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Kopfwelten: Mit Tunnelblick gegen Hellseher

Ist die Zukunft vorhersagbar und Hellsehen möglich? In einem angesehenen Fachblatt soll demnächst eine Studie erscheinen, die genau das angeblich beweist. Doch Wissenschaftler laufen dagegen schon allein wegen des Themas Sturm.

Von Frank Ochmann

Der Aufbau des Experimentes war einfach: Die Teilnehmer - je 50 junge Frauen und Männer - saßen vor einem Computerbildschirm, auf dem bei jeder Runde nebeneinander zwei Vorhänge auftauchten. Nur hinter einem sei ein Bild verborgen, so wurde den Freiwilligen gesagt. Und sie sollten jeweils mit der Maus auf den Vorhang klicken, hinter dem sie das Bild vermuteten - links oder rechts. Mehr Informationen gab es nicht, um die Aufgabe zu bewältigen.

Also ein klarer Fall für den Zufall: Auf jeden Treffer musste rein theoretisch eine Fehlansage kommen. Zumeist waren die Resultate auch so. Doch bei einer Art von Fotos gab es eine deutliche Abweichung von der Zufallsverteilung "50 - 50". Waren hinter dem Vorhang nämlich Bilder versteckt, die heterosexuelle Paare beim Sex zeigten, lag die Trefferquote der Ratenden vor dem Bildschirm signifikant höher. Auch dann waren es zwar nur gut 53 Prozent statt 50. Doch nach der Analyse konnte das kein Zufall mehr sein. Irgendwie schienen einige Teilnehmer zu ahnen, was sie doch nicht ahnen konnten.

Das beschriebene Experiment stammt von einem respektablen und inzwischen emeritierten Professor der ebenfalls respektablen New Yorker Cornell University. Daryl J. Bem beschäftigt sich neben sehr viel gewöhnlicheren Fragen schon seit einigen Jahren mit der sogenannten außersinnlichen Wahrnehmung. Kurz "Psi" oder auch Parapsychologie nennen die einen dieses Forschungsfeld, Hokuspokus und Scharlatanerie die anderen. Beide Parteien sind nun wieder einmal heftig aneinandergeraten. Denn die Ergebnisse des geschilderten Versuchs und noch weiterer derartiger Experimente sollen demnächst in einem angesehenen internationalen Fachblatt erscheinen.

Gegner laufen Sturm

Wie es bei solchen Wissenschaftsjournalen jeglicher Fachrichtung üblich ist, wurde der eingereichte Artikel des Professors zuvor eingehend von Kollegen untersucht. Gleich vier andere Wissenschaftler, sogenannte Peers, waren das im Fall von Bem. Und nachdem einige Änderungen ihrem Wunsch gemäß eingearbeitet waren, kamen sie zu dem Schluss, die Arbeit entspräche den Regeln der Wissenschaft. Im Laufe dieses Jahres nun soll der entsprechende Artikel gedruckt erscheinen.

Doch einige Gegner Bems laufen Sturm gegen die geplante Publikation. Zwar soll die sogar von einer wissenschaftlichen Erwiderung begleitet werden, in der niederländische Psychologen ihrem amerikanischen Kollegen die Analysen noch einmal haarklein vor- und sein positives Ergebnis so gut wie ganz wegrechnen. Auch das entspricht den weltweit akzeptierten Regeln wissenschaftlicher Auseinandersetzung. Doch manchem Kritiker reicht das nicht.

Die Veröffentlichung einer parapsychologischen Studie über das Hellsehen sei schon für sich ein Skandal, ja geradezu eine Verrücktheit. So etwa formuliert das der Psychologie Ray Hyman, ebenfalls ein pensionierter Professor und seit Jahren ein energischer Widersacher parapsychologischer Forschung. Wohl erst in Wochen oder Monaten wird der Kampf entschieden sein.

Mehr als akademisches Gerangel

Sollen sich die Experten halt streiten, oder? Geht uns dieses akademische Gerangel etwas an, falls wir nicht ein besonderes Interesse am Übersinnlichen haben? Ja! Und zwar aus Prinzip. Nehmen wir das folgende Beispiel.

