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Lebensabend: Wenn die Starken schwach werden

Irgendwann wird es Opa zu viel mit dem Garten, schafft Oma die Wohnung nicht mehr. Und dann? Der stern zeigt, wie sich der Lebensabend organisieren lässt.

Manchmal geht es ganz schnell. Ein Schlaganfall, ein Sturz auf der Kellertreppe, und nichts ist mehr, wie es früher war. Die Tatkraft erlischt, dahin die Souveränität, mit der Mutter und Vater ihr Leben gemeistert haben.

Oft ist es ein schleichender Verfall. Immer mühsamer das Treppensteigen, immer lauter der Fernseher, immer häufiger die Bitte "Gibst du mir mal...". Irgendwann können wir den Geruch nicht mehr verleugnen, der sich im Elternhaus festgesetzt hat, die Flecken in der Tischdecke, den Staub auf dem Radio. Und müssen uns eingestehen: "So kann's nicht mehr weitergehen."

Eltern sollen ihr Rentner-Dasein genießen

Eltern sollen stark sein. Sie sollen lange leben. Sie sollen ihr Rentner-Dasein in vollen Zügen genießen, auf die Enkel aufpassen, damit wir auch mal allein ins Wochenende fahren können, sollen für die Hypothek bürgen, uns diskret einen Hunderter zustecken, wenn's gerade kneift, und dürfen vielleicht sogar, wenn wir ein Problem haben, einen Rat geben. Aber sie sollen nicht alt und gebrechlich werden. Denn dann ist unsere Zeit des selbstverständlichen Nehmens vorbei. Dann sind wir dran.

Sicher, das war immer schon so. Und doch ist heute vieles anders. Noch nie durften so viele Menschen so alt werden wie heute. 840.000 Männer und 2,27 Millionen Frauen über 80 gibt es in der Bundesrepublik. 39 Prozent von ihnen kommen zu Hause nicht mehr allein zurecht. Jeder Dritte hat Probleme beim Treppensteigen, ebenfalls jeder Dritte kann nur noch mit Mühe allein ein Bad nehmen - oder schafft es gar nicht mehr.

Die Pflege dauert oft zehn oder 15 Jahre

Mit der Zahl der Greise steigt die Zahl der erwachsenen Kinder, die Verantwortung übernehmen müssen. Und dank guter medizinischer Versorgung hat sich der Zeitraum des Sorgens und Kümmerns gewaltig verlängert. Zehn oder 15 Jahre Pflege sind längst keine Seltenheit mehr.

Aber auch die Lebensumstände der Jüngeren haben sich verändert. Wer soll sich um Oma oder Opa kümmern: die alleinerziehende Tochter mit dem Teilzeitjob? Der Sohn, dessen Firma ihn alle paar Jahre in die nächste Stadt versetzt? Die 60-jährige Schwiegertochter, die gerade mit dem Sohn ein Haus auf Mallorca gekauft hat? In einer Zeit, in der die Familien kleiner werden und Single-Haushalte zahlreicher, in der Flexibilität und Mobilität als wichtigste Tugenden gelten, sind die hilfsbedürftigen Alten für manche ein nahezu unlösbares Problem.

Ist es nicht unsere Pflicht?

Und das nicht nur organisatorisch. Viele tragen schwer an einer moralischen Last: Gebietet es nicht die Dankbarkeit für all das, was unsere Eltern für uns getan haben, dass wir selbst sie in ihren letzten Jahren pflegen? Und selbst wenn wir gar nicht so viel Dankbarkeit spüren: Ist es nicht trotzdem unsere Pflicht?

Der Freiburger Professor Thomas Klie bescheinigt uns ein "vormodernes Verständnis" von Pflege und eine "vormoderne Moral". Es gelte "als selbstverständlich, dass die Familien - und damit zumeist die Frauen - pflegen". Jüngere Behinderte - vor allem aber alte Menschen. Etwa 70 Prozent der rund zwei Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland werden zu Hause versorgt. Zwei Drittel davon allein von ihren Partnerinnen oder Partnern, von Töchtern und Schwiegertöchtern. 27 Prozent der Menschen, die pflegen, sind selbst bereits zwischen 65 und 79 Jahren alt, fünf Prozent sogar 80 oder älter.

Pflegende werden selbst krank

Der Preis, den die privaten Altenbetreuer zahlen, ist hoch. Drei Viertel von ihnen werden selbst krank, klagen über Vereinsamung und Isolation, über Probleme im Job, über Schlafstörungen und Depressionen. Ob man seine Eltern selbst pflegt, womöglich sogar in die eigene Wohnung aufnimmt, solle man sich gut überlegen, sagt denn auch Angelika Maaßen.

