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Medizinskandal am Göttinger Universitätsklinikum Der Betrug mit den Spenderlebern


In Göttingen kamen ausgewählte Patienten offenbar durch Manipulationen schnell zu einer Spenderleber. Der Medizinrechtler Hans Lilie spricht vom schlimmsten Fall, der je bekannt wurde.

Herr Professor Lilie, haben Sie einen vergleichbaren Fall wie den der verschobenen Lebertransplantationen in Göttingen schon erlebt?
In Deutschland hatten wir einen solchen Fall nicht. Mit so etwas hätte ich selbst niemals gerechnet. In den USA gab es vergleichbare Fälle, die aber von den Zahlen her nicht ein solches Ausmaß erreicht haben. Wir gehen jetzt 25 Fällen nach. Nach dem Stand des Ermittlungen ist das also tatsächlich der schlimmste Fall, der uns bekannt ist.

Offenbar wurden die Krankenakten manipuliert, um Patienten auf dem Papier gezielt kranker zu machen, als sie wirklich waren. Ist es auszuschließen, dass dieser einfache Trick auch an anderen Kliniken ausgeübt wurde?
Ich möchte es so sagen: Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand diese Schamlosigkeit aufbringt, so vorzugehen. Ich kenne viele Transplanteure und ich kenne niemanden, dem ich etwas Ähnliches zutrauen würde.

Wo werden jetzt gezielt Patientenakten nach Manipulationen überprüft?
Das ist eine Frage für die Überwachungs- und Kontrollkommission. Im Moment sind wir vollkommen mit der Aufklärung dieses Falls beschäftigt. Natürlich müssen wir uns sehr genau überlegen, was wir - um es als Strafrechtler zu sagen - aus generalpräventiven Gründen unternehmen werden.

Sind schärfere Kontrollen nötig, um derartige Fälle zu verhindern?
Wir diskutieren darüber, die Richtlinien zur Anmeldung auf der Warteliste für eine Organtransplantation zu verändern, und darüber, einen Kontrollmechanismus einzubauen. Gedacht ist daran, dass ein zweiter unabhängiger Arzt, der etwas von den Dingen versteht, aber nichts mit dem Fall zu tun hat, die Daten kontrolliert, bevor sie an Eurotransplant rausgehen.

Was sind die Motive beim aktuellen Fall? Wollten hier verzweifelte Ärzte ihren Patienten helfen?
Das ist sicherlich ein ganz wichtiges Motiv, das ich mir zugunsten dieses Arztes vorstellen kann. Der Arzt sitzt dem konkret leidenden Menschen gegenüber und tut alles, um ihm zu helfen. Und manchmal verzweifeln die Ärzte angesichts ihrer kranken Patienten an einem System, das ihnen nicht erlaubt, genau diesem Menschen schnell zu helfen, weil eben andere Menschen noch kranker sind.

Wollten sich die Täter persönlich bereichern?
Im Moment haben wir dafür keine Anhaltspunkte. Es ist jedenfalls wohl kein Geld geflossen. Die Begünstigten sind ganz normale Kassenpatienten.

Waren die Organspende-Empfänger eingeweiht? Haben die sich wissentlich beteiligt?
Nein, das glaube ich nicht mal ansatzweise.

Spender und Angehörige haben ihre Organe den offiziellen Stellen anvertraut. Hat das System versagt?
Man darf nicht wegen der groben Fälschungen einer Person von einem Systemversagen sprechen. Das könnte man sagen, wenn wir ein generelles Missbrauchsmuster haben. Das erkennen wir nicht.

Sind die Angehörigen der Spender über diese Vorgänge informiert worden?
Wir kennen sie nicht. Wir erhalten die Spenden anonym, und das Transplantationsgesetz verbietet derartige Kontakte. Und es macht auch keinen Sinn, diese schreckliche Geschichte den Angehörigen mitzuteilen. Die trauern bereits um eine verstorbene Person. Ich sehe keinen Wert darin, ihnen diese schlechte Nachricht zu überbringen und ihnen diese zusätzliche Trauer zuzumuten.

Die ganze Geschichte hört sich an wie der GAU der Transplantationsmedizin. Hier werden Verschwörungsphantasien genährt. Wie groß schätzen Sie den Schaden ein für die Bereitschaft zur Organspende?
Der Schaden ist da, das werden wir sehr drastisch erleben müssen. Man kann nur damit argumentieren, dass es ein krasser Einzelfall ist. Schon diese Krassheit des Vorgehens macht ja deutlich, dass es eine einzelne Struktur ist.

Wie kann das Vertrauen in der Bevölkerung wieder hergestellt werden?
Nur dadurch, dass wir schnell und transparent aufklären und die Schuldigen benennen. Diejenigen, die Sanktionen verhängen können, müssen und werden das auch tun. Transparenz, Klarheit und Öffentlichkeit - das ist unser Ansatz. Wir haben diesen Fall öffentlich gemacht, damit nicht im Ansatz der Eindruck entsteht, dass da etwas unter der Decke bleiben soll.


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