Ungefähr als Albert Einstein zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts mit für viele abstrusen Gedanken die Physik revolutionierte, entdeckte der Arzt Alois Alzheimer bei einer Patientin das heute unter seinem Namen bekannte Leiden geistigen Verfalls. Die finsteren Aussichten für die Kranken haben sich seitdem nicht verändert. Die Alzheimersche Krankheit ist auch heute ohne Ausnahme unheilbar. So wird es schon als Erfolg gewertet, wenn es einmal gelingt, ihren Fortgang auch nur um ein paar Monate zu verzögern. Alle Kraftanstrengungen der modernen biologischen und medizinischen Forschung zusammen und auch das Geld der Industrie haben an diesem dürftigen Ergebnis bislang nichts ändern können.

Schon Alzheimer selbst glaubte, die von ihm entdeckten Eiweiß-Ablagerungen in den Nervenzellen seien der Grund für das Absterben der Neuronen. An dieser grundsätzlichen Annahme hat sich bis auf Feinheiten seither nichts geändert. Jedenfalls im Mainstream der Forschung. Was aber, wenn diese Vermutung falsch ist? Was, wenn die Ablagerungen in den Zellen des Gehirns nicht Ursache, sondern nur Folge des Leidens sind? Was, wenn das Fundament der Alzheimerforschung nicht trägt?

Auch Alternativen müssen gehört werden

Es gibt in dieser wissenschaftlichen Debatte alternative Vorschläge, auch wenn sie noch eher zaghaft vorgebracht werden: Andere Eiweiße könnten demnach für die Entstehung der Alzheimerschen Krankheit wichtig sein oder auch ganz andere biochemische Prozesse als die bisher bedachten. Vielleicht sogar das Altern selbst. Was immer sich am Ende als richtige Antwort auf eine lebenswichtige Frage herausstellt: Vermutlich wird sie revolutionär sein. Doch hätte sie eine Chance gehört zu werden, wenn auch dann jemand von akademischem Gewicht riefe, das sei doch alles nur eine "Verrücktheit" und dürfe darum nicht gedruckt werden?

Weder bin ich ein spezieller Freund der Parapsychologie noch glaube ich, dass die wissenschafltiche Wahrheit immer abseits der Mitte zu finden ist. Aber ich bin über Fünfzig und habe von daher - wie all die Altersgenossen aus der Generation der "Baby-Boomer" - ein wachsendes persönliches Interesse daran, dass zum Beispiel in einem bislang so trostlosen Fall wie der Alzheimerschen Krankheit wirklich in alle Richtungen gedacht und geforscht wird. Und dazu gehört eben, dass alle, die sich an die üblichen akademischen Regeln halten, auch dann Gehör finden, wenn sie im Chor der anderen ein bisschen schräg klingen. Vielleicht singen ja die falsch und nicht der Neuzugang?

Nicht nur bei der Suche nach einer wirkungsvollen Alzheimer-Therapie hat die Freiheit der Gedanken auch für uns Außenstehende Folgen. Und darum bringt es mich auf, wenn mit Donnerhall vorgetragene Vorurteile eine Diskussion gleich zu Anfang ersticken sollen - selbst dann, wenn es, wie bei den "Hellsehern", erst einmal nur um eine dreiprozentige Abweichung vom Zufall geht. Auf dem Spiel steht viel mehr.

Literaturliste

  • Bem, D. J. 2011: Feeling the Future: Experimental Evidence for Anomalous Retroactive Influences on Cognition and Affect. Journal of Personality and Social Psychology (im Druck, online vorab.)
  • Carey, B. 2011: Journal's Paper on ESP Expected to Prompt Outrage. New York Times v. 6.1. (online)
  • Dartigues, J. F. 2009: Alzheimer's disease: a global challenge for the 21st century. Lancet Neurology 8, 1082-1083
  • Herrup, K. 2010: Reimagining Alzheimer's Disease—An Age-Based Hypothesis. The Journal of Neuroscience 30, 16755-16762
  • Wagenmakers, E. et al. 2011: Why Psychologists Must Change the Way They Analyze Their Data: The Case of Psi. Journal of Personality and Social Psychology (im Druck, online vorab)
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