Seit 15 Jahren berät die Psychologin und Psychotherapeutin Alte und ihre Angehörigen beim Verein "Hamburgische Brücke". "Viele sind sich nicht bewusst, wie stark sie dann als Familie gefordert sind und wie lange Pflege dauern kann. Dass die Beziehung, die auf Distanz gut funktioniert hat, in der Nähe womöglich zur Qual für beide Seiten wird. Die Eltern können einen fertig machen, indem sie in alte Verhaltensmuster fallen."

Emotionale und zeitliche Überforderung

Wer die Betreuung von Angehörigen übernimmt, braucht Hilfe. Von anderen Verwandten wie von Profis. Krankenkassen und Sozialstationen bieten Kurse zur Heimpflege an. Vor der Entlassung eines gebrechlichen alten Menschen aus dem Krankenhaus sollte man sich dort die nötigen Handgriffe zeigen lassen, sich mit Unterstützung der Kasse ein Krankenbett und andere Profigerätschaften zulegen. Mit der richtigen Arbeitstechnik lassen sich nicht nur Fehler vermeiden, sie hilft auch, Zeit zu sparen und Kräfte zu schonen. Gibt es niemanden, der mit einem die seelische Belastung teilt, kann eine Selbsthilfegruppe pflegender Angehöriger eine große Stütze sein.

Und nicht immer tut man Mutter oder Vater einen Gefallen, wenn man selbst die ganze Versorgung übernimmt. Viele alte Menschen haben sich ihren Kindern niemals nackt gezeigt und finden es beschämend, sich von ihnen waschen oder gar windeln zu lassen. "Das häufigste Problem in der Pflege durch eigene Kinder", sagt Andreas Kruse, Gerontologie-Professor an der Universität Heidelberg, "ist Überforderung: emotional und zeitlich. Wenn die Wohnung zu klein ist, können sich die pflegenden Angehörigen nicht zurückziehen. Das schürt Konflikte."

Ältere wollen nicht immer zu den Kindern

Auch wenn noch keine tägliche Pflege nötig ist, kann die wiederbelebte Wohngemeinschaft aus Kindertagen enorm belastend sein - und ist dabei oft gar nicht im Sinne der Senioren. "Es ist eine Mär, dass Ältere zu ihren Kindern ziehen wollen", sagt Inge Mette, Spezialistin für gerontologische Wohnforschung: "Die meisten wünschen sich Nähe auf Distanz - also getrennte Wohnungen mit viel Kontakt." Die Forschung registriere vor allem vier Wohnwünsche alter Menschen:
- "Ich möchte dort bleiben, wo ich wohne - in meiner Wohnung oder meinem Haus."
- "Wenn das nicht mehr geht, möchte ich in die Nähe meiner Kinder ziehen."
- Oder aber: "Wenn das nicht mehr geht, möchte ich zumindest in meinem Stadtteil bleiben."
- "Ich möchte vom Land in die Stadt ziehen, weil da besser für mich gesorgt werden kann und ich mehr Möglichkeiten habe, wenn mein Bewegungsraum eingeschränkt wird."

Wenn Senioren möglichst lange in ihrer vertrauten Umgebung bleiben möchten, sollte diese den veränderten Fähigkeiten und Bedürfnissen angepasst werden. "Viele Ältere sind mit ihrer Wohnung wohl auch deshalb zufrieden", berichtet der Gerontologe Andreas Kruse, "weil sie sie mit früheren Wohnungen vergleichen, die vielfach schlechter waren."

Zahllose Stolperfallen in der Wohnung

Im Rahmen einer Forschungsarbeit stellte Kruse aber fest, dass die alten Menschen ihre Wohnbedingungen oft viel besser bewerteten, als dies aus Sicht von Experten gerechtfertigt wäre. Häufig wimmelt es von Stolperfallen, der Rand der Dusche ist zu hoch, die Treppe in den ersten Stock zu steil. Die Folge: Alte Menschen können ihre Wohnung nicht mehr komplett nutzen - und riskieren Verletzungen. Nach einem Gutachten der AOK Baden-Württemberg führten Stürze alter Menschen allein im Jahr 1995 zu bundesweit 78.000 Aufnahmen ins Krankenhaus.

Dabei lassen sich die meisten Gefahrenquellen einfach beseitigen - indem man Teppiche befestigt, Schwellen entfernt, einen Treppenlift einbaut, das Bad behindertengerecht umgestaltet. Bessere Beleuchtung minimiert die Unfallgefahren und hilft beim Lesen, mit einer Hand bedienbare Küchengeräte können Menschen Selbstständigkeit zurückgeben, die die andere Hand brauchen, um sich abzustützen. Hilfsmittel wie "Strumpfanzieher" oder Aufsätze, die zu tief liegende Toiletten erhöhen, können den Alltag erleichtern.

