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Kopfwelten: Wie "Amokläufer" Gewissen beruhigen

Gewaltorgien an Schulen wie jetzt wieder im schwäbischen Winnenden rufen reflexartige Reaktionen hervor: Politiker fordern strengere Gesetze, die Medien machen den Täter zum "Amokläufer", also jemanden, der durchgeknallt und auf jeden Fall anders ist. Doch so einfach ist die Sache nicht.

Von Frank Ochmann

Es sind die immer selben Vermutungen und Verdächtigungen. Kaum hat einer irgendwo auf der Welt seine Waffen gezückt, ist in ein Schulhaus gelaufen und hat Mitschüler, Lehrer und am Ende sich selbst umgebracht, können wir wahrscheinlich bald darauf vernehmen, dass der Täter vollkommen einsam war, und natürlich hatten ihn Waffen und vor allem Gewaltspiele am Computer so sehr in den Bann gezogen, dass er am Ende nur noch in einer "virtuellen Welt" lebte - fertig ist der "Amokläufer". Verstanden aber ist damit gar nichts, und zur Vorbeugung weiterer schrecklicher Taten ist plattes Schubladendenken vollkommen wertlos. Das Etikett "Amok", so scheint es, dient vor allem der Beruhigung (verständlicherweise) zutiefst beunruhigter Beobachter: Was ich benennen kann, habe ich nämlich auch schon halb unter Kontrolle - oder doch nicht?

Bereits der Begriff ist untauglich und vernebelt mehr als er klar macht: "In einem Anfall von Paranoia umherlaufen und blindwütig töten" übersetzt der Duden das aus dem Malaiischen stammende Wort. Doch wenn einer seine Tat manchmal über Monate oder gar Jahre plant, zuvor noch einen Abschiedsbrief schreibt oder während des ebenfalls gern zitierten "Bewegungssturmes" ein potenzielles Opfer bewusst verschont, was ist dann noch "blindwütig" an einer solchen Tat?

Anders als bei uns ist in den USA von "Amok" so gut wie nie die Rede, wenn es an einer Schule zu einem der gefürchteten Gewaltausbrüche kommt. Und man tut gut daran, denn das Phänomen "Ngamuk" ist in der Kultur Javas durch viele Schichten verwurzelt und - jedenfalls aus der Sicht westlicher Forschung - noch nicht abschließend verstanden. Deutungsversuche des Begriffes reichen von einer bestimmten, kulturell begrenzten schweren psychischen Erkrankung bis zum poetischen Umgang mit sozialen Ängsten, wie sie ein Klima der Verdrängung von unerwünschten Gefühlen und gesellschaftlichem Anderssein hervorbringen kann. Wie sinnvoll ist es also wohl, einen so komplizierten Begriff auf Geschehnisse in kulturell völlig unterschiedlichen Ländern zu übertragen?

Was ist mit den Einsamen, die niemanden umbringen?

Schaut man auf gängige Klischees beim Umgang mit "Amokläufern", stellen sich noch weitere Fragen: Was ist zum Beispiel mit all den Einsamen da draußen, die niemanden umbringen und doch allein sind? Was ist mit denen, die sich eher auf die Lippen beißen oder weinen, wenn sie gehänselt werden, nicht aber ihre Peiniger töten? Was ist mit den Millionen Gamern, die kein einziges Mal zu wirklichen Waffen greifen, obwohl sie vor ihren Monitoren den Thrill von "Egoshootern" lieben und stundenlang ballern?

Dass es nicht immer nur die USA trifft - auch das war lange ein Vorurteil -, wissen wir hierzulande seit den gezielten bewaffneten Angriffen auf das Gutenberg-Gymnasium in Erfurt 2002 und auf das Geschwister-Scholl-Gynmasium in Emsdetten vier Jahre später. Der Amoklauf im schwäbischen Winnenden bestätigt diese traurige Erkenntnis erneut.

Bleiben wir trotzdem zunächst in den USA, denn dort gibt es zwar kein Monopol auf "school shootings", aber zumindest die meisten Erfahrungen. Gleich das erste Ergebnis der 2002 veröffentlichten Analyse der von Experten aus Sicherheits- und Schulbehörden gebildeten "Safe School Initiative" enttäuscht alle Hoffnungen auf ein klares Bild. Zwar waren alle Täter der 37 Attacken, die zwischen 1974 und 2000 geschehen waren, männlich und zwischen 11 und 21 Jahren alt, darüber hinaus aber ließ sich kein brauchbares typisches Persönlichkeitsprofil finden. Vor allem ließ sich keine psychische oder soziale Mängelliste erstellen, aus der klar hervorgeht, wer einmal zum Killer werden könnte und wer sicher nicht.

