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Kopfwelten: Obamas schwarzes Dilemma

Der Amtsantritt des ersten farbigen US-Präsidenten wird oft als Meilenstein auf dem Weg zur Gleichberechtigung gesehen. Doch was Skeptiker schon vor der Wahl vermuteten, bestätigt sich in den ersten 100 Tagen: Obamas Siegeszug stärkt zwar die Seelen vieler Schwarzer, übertüncht aber zugleich ungelöste Rassenprobleme.

Von Frank Ochmann

"Ein Schwarzer bekam den schlimmsten Job des Landes" titelte das amerikanische Satireportal "The Onion" am 5. November 2008, nachdem Barack Obama zum 44. Präsidenten der USA gewählt worden war. "Als Teil seiner Aufgaben wird dieser Schwarze vier bis acht Jahre damit zubringen müssen, den Dreck wegzuräumen, den andere hinterlassen haben." Zumindest diese ironische Jobbeschreibung machte ihn zu einem der ihren, auch wenn es in den Monaten zuvor unter Afroamerikanern eine teilweise hitzige Debatte darüber gegeben hatte, ob der Sohn einer weißen Mutter und Harvard-Absolvent "schwarz genug" war.

Der überwältigende Wahlsieg, den Obama schließlich einfahren konnte, wischte solche Fragen zunächst vom Tisch und erweckte den Eindruck, die USA seien nun wirklich reif für den ersten farbigen Präsidenten. Abraham Lincoln, der 1863 die Sklaverei abgeschafft hatte, ging mit seinem schwarzen Nachfolger gewissermaßen Hand in Hand durch die Geschichte. Für die Afroamerikaner sei diese Wahl einer der wichtigsten Meilensteine der vergangenen 100 Jahre, glaubten da über 70 Prozent der Bevölkerung. Und fast genauso viele nahmen an, dass sich die Situation der bis in die Gegenwart unterdrückten oder zumindest benachteiligten Schwarzen bald merklich oder gar erheblich verbessern werde.

Brückenbauer zwischen Schwarz und Weiß?

Wie also sieht es heute aus? Hat sich wenigstens der Optimismus erhalten? Erweist sich Obama wirklich als Brückenbauer zwischen Schwarz und Weiß? Und wie sehr ist der gegenwärtige amerikanische Präsident "schwarz genug" und darum eine Identifikationsfigur geworden?

Eine sozialpsychologische Arbeitsgruppe, angeführt von David Marx von der San Diego State University, konzentrierte sich auf die Frage, ob der psychische Druck nachgelassen hat, den eine mit Vorurteilen aufgeladene Atmosphäre bewirken kann. Unabhängig von der Art dieser Vorurteile ist unter Psychologen nämlich seit längerem bekannt, dass Minderheiten in der Mehrheit der Bevölkerung vermutete Vorbehalte als wenigstens unterschwellige Bedrohung empfinden. Und die wirkt sich zumeist auch mindernd auf ihr Leistungsniveau aus. Marx und seine Mitarbeiter rekrutierten für ihre Untersuchung Freiwillige aus den gesamten Vereinigten Staaten. Dabei trafen 84 schwarze Amerikaner auf 388 weiße Landsleute, wenn auch nur virtuell am Computer. Beide Gruppen wurden in Bezug auf Alter, Sprachkenntnisse und Bildungsstand so ausgesucht, dass es von der Zusammensetzung her keine nennenswerten Unterschiede zwischen ihnen gab - bis auf die Hautfarbe eben. Gleich viermal wurde das Sprachvermögen der Probanden getestet, zum Beispiel wie gut vorgegebene Texte verstanden worden waren. Bei anderen Aufgaben mussten Analogien gebildet oder Sätze vervollständigt werden. Der erste Test wurde 2008 zu einem Zeitpunkt durchgeführt, als Obama die Nominierung seiner Partei noch nicht angenommen hatte. Direkt danach erfolgte die zweite Prüfung. Während des lange noch unentschiedenen Wahlkampfes wurde ein dritter Test anberaumt. Der vierte schließlich startete unmittelbar nach Obamas Wahlsieg. Somit gab es also zwei Termine, die atmosphärisch besonders stark vom aktuellen Erfolg des schwarzen Kandidaten geprägt waren.

