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Kosmos Mensch: Die Wunder in uns

Der menschliche Körper ist ein Kosmos für sich: Billionen von Zellen formen erstaunlichste Organe. Wie fremde Landschaften entfaltet sich diese verborgene Welt unter den Mikroskopen der Wissenschaftler. Ein prächtiger Bildband macht sie jetzt für jeden zugänglich.

Am Körper des Menschen interessiert uns die Hülle. Die Ästhetik und Mimik des Gesichtes, die Form der Figur, die Spannkraft der Haut, der Wuchs der Haare. Das Äußere macht im Auge des Betrachters sein Gegenüber aus - und jeder sieht die eigene Fassade als Inbegriff seiner selbst. Grund genug für manch einen, sich sogar unters Messer des Schönheitschirurgen zu legen, damit der die Oberfläche kräftig aufpeppt.

Bei der Fixierung aufs Erscheinungsbild vergessen wir, was sich unter der Hülle verbirgt: blutiges Fleisch und fahle Knochen, labberiges Fett und gärender Darminhalt. Schauderhaft. Aber wenn man über das zunächst unattraktiv wirkende Interieur hinwegsieht, offenbart sich ein Faszinosum. Ein Wunderwerk - großartiger als alle schönen Hüllen.

Doch genaues Hinschauen ist schwierig. Allenfalls erhaschen wir einen flüchtigen Eindruck aus den Innereien in Anatomie-Atlanten oder in Ausstellungs-Spektakeln wie "Körperwelten", ein Publikumsrenner. Nur Medizinern und Wissenschaftlern ist es vergönnt, tiefer einzudringen ins Universum Mensch. Dabei geraten sie stets aufs Neue in Erstaunen. Selbst routinierte Chirurgen sind, wenn sie den Leib des Menschen öffnen, jedes Mal voller Bewunderung für das, was sich vor ihnen ausbreitet. Und Biochemiker und Molekularbiologen, die Feinbau und Funktion des Organismus heute besser denn je erkunden können, zollen der biologischen Architektur unserer Eingeweide und deren Funktionsweisen immer wieder Hochachtung.

Kein Ingenieur brächte solch ein hochkomplexes System nur ansatzweise zustande. Entwickelt wurde es vom besten Konstrukteur der Welt - der Evolution. Seit der Erfindung des Lebens auf unserem Planeten vor fast vier Milliarden Jahren hat sie daran getüftelt. Mit Hilfe von Mutation und Selektion: Aus einer einfachen Zelle wurde Komplexes; ständig entstanden neue Geschöpfe und veränderten sich. Schlechtes wurde verworfen, Besseres bewahrt und auf diese Weise alles wieder und wieder optimiert. Herausgekommen ist ein ganzes Spektrum faszinierender Wesen. Und die "Krone der Schöpfung": Homo sapiens, der Mensch.

Ein knöchernes Skelett gibt seinem Körper Gestalt; mit Muskeln und Sehnen ist das Gerüst bepackt. Hinzu kommen Organe und Adern, Nerven und Sinnes-sensoren. Alles wird von einem drei Pfund schweren Hirn im Schädel gesteuert, das obendrein zu Intelligenz und Emotionen fähig ist. Dabei wurde jeder Teil des lebendigen Apparates robust und energiesparend konstruiert. Fein abgestimmt sind die Module im Zusammenspiel - und zu Höchstleistungen fähig.

Beispiel: die Leber. Mit Hilfe Hunderter Enzyme verwandelt die Chemiefabrik Stoffe aus dem Darm in wertvollste Nahrung für die übrigen Organe des Körpers. Oder die Lunge: Mit mehr als 300 Millionen von Bläschen bildet sie eine Oberfläche von 100 Quadratmetern - so groß wie eine komfortable Wohnung. Die enorme Menge von 10 000 Litern Luft strömt jeden Tag hindurch. Nicht weniger eindrucksvoll ist die Power des Herzens: Etwa drei Milliarden Mal schlägt der faustgroße Hohlmuskel in einem Menschenleben. Dabei pumpt er täglich etwa 7000 Liter Blut durch ein Adernetz, das mit feinsten Verästelungen eine Länge von über 1000 Kilometern hat.

Mikroskopisch besteht der Organismus aus insgesamt 100 Billionen Zellen. Und jeder dieser Bausteine ist eine winzige Welt, in der eine Fülle lebenswichtiger Aufgaben ablaufen. Dabei sind große Teile des Verbundes in einem permanenten Umbau. In jeder Sekunde sterben bei einem Erwachsenen 50 Millionen Zellen ab, und ebenso viele bilden sich neu. Und das Erstaunlichste: All das entwickelt sich bei der Entstehung eines menschlichen Individuums immer wieder neu und auf wundervolle Weise - aus der Verschmelzung einer winzigen Ei- und einer noch viel kleineren Samenzelle.

Spektakuläre Nahaufnahmen aus dem Kosmos Mensch präsentiert das Buch "Kunstwerk Körper". Bilder von einem selbst für Wissenschaftler noch immer in großen Teilen geheimnisvollen Geschehen. Der britische Autor Windsor Chorlton hat sie zusammen mit Experten aus dem weltweit größten wissenschaftlichen Fotoarchiv, der Londoner Science Photo Library, ausgesucht und dazu kurze, informative Texte verfasst.

Entstanden ist eine Galerie großer Bandbreite: Querschnitte durch Adern und Muskeln, durch Zahnschmelz und Hirnareale. Blutkörperchen, die aussehen wie Bonbons; Nervenbahnen, die an die Kabelbäume von Elektronikanlagen erinnern; Magenschleimhaut, die wirkt wie ein ausgebeulter Sisalteppich; Knochenstrukturen, die geformt sind wie ein geheimnisvolles Höhlenlabyrinth.

Auf der fantastischen Reise durch das menschliche Universum erwarten den Betrachter brillante Aufnahmen, enthüllend und fremd, unwirklich und fesselnd. Sie lehren tiefsten Respekt vor der menschlichen Natur. Und sie offenbaren eine große innere Schönheit des Organismus - der Körper des Menschen ist, wie es der Buchtitel sagt, ein grandioses Kunstwerk.

Horst Güntheroth / print
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