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Katastrophe bei Mekka-Wallfahrt: "Die Menschen haben keine Chance"

Die meisten Menschen ersticken: Katastrophen-Forschern zufolge haben Menschen bei einer Massenpanik, wie jetzt in Mekka, kaum eine Chance. Was getan werden kann, um solche Unglücke zu vermeiden.

Tausende muslimische Pilgerer drängen sich in Zuge ihrer Hadsch-Pilgerfahrt um die Kaaba nahe der heiligen Moschee in Mekka

Allein in diesem Jahr verunglückten bereits wieder über 700 muslimische Pilger im Rahmen der Pilgerfahrt Hadsch tödlich.

Mehr als 700 Menschen kamen diese Woche bei einer Massenpanik bei der islamischen Wallfahrt in ums Leben. Katastrophen-Forscher Katja Schulze und Daniel Lorenz von der erklären im Interview, warum sich Beteiligte in so einer Situation nur schwer selbst retten können - und wie eine Massenpanik entsteht.

Frau Schulze, Herr Lorenz, wie kommt es zu einer Massenpanik?

Lorenz: Aus der Forschung weiß man, dass Panik, Massenpanik erst recht, ein relativ seltenes Phänomen ist, das nur unter sehr spezifischen Bedingungen auftritt: wenn Menschen einer unmittelbaren Gefahr gegenüberstehen, eingeschlossen sind und sehr begrenzte Handlungsmöglichkeiten haben. Wenn sie sich selbst machtlos fühlen und die Situation sie sozusagen übermannt. Wenn Fluchtwege sehr begrenzt sind und Leute das Gefühl haben, handeln zu müssen. 

Schulze: Wenn die eben beschriebenen Bedingungen gegeben sind, kann ein Auslöser in einer bestehenden Gefahrensituation alles sein, was ein Kippen der Situation zur Folge hat, zum Beispiel dass Rauch zu sehen ist oder das Licht ausgeht. Wenn die Leute dann desorientiert sind und sich ohne Kontrolle, ohne Information oder ohne Führung fühlen, kann die Situation eskalieren.

Lorenz: Ob bei der Katastrophe in Mekka so viele Menschen aufgrund einer Massenpanik ums Leben gekommen sind oder vielmehr die bauliche Konstellation und Fehler im Massenmanagement die Ursache waren, wird man sich sehr genau anschauen müssen. 

Was passiert mit Menschen bei einer Massenpanik?

Schulze: Die Menschen sind in großer Gefahr. Sie kommen nicht raus. Sie wissen nicht wohin. Sie sehen, dass es dahinten irgendwo eine Fluchtmöglichkeit gibt. In solch einer Situation gibt es eine große Konkurrenz um Fluchtmöglichkeiten. Fehlende Kommunikation und fehlende Information sind ein großes Problem bei Massenpaniken. Wenn es dann auf einmal von hinten schiebt und vorne stockt, sind die Menschen in einer Art physikalischer Drucksituation. Sie werden erdrückt, sie können nicht atmen. Sie werden also nicht unbedingt totgetrampelt, wie es oft heißt.

Was kann man in solch einer Situation tun?

Lorenz: Die Betroffenen können kaum etwas machen. Das Problem ist, dass der Strom von Menschen immer weiter schiebt. Da kann man sich nicht dagegenstellen. Das einzige was man versuchen kann, ist die Situation nicht weiter zu verschärfen und gegebenenfalls anderen Leuten zu helfen. Aber von innen kann man die Situation kaum auflösen. Deshalb müssen Veranstalter rechtzeitig Auswege schaffen. 

Schulze: Man kann nur versuchen, langsam zur Seite aus der Menschenmasse zu gehen. Um eine Situation nicht zu verschärfen: Keine Ketten bilden. Sich nicht einhaken. Das führt dazu, dass der Menschenstrom nicht weiter fließt. Außerdem sollte man schon im Vorhinein angespannte Situationen meiden.

Was kann man machen, um eine Massenpanik zu verhindern?

Lorenz: Der wichtigste Punkt ist, einen guten Überblick zu haben. Man muss genau wissen, wo wie viele Menschen sind, wie sich diese Menschen bewegen und wie schnell sie sind. Nur dann kann man gezielt kommunizieren. Wir haben bei der Loveparade 2010 gesehen, dass es dort ganz große Kommunikationsprobleme gab. Man hat hinten weitere Personen reingelassen, aber wusste nicht, dass es sich vorne staut. Und Kommunikation bedeutet auch, mit den Leuten in der Situation zu sprechen. Man muss auch die Besucher informieren, damit sie rechtzeitig einer gefährlichen Situation entgehen können.

Schulze: Ein positives Beispiel ist die Straße des 17. Juni in Berlin, wo viele Großveranstaltungen stattfinden. Dort gibt es offene Abgänge an allen Seiten, kanalisierte Zugänge und Kameras, um einen Überblick über die Situation zu behalten. Und es gibt eine gute Kommunikation auf allen Ebenen, um schnell Maßnahmen zu ergreifen.

Katja Schulze ist Diplom-Psychologin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Katastrophenforschungsstelle der Freien Universität Berlin. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der Erforschung des menschlichen Verhaltens in Katastrophen. 

Daniel F. Lorenz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Forschungskoordinator an der Katastrophenforschungsstelle der Freien Universität Berlin. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Katastrophensoziologie, soziale Vulnerabilität und Resilienz sowie menschliches Verhalten in Katastrophen.

lst/DPA
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