature One Festivals in Kastellaun/Hunsrück auch unbedingt. Auf dem Gelände der Raketenbasis Pydna, das so groß ist, wie 150 Fußballfelder, wird schließlich nur einmal im Jahr Party gemacht. Dafür aber gleich vier Tage lang. Geladen sind die Lieblings-DJs der Techno-Szene: Paul Van Dyk, Sven Väth, Tom Novy. Insgesamt 300 DJs und Live-Acts treten auf. Getanzt wird auf vier riesigen Tanzflächen, in 19 Clubs und hoch oben auf den Gras bewachsenen Bunkern.

Wer zieht sich da schon auf den Campingplatz zurück, um zu schlafen? Ruhe findet man ohnehin keine. Dunk dunk dunk dröhnt der Beat, Laserblitze jagen durch den Sommernachtshimmel, ein Hubschrauber kreist über den Boden. "Live your passion" ist das Motto der Riesen-Party - lebe Deine Leidenschaft.

Mexx Kanarek, 25, Netzwerktechniker aus Stuttgart hat sich zum Tanzen in einen Club verzogen. In eine Röhre, in der früher Raketen gelagert wurden. Er braucht Platz, ganz viel Platz. Denn wenn er tanzt, wirbelt er nach rechts und links, lässt sich auf die Knie fallen, nimmt seinen Hut ab und zeigt seine pink-gelben Haare. Speed hat er nicht genommen. "Ich trinke nur Cola und esse eine Koffein-Tablette. Das hilft mir, die ganze Nacht durchzuhalten." Ein Mädchen mit Spinnennetz-Lendenschutz und Kuhfellstiefeln sagt stolz: "Das ist meine erste Nature ohne Drogen." Sie fügt hinzu: "Ich gehe aber glaub ich gleich pennen."

Für die anderen Festival-Besucher ist die Party noch lange nicht vorbei. Auch morgens um sieben Uhr riecht es noch nach Red-Bull, Salami-Pizza und Marihuana. "Kannst Du mir ein paar Teile verkaufen?", fragt ein etwa 20-Jähriger mit breiten Hosen und Hubschrauberlandeplatz-Frisur. Die Frau neben ihm auf der Tanzfläche schüttelt den Kopf. "I am restless, I am ready", tönt es aus den Boxen. Die Party geht weiter, immer weiter.

Katrin Schmiedekampf print

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