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Hirnforschung: Gefangen im Hier und Jetzt

Menschen mit Amnesie haben nicht nur die Erinnerung an die Vergangenheit verloren - sie können sich auch keine zukünftigen Ereignisse vorstellen. Nach Ansicht von Forschern sind sie gezwungen, in der Gegenwart zu leben.

Britische Wissenschaftler haben Tests mit Amnesie-Patienten gemacht und herausgefunden, dass die Fähigkeit, sich ein bestimmtes neues Ereignis auszumalen, bei ihnen stark beeinträchtigt war. Einen Grund dafür glauben die Forscher gefunden zu haben: Die Patienten konnten sich kein einheitliches Gesamtbild konstruieren, sondern sahen nur einzelne, zusammenhanglose Bilder vor ihrem inneren Auge. Von ihren Ergebnissen berichten die Forscher um Demis Hassabis vom University College London in der Fachzeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences" (doi 10.1073 pnas.0610561104).

Fantasie wird zu einer Sammlung getrennter Bilder

Die Wissenschaftler untersuchten fünf Patienten, die durch eine Beschädigung des Hippocampus, eine für das Lernen und Gedächtnis wichtigen Gehirnregion, unter Gedächtnisschwund litten. Diesen und zehn gesunden Probanden skizzierten sie eine bestimmte alltägliche Situation, wie ein Tag am Strand, einen Museumsbesuch oder einen Waldspaziergang, und baten sie daraufhin, sich dieses Ereignis möglichst detailliert und lebhaft vorzustellen. Zusätzlich sollten sich die Probanden ein Ereignis in der Zukunft ausmalen, zum Beispiel den nächsten Geburtstag. Um auszuschließen, dass die Testteilnehmer die Bilder nicht mit Szenen aus ihrer Erinnerung konstruierten, forderten die Forscher sie dazu auf, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen und sich etwas vollkommen Neues auszudenken. Das Produkt ihrer Einbildung sollten die Probanden dann in allen Einzelheiten, einschließlich der erlebten Sinneseindrücken, beschreiben.

Die Forscher bewerteten die Qualität der Bilder anhand verschiedener Kriterien wie dem Inhalt, der Selbstbeurteilung durch die Testteilnehmer, dem räumlichen Zusammenhang und der Lebhaftigkeit der Darstellung. In allen Kategorien schnitten die Patienten mit Amnesie deutlich schlechter ab als Menschen ohne Gedächtnisstörung. Sie erzählten von weniger Details, sahen sich seltener in einer bestimmten Position und beschrieben weniger Sinneseindrücke. Eine mögliche Ursache fanden die Forscher in dem Unvermögen der Amnesie-Patienten, die Ereignisse in einem zusammenhängenden Szenario zu sehen, sondern nur in einer Sammlung getrennter Bilder

Hippocampus liefert die Kulisse

Die Wissenschaftler glauben einen gemeinsamen Mechanismus gefunden zu haben, der sowohl dem Wiederaufrufen von Erinnerung als auch der Vorstellung von eingebildeten und zukünftigen Ereignissen zugrunde liegt. Dabei liefert der Hippocampus die Kulisse, in die die Details eingebunden sind. "Menschen mit Amnesie sind also gezwungen, in der Gegenwart zu leben", folgern die Forscher.

DDP / DDP