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Kommentar: Handy-Krebs? Nur bei der "Süddeutschen"

Laut Seite eins der Süddeutschen Zeitung ist es nun endlich bewiesen: Handystrahlung verursacht Krebs. Doch die vermeintliche Sensation beruht auf einer fragwürdigen Argumentation und nicht auf der vollständigen wissenschaftlichen Studie.

Von Christoph Koch

Endlich ist es raus - die Süddeutsche Zeitung hat es bewiesen: "Handys können Krebs auslösen", heißt es heute auf Seite eins. So gewichtig ist diese 14 Tage alte (Pseudo-, aber das kriegen wir später) Nachricht, dass sie es auf den prominentesten Platz des allfällig vor Selbstrespekt schwellenden Blattes aus München geschafft hat: Aufmacher auf Seite eins. Somit also: Obacht geben, länger leben. Hände weg vom strahlenden Tod im Taschenformat.

Zugegeben: Der vom Kollegen Christopher Schrader sodann zusammengefieselte Argumentationsfaden ist bereits ohne Kenntnis von Zusatzquellen gefährlich brüchig. Im Text wimmelt es von Teflon-Tricks aus der ersten Woche Volontariat: All die (kein wörtliches Zitat) "womöglichs" und "unterumständens" und "weiterestudiensindnötigs", die dem Leser verraten, dass er zumindest nicht sein Häuschen darauf verwetten sollte, hier die Wahrheit vorgesetzt zu bekommen. Und damit Widerspruch zwecklos ist: Mach Dich glitschig, Autor!

Essenzielle Aussagen fehlen

Tatsächlich aber ist dieser Fall sehr viel schlimmer als das, was man ansonsten vom Geschichten-Aufbürsten gewohnt ist: Der Autor hat essenzielle Aussagen der zitierten (ohnehin nicht übermäßig aussagekräftigen) Studie aus seinem Opus derart gequält herausgehalten, dass der einigermaßen verständige Leser nicht umhinkommt, ein schmerzliches Enttäuschungsgefühl zu empfinden. Er hat nämlich gerade 1,60 Euro - das sind, in Worten, drei Mark dreizehn - verballert. Geliefert wurde, man bitte mir die Erregung zu verzeihen, Brutal-Bullshit der Ultra-Hardcore-Klasse. Das kränkt den Käufer und belastet - hoffentlich - die Leser-Blatt-Bindung in angemessenem Maße.

Warum so gemein? Es muss sein. Aus hygienischen Gründen. Denn der im Qualitätsjournalismus allgemein anerkannte Pressekodex sagt unter anderem folgendes: "Ziffer 14 - Medizin-Berichterstattung: Bei Berichten über medizinische Themen ist eine unangemessen sensationelle Darstellung zu vermeiden, die unbegründete Befürchtungen oder Hoffnungen beim Leser erwecken könnte. Forschungsergebnisse, die sich in einem frühen Stadium befinden, sollten nicht als abgeschlossen oder nahezu abgeschlossen dargestellt werden."

Woher weiß der Autor das?"

Wenn also - unter mancherlei Wenn und Aber, geschenkt - zu lesen steht. "Handys können Krebs auslösen", dann muss die erste Frage lauten: Woher weiß der Autor das? Und was tut er, um zu vermeiden, dass unbegründete Befürchtungen beim Leser geweckt werden? Antwort:bei weitem zu wenig.

