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Linkshänder: Das mach' ich mit links

Sie verwischen die Tinte, hantieren ungelenk mit der Schere - und wirken manchmal ungeschickt oder gar unbegabt. Schon als Kinder haben Linkshänder in einer Welt der Rechtshänder mit einer für sie verkehrten Welt zu kämpfen.

140 Linkshänderberater bundesweit versuchen verstärkt, schon Vorschulkinder gezielt zu fördern. Erste Zeichen von Linkshändigkeit: Die Kleinen schreiben von rechts nach links oder malen Wörter und Buchstaben in Spiegelschrift. Immerhin ist etwa jeder vierte Deutsche linkshändig veranlagt, Schätzungen gehen bundesweit von 20 bis 30 Millionen Linkshändern aus. Am 13. August machen die "Lefties" mit dem Internationalen Linkshändertag auf ihre Probleme aufmerksam.

Hakenhaltung kann die Hand überdehnen

In der Zeit vor der Schule und in der ersten Klasse sei gezielte Förderung am wichtigsten, erläutert Miriam Fichtner, Heilpädagogin und Beraterin bei der Ersten deutschen Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder in München. "Das ist die schwierigste Zeit." Denn mit dem Schreibenlernen gewöhnen sich Linkshänder fast automatisch eine "Hakenhaltung" der Hand an, die sie schneller erschöpft und die bis zu Überdehnungen führen kann. "Die Kinder haben so gut wie keine Vorbilder und suchen selbst nach einer Lösung", erläutert Fichtner.

Einer der wenigen, von dem sich Betroffene die richtige Haltung abschauen können, ist der ehemalige US-Präsident Bill Clinton. "Er schreibt für einen Linkshänder vorbildlich: Er wischt nicht drüber, das Blatt ist leicht nach rechts gekippt", erläutert Johanna Barbara Sattler, die vor gut 20 Jahren die Münchner Beratungsstelle gründete. Für die Tennisspielerin Monica Seles brachte die Linkshändigkeit sogar Vorteile: Sie war für ihre Gegnerinnen immer wieder unberechenbar. Prominente Linkshänder waren auch Johann Wolfgang von Goethe, Wolfgang Amadeus Mozart und Albert Einstein.

Sie gelten als chaotisch, wurden im Dritten Reich verfolgt

Nicht immer war Linkshändigkeit gesellschaftlich akzeptiert. Schlimme Repressalien gab es in der NS-Zeit. Hitlers "Reichsführer SS" Heinrich Himmler gab 1935 eine Studie "Zusammenhang zwischen Linkshändigkeit einerseits und geistiger Verfassung der Homosexuellen andererseits" in Auftrag. Linkshänder und Schwule wurden darin als krankes Gesindel geächtet. Aber nicht nur in der Nazizeit, sondern lange davor und teils auch danach wurde Linkshändigkeit oder die linke Seite als negativ oder minderwertig gesehen. Davon zeugen Redensarten wie "zwei linke Hände haben" oder "mit dem linken Fuß aufstehen". Dabei hat die "Füßigkeit" nicht zwingend etwas mit der "Händigkeit" zu tun - allerdings können Linkshänder oft auf dem rechten Fuß besser stehen.

Noch heute werden Linkshändern bestimmte Eigenschaften zugeschrieben. Sie gelten als chaotisch, aber auch als intelligent. Chaotisch seien höchstens die umgeschulten Linkshänder, sagt dazu die Psychotherapeutin Sattler. Bei Prädikaten wie gutes räumliches Vorstellungsvermögen oder große Individualität, die den "Lefties" zugeschrieben werden, warnt sie ebenfalls: "Da wäre ich vorsichtig."

Manche leiden lebenslang unter der "Umpolung"

Bei Linkshändern ist die rechte Gehirnhälfte, die die linke Hand steuert, stärker motorisch geprägt - beim Umlernen gerät das Gehirn gehörig durcheinander. Manche leiden lebenslang unter der "Umpolung". Die Linkshänderberater helfen deshalb auch Menschen, die wieder zurückschulen wollen. Schätzungen zufolge haben mehrere hundert Linkshänder den Schritt gewagt - allerdings muss sich das Gehirn erneut umstellen, mancher schafft die Wende nicht.

Ziel der Linkshänderberater ist es deshalb, flächendeckend Gruppen zur Schreibvorbereitung für Vorschulkinder anzubieten. Seit etwa einem Jahr schult die Beratungsstelle in München als erster Stadt bundesweit zudem Kindergartenerzieher zu Linkshänderberatern. Auch Lehr- und Bildungspläne seien noch verbesserungsfähig, sagt Sattler. "In Bildungsplänen für Kindergärten tut man sich noch schwer, Linkshänder werden meist nicht berücksichtigt, Hochbegabte eher schon." An den Grundschulen sei die Förderung von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. "In Bayern und Bayern-Württemberg ist es sehr gut, Linkshänder sind in Lehrplänen berücksichtigt."

In der Schule kann die Linkshändigkeit allerdings auch zu von den Lehrern gar nicht erwünschten Vorteilen gereichen: Nämlich beim Abschreiben, wenn Linkshänder neben einem Rechtshänder sitzen. "Das ist dann optimal, weil das Blatt nicht verdeckt ist."

Sabine Dobel/DPA / DPA
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