Hirschhausens Sprechstunde Bei Hopfen und Malz verloren


Durst ist eines der wenigen Gefühle, das Männer wahrnehmen und artikulieren können, erklärt Arzt und Kabarettist Dr. med. Eckart von Hirschhausen in seiner Sprechstunde - und verrät auch gleich, welchen eindeutigen Zusammenhang es zwischen Bier und Brüsten gibt.

"Der Teufel hat den Schnaps gemacht, um uns zu verderben." Erinnert sich noch jemand an diesen Schlager? Udo Jürgens hat ihn 1973 mit der Fußballnationalmannschaft aufgenommen. So ambitioniert volksaufklärerisch der Song auch gemeint war, er war eigentlich nur im Vollrausch zu ertragen. In welchem Zustand gesungen wurde, lässt die Aufnahme nur erraten. Von der Zurechnungsfähigkeit des poetischen Subjekts, das meint, eine Frau von der Heilsarmee abschleppen zu können, ganz zu schweigen.

Das Tragikomische am Rausch sind für mich drei Teufelskreise, drei Strudel, in denen der Alkoholkranke schnell droht sich zu verlieren: der erste ist Durst, der zweite Sorgen und der dritte Humor und vermeintliche Attraktivität.

Durst ist eines der wenigen Gefühle, die Männer wahrnehmen und artikulieren können. Wobei es nach dem Stillen des Dursts mit dem Artikulieren bisweilen schwieriger wird. Aber Trinken kann eben auch nonverbal tief empfunden werden. Es gibt Richtung: über den Durst – unter den Tisch. Und orale Befriedigung. Nicht umsonst kommt das Wort "stillen" nur im Zusammenhang mit Durst und Brust vor.

Wer Hunger hatte, ist nach dem Essen satt. Für das Gegenteil von Durst gibt es kein Wort, aus gutem Grund. Unser Kolumnetiefster Durst kann ohnehin nie gesättigt sein, nur vorübergehend "mundtot".

Bereits bei einer Abweichung von 0,5 Prozent im Wasserhaushalt steuert unser Körper gegen. Das "Antidiuretische Hormon" beispielsweise hält dann Flüssigkeit zurück. Eine fiese Laune der Schöpfung ist, dass Alkohol als Nebenwirkung dieses Hormon hemmt, also mehr Durst verursacht, als je mit Alkohol zu stillen wäre. Ein Teufelskreis, der eigentlich jedem Trinkenden bekannt sein dürfte. Jedoch zusätzlich teuflisch löscht Alkohol, wenn schon nicht den Durst, so doch sehr wirkungsvoll die Erinnerung.

Sorgen sind gute Schwimmer

Sorgen: Wer meint, sie nicht anders ertragen zu können, versucht sie in Alkohol zu ertränken. Aber Sorgen sind gute Schwimmer. Und aus lauter Scham darüber wird weitergetrunken, um das wieder zu vergessen. Dabei kann man doch auch ohne Alkohol keinen Spaß haben.

Robert Gernhardt kannte den Unterschied zwischen Gefühlen und einer Bierflasche. "Die Bierflasche muss man aufmachen. Gefühle muss man zulassen." Wer sich nur ein wenig um andere sorgt, lässt auch die zweite Bierflasche zu. Mindestens jeder neunte Autounfall geschieht unter Alkoholeinfluss. Und wer jetzt denkt, nüchtern betrachtet sind doch die nüchternen Fahrer statistisch viel gefährlicher, ist schon bei Falle Nummer drei: Humor und vermeintlicher Attraktivität.

Bierbauch ohne Bier

Wie viel Bier steckt im Bierbauch? Ein Bier hat weniger Kalorien als die gleiche Menge Apfelsaft oder Milch. Schuld am Übergewicht ist nicht das "flüssige Brot" allein, sondern die Schweinshaxe mit Pommes, die man dazu isst, weil Bier den Appetit anregt. Wer zu viel Alkohol trinkt, verhärtet zudem seine Leber, das venöse Blut staut sich und presst Flüssigkeit in die Bauchhöhle. So gluckert im Bierbauch kein Bier, sondern "Bauchwasser".

Statt männlicher werden Biertrinker durch Pflanzenstoffe und einen verwirrten Hormonhaushalt immer weiblicher: zur Pseudoschwangerschaft entwickelt sich auch die passende Brust. In der unsäglicherweise immer noch erlaubten Alkoholwerbung wird emotional immer eine Verbindung von Getränken und Geselligkeit suggeriert: Sobald man ein Bier trinkt, ist man, zack, umzingelt von prallen Brüsten. Die Realität hat damit nur bedingt zu tun: Die einzigen prallen Brüste, von denen man in der Kneipe umgeben ist, sind die der männlichen Biertrinker. Lauter einsame Gestalten, die sich bei Hopfen und Malz verloren haben.

"Sie lud mich in ihr Zimmer ein, und dort erfuhr ich dann, wer zu viel trinkt, ist leider oft nur noch ein halber Mann." Das wäre doch wie bei den Zigarettenschachteln eine wirksame Abschreckung: Hinweise auf den Flaschen wie "Saufen macht impotent", darunter: "Achtung – durch Alkohol schätzen Sie sich und andere attraktiver ein, als Sie sind."

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