Denn die zitierte Hauptquelle (wie gesagt seit zwei Wochen verfügbar und deshalb irrsinnig Seite-1-aktuell) sagt folgendes (nun folgt ein qualvoll langes, nicht gerade leserfreundliches Zitat, es muss aber sein): "We found no evidence of increased risk of glioma related to regular mobile phone use (odds ratio, OR = 0.78, 95% confidence interval, CI: 0.68, 0.91). No significant association was found across categories with duration of use, years since first use, cumulative number of calls or cumulative hours of use. When the linear trend was examined, the OR for cumulative hours of mobile phone use was 1.006 (1.002, 1.010) per 100 hr, but no such relationship was found for the years of use or the number of calls. We found no increased risks when analogue and digital phones were analyzed separately. For more than 10 years of mobile phone use reported on the side of the head where the tumor was located, an increased OR of borderline statistical significance (OR = 1.39, 95% CI 1.01, 1.92, p trend 0.04) was found, whereas similar use on the opposite side of the head resulted in an OR of 0.98 (95% CI 0.71, 1.37)."

Das ist anspruchsvoll, zugegeben. Fassen wir also einmal salopp zusammen, was die skandinavischen Studienautoren tatsächlich sagen:

  • Es geht um eine einzige Tumorart, das Gliom, ein Tumor des nicht-neuronalen Hirngewebes
  • Es wurde kein aussagekräftiger Zusammenhang zwischen erhöhtem Gliom-Risiko und regelmäßiger Handy-Nutzung gefunden - das besagen schon die ersten sieben Wörter
  • Für Nutzungsdauer, Zahl der Jahre seit erster Handynutzung, aufgelaufene Gesamt-Gesprächszahl und Gesamt-Gesprächsdauer wurde ebenfalls kein Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko nachgewiesen
  • Darüber hinaus wurde kein Unterschied zwischen Analog- und Digital-Telefonen gefunden (also nicht impliziert, dass gepulste Mikrowellen, wie in den neueren Digitaltelefonen, eine Risikoveränderung bewirkt haben könnten)
  • Was blieb da noch übrig?

  • Gliom-Patienten, die nach eigenen Angaben länger als zehn Jahre mobil telefoniert haben, scheinen - mit geringer, aber noch gegebener, statistischer Signifikanz - wahrscheinlicher ein Gliom auf der Telefonier-Seite ihres Kopfes entwickelt zu haben als auf der anderen.

Das war alles.

Befunde glänzen durch Abwesenheit

Und genau das ist der Kristallisationskeim der von da ab wüst loswuchernden SZ-Geschichte, in der die anderen, statistisch deutlich festeren übrigen Befunde durch ähnlich auffällige Abwesenheit glänzen wie Stalins verflossene Freunde auf Monumentalbildern der fünfziger Jahre. Lassen wir das noch mal sacken: An einem potenziell tödlichen Hirntumor erkrankte Menschen werden gefragt, warum sie denn wohl den Tumor bekommen haben. Könnte es das Handy gewesen sein? Wo haben Sie es denn wohl zumeist hingehalten? Ist das eine Frage, auf die wir korrekte Antworten erwarten würden? Belastbare Daten? Wo wir als Naturwissenschaftler seit drei Jahrzehnten wissen, wie falsch Erinnerungen sein können, wenn wir Menschen uns etwas erklären, uns auf etwas einen Reim machen müssen. Kaum. Trotzdem ist die Verführung offenbar unwiderstehlich, eine Geschichte maximal auf Kante zu fahren, wenn sich die Menschheit retten und eine monströse Gefahr abwenden lässt. Kann ja sogar sein, dass da zuweilen honorige Motive zugrunde liegen - und doch: Unsere Leser sind erwachsen. Sie haben Internet-Anschlüsse. Sie sehen selber nach. Die Zeiten, wo wir sie mit den AgitProp-Motten aus dem AStA vor sich selbst zu retten versuchten, sind vorbei. Es ist Pflicht, die ganze Geschichte zu erzählen. Hatten wir Ziffer 14 des Pressekodex schon? Ich denke: Ja. Hat Christopher Schrader ein Intelligenz-, Bildungs, oder Verständnisproblem? Ich weiß: Nein. Hat er sich dumm gestellt? Ich glaube, so muss es sein. Operative Gründe: Ein weißes Loch auf Seite eins. Erst kommt das Drucken, dann die Moral?

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  • Christoph Koch