Begleituntersuchungen bestätigten, dass sich die schwarzen Studienteilnehmer über die ganze Zeit und alle vier Tests hinweg der Vorurteile bewusst waren, die ihnen entweder tatsächlich von der weißen Mehrheit entgegengebracht wurden oder von denen sie das zumindest annahmen. Bei den jeweils 20 zu lösenden Aufgaben zeigte sich das in einem deutlichen Vorsprung der weißen Teilnehmer, obwohl es beim Bildungsstand der beiden Gruppen keinen nennenswerten Unterschied gab. Und auch sonst konnten keinerlei Differenzen dafür verantwortlich sein, dass die Weißen durchschnittlich um die zwölf, die Schwarzen aber nur acht Aufgaben korrekt lösten. Dieser Vorteil der Mehrheit gegenüber der Minderheit löste sich allerdings fast vollständig auf, wenn die Tests an Tagen stattfanden, die vom erfolgreichen Auftreten des schwarzen Politikers geprägt waren. Der von den Psychologen vermutete positive "Obama-Effekt" war also tatsächlich gefunden worden. Allerdings zeigten die Ergebnisse auch, dass ein starkes Vorbild allein nicht genügte, um das Selbstvertrauen von Menschen zu stärken, die zumindest unterbewusst unter Vorurteilen litten. Erst tatsächlich errungene Erfolge wie die Nominierung oder der Wahlsieg Obamas brachten die positive Wirkung einer Identifikationsfigur hervor.

Wie sehr es schwarzen Amerikanern also gelingen wird, sich aus den Fesseln von Stereotypen weiter zu befreien, wird auch davon abhängen, wie sehr sich die auf den neuen Präsidenten gerichteten Hoffnungen in konkreten politischen Ergebnissen erfüllen. Ohne greifbare Fakten werden die guten Gefühle wohl bald verblassen. Und die Weißen? Was bewirkt die erste schwarze Präsidentschaft der USA in den Köpfen der immer noch bei weitem - von Zahl und Einfluss her - dominierenden Bevölkerungsschicht?

Sieg des einen, Rückschritt für viele

Der prominente schwarze Soziologe Lawrence Bobo von der Harvard University hatte vor der Wahl 2008 geschrieben, es gäbe unter den Menschen seiner Hautfarbe zwar sehr viele, die Obamas Siegeszug freudig errege. Etliche bekämen es aber auch mit der Angst zu tun. Ihre Sorge sei, eine Präsidentschaft Obamas könnte Weiße dazu verführen, das Rassenproblem für gelöst zu halten und sich den Schwarzen gegenüber frei von jeder Schuld zu sehen. Der monumentale Sieg des einen könnte so zum Rückschritt für eine ganze Rasse werden. Zwei eben publizierte Studien bestätigen diese Sorgen weitgehend. Die ausdrückliche Unterstützung eines schwarzen Kandidaten brachte weiße Studenten als Versuchsteilnehmer dazu, Menschen ihrer eigenen Hautfarbe deutlich zu bevorzugen. Zum Beispiel bei der fiktiven Ausschreibung einer Polizistenstelle, und auch bei der Verteilung von Regierungsgeldern zwischen vornehmlich schwarzen oder weißen Nachbarschaftsvereinen.

Der Psychologe Benoît Monin von der Stanford University, unter dessen Leitung diese Studien durchgeführt wurden, hat auch schon in früheren Versuchen zeigen können, dass es im Umgang von Menschen so etwas wie "moralische Gutscheine" geben kann. Einfach gesagt: Wer Obama gewählt oder vielleicht auch nur einem schwarzen Schuhputzer ein ordentliches Trinkgeld gegeben hat, kann auf den Gedanken kommen, er habe stellvertretend für seine eigene Rasse nun "einen gut". Genau dieses Denken spiegelt sich in den Ergebnissen der zweiten Untersuchung zum Thema, die an der University of Washington in Seattle während des letzten Präsidentschaftswahlkampfes und auch noch über den Wahltag hinaus durchgeführt wurde: Fast zwei Drittel der durchweg nicht schwarzen Probanden sahen nach Obamas Sieg keinen Grund mehr, ihre Unterstützung für eine Politik rassischer Gleichbehandlung noch weiter aufrecht zu erhalten oder gar zu verstärken. Mit der Wahl Barack Obamas ist das Problem des Rassimus in den USA also alles andere als gelöst. Zumindest in den Köpfen gibt es die Gräben auch weiter. Und wie verloren sich zum Beispiel Millionen Latinos unterschiedlicher Rassen oder Menschen mit asiatischen Wurzeln fühlen müssen, wenn "Weiße" und "Schwarze" mit ihren jeweiligen Lobbygruppen den politischen Raum fast völlig ausfüllen, ist noch eine ganze andere Frage.

Literatur:

Bligh, M. C. & Kohles, J. C. 2009: The enduring allure of charisma: How Barack Obama won the historic 2008 presidential election, The Leadership Quarterly (im Druck, online vorab: doi:10.1016/j.leaqua.2009.03.013) Bobo, L. D. 2008: President Obama - Monumental success or secret setback?, The Root vom 17.7.2008, online: www.theroot.com/views/president-obama Bobo, L. D. & Charles, C. Z. 2009: Race in the American Mind: From the Moynihan Report to the Obama Candidacy, The Annals of the American Academy of Political and Social Science 621, 243-259 Effron, D. A. et al. 2009: Endorsing Obama licenses favoring Whites, Journal of Experimental Social Psychology 45, 590-593 Kaiser, C. R. et al. 2009: The ironic consequences of Obama's election: Decreased support for social justice, Journal of Experimental Social Psychology 45, 556-559