Die meisten Täter waren gute Schüler

Allzu viele offensichtliche Mängel gibt es nicht: Die meisten Täter waren keine Versager, sondern gute bis sehr gute Schüler, hatten enge Freunde und waren nicht vereinsamt. Sie gehörten außerhalb des Schulbetriebs oft sogar zu Vereinen oder anderen festen Gruppen. Typische Einzelgänger waren nach eigenem oder dem Urteil anderer gerade mal 34 Prozent. Zwei Drittel der Täter hatten mit ihrer Schule auch nie irgendein disziplinarisches Problem gehabt. Und dieses ingesamt eher positiv anmutende Bild eines Mitmenschen hatte in den meisten Fällen auch kurz vor der jeweiligen Tat keinen auffälligen Riss bekommen, der als Erklärung für das Ausrasten hätte herhalten können.

Gab es also gar keine Besonderheit? Nichts, was die Täter aus der Masse heraushob? Ein Klischee immerhin scheint sich zu bewahrheiten: Drei Viertel der späteren Täter fühlten sich nämlich zuvor selbst bedroht, verletzt oder wenigstens über längere Zeit zutiefst ungerecht behandelt. Und viele hatten zudem noch mit einem schmerzlichen Verlust oder eigenem persönlichen Versagen umzugehen. Probleme offenbar, die sie psychisch zu überwältigen drohten und in schwere Not brachten. Und warum haben sie nichts gesagt? Warum haben sie ihre Freunde oder wen auch immer um Hilfe gebeten? Die amerikanische Analyse zeigt, dass die meisten das wirklich getan haben. Sie haben ihre Not zum Audruck gebracht, haben vor dem gewarnt, was sich in ihren Köpfen zusammenbraute. So war es auch jetzt wieder, bevor es in Winnenden zur Katastrophe kam. Doch entweder werden solche Warnsignale überhört oder nicht ernstgenommen. Aus heiterem Himmel jedenfalls schlägt keiner zu. Oft gibt es lange Phasen, in denen das Unheil heraufzieht.

Mehr Aufmerksamkeit, eine sensiblere Umgebung

Natürlich erklären diese wenigen, skizzenhaften Beobachtungen noch nicht alles. Auch andere Jugendliche haben schwere Sorgen. Auch sie werden gehänselt, gemobbt oder isoliert und bringen trotzdem niemanden um. Eins aber können wir aus den genannten Untersuchungen der extremen Gewalt vielleicht doch lernen: Statt sich zum Beispiel von Staats wegen vor allem Gedanken über die mehr oder minder ausgeprägte Brutalität von Spielen und Videos auf den Festplatten hierzulande zu machen, scheint es überaus sinnvoll, den jugendlichen Köpfen vor dem Computer mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Was die vor allem brauchen, so zeigt sich auch am Extrembeispiel, sind nicht harmlosere Spiele, sondern eine sensiblere soziale Umgebung. Menschen, die zuhören, die wirklich an ihrem Wohl interessiert sind und zudem selber die Kraft haben, einen zu stützen, der wenigstens zeitweise den Halt zu verlieren droht. Denn längst nicht nur jugendliche "Amokläufer" - aber eben auch sie - leiden unter seelischen Qualen und brauchen Hilfe, weil sie mit sich selber und/oder mit denen um sie herum einfach nicht klar kommen. Wenn es dann nicht gelingt, durch den oft dicken Panzer von "Coolness" zu spüren und Vertrauen aufzubauen, droht natürlich nicht gleich ein Schulmassaker. Aber sind wir wirklich erst dann alarmiert?

Literatur:

Blakemore, S.-J. 2008: The Social Brain in Adolescence, Nature Reviews Neuroscience 9, 267-277

Browne, K. 2001: (Ng)amuk revisited: Emotional Expression and Mental Illness in Central Java, Indonesia, Transcultural Psychiatry 38, 147-165

Knecht, T. 1999: Amok und Pseudo-Amok, Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie 150, 142-148

Vossekuil, B. et al. 2002: The Final Report and Findings of the Safe School Initiative: Implications for the Prevention of School Attacks in the United States, Washington, D.C.: U.S. Secret Service and U.S. Department of Education