Die Einsamkeit bleibt

Mit etwa 2500 Euro unterstützen die Pflegekassen einen solchen Umbau. Und eine fachgerechte Beratung leisten Wohnberatungsstellen der Städte und Gemeinden, auch Krankenkassen helfen oft weiter. Damit der alte Mensch stets jemanden zur Hilfe rufen kann, beauftragt man einen Service, der über Knopfdruck an einem Notrufarmband rund um die Uhr erreichbar ist. Das kostet zwischen 20 und 50 Euro im Monat.

Wenn die Eltern trotz aller kleinen Hilfen nicht mehr selbst zurechtkommen und nicht von den Kindern betreut werden können oder wollen, besteht die Möglichkeit, einen ambulanten Pflegedienst zu engagieren. Er kümmert sich je nach Bedarf um Körperpflege, Einkäufe und Haushaltsführung und wird von der Pflegeversicherung bezahlt (siehe "Was zahlt die Pflegeversicherung"). Allerdings kann er alte Menschen, die es nicht mehr vor die Tür schaffen, nicht vor der Einsamkeit bewahren.

Gute Konzepte - aber oft zu kostspielig

Senioren, die Gesellschaft suchen, sollten sich denn auch über andere Wohnmöglichkeiten informieren: etwa über Alten-WGs oder über Hausgemeinschaften von Alten und Jungen, in denen man sich umeinander kümmert. Und über betreute Wohnanlagen, die von der Putzfrau über das Mittagessen bis hin zur Pflege jede Art von Unterstützung anbieten (siehe "Pflegeheim, betreutes Wohnen, Seniorenresidenz?"). Sie passen sich den Bedürfnissen der Bewohner an, manche haben einen angeschlossenen Vollpflegeservice, sodass man auch als Schwerstpflegefall in der Umgebung bleiben kann, in der man zuvor neue Beziehungen geknüpft hat.

Die Konzepte klingen gut - und sind es oft auch. Die Haken: Manche Unterkunft ist kostspielig, spätestens wenn auch Pflegeleistungen bezahlt werden müssen - wie beim Heim reichen die Sätze der Pflegeversicherung nicht aus, um die Kosten zu decken.

Wohnformen, die auf Gemeinschaft setzen, machen nur Sinn, wenn der alte Mensch noch rüstig genug ist, um sich zu integrieren. "Man muss in einen Suppentopf erst einmal etwas hineintun, bevor man etwas herausholen kann", sagt Gerda Helbig vom Forum für Gemeinschaftliches Wohnen im Alter, einem Zusammenschluss von 189 Vereinen, der Menschen berät, die ein Wohnprojekt gründen wollen. Sie rät, sich bereits in den Fünfzigern um Projekte zu kümmern, damit man zwischen 60 und 65 dort einsteigen kann. Beim Umzug in betreute Wohnanlagen ist weniger Planung von Nöten, aber auch dort sollte man zum Start möglichst fit sein - und bei guten Einrichtungen sind die Wartelisten lang.

Der beste Start in den nächsten Lebensabschnitt

Für die Kinder heißt das: Wenn sie wollen, dass ihren Eltern alle (finanzierbaren) Möglichkeiten offen stehen, müssen sie früh mit ihnen darüber sprechen - auch wenn's wehtut. "Es kann Ihnen passieren, dass Sie zu hören bekommen: "Mich kriegt ihr aus dieser Wohnung nur mit den Füßen zuerst raus." Oder: "Natürlich ziehen wir zu dir - wir haben Oma und Opa ja auch gepflegt"," sagt die Psychologin Angelika Maaßen. Sie empfiehlt, sich zunächst selbst klar zu machen, was man leisten kann und will - und es dann unbeirrt zu vertreten. "Wenn die Tochter ihre Berufstätigkeit nicht aufgeben will, um die Eltern zu pflegen, dann muss sie das deutlich sagen. Auch gegenüber den Geschwistern, die da meist unterschiedlicher Meinung sind."

Experten wie Angelika Maaßen wissen, dass ältere Menschen Zeit brauchen, sich mit künftigen Veränderungen auseinander zu setzen. Die Frage, wo man den letzten Abschnitt des Lebens verbringt, ist nicht bei einem Nachmittagskaffee zu klären. "Vom ersten Gespräch bis zu einer Entscheidung können mehrere Jahre vergehen", sagt Maaßen. "Oft rücken irgendwann die Vorzüge der neuen Wohnsituation in den Vordergrund, und der alte Mensch trifft seine Entscheidung aus freien Stücken - das ist der beste Start in den nächsten Lebensabschnitt."

Mitarbeit: Doris Schneyink

Werner Hinzpeter und Sven Rohde / print
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