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Messie-Syndrom: Das eigene Leben entrümpeln

Chaos in der Wohnung - das ist das Messie-Klischee. In Wirklichkeit ist Unordnung nur eine Seite der komplexen Persönlichkeitsstörung. Schätzungen zufolge leiden zwei Millionen Menschen in Deutschland daran. Unbekannte Aspekte eines oft verspotteten Krankheitsbildes.

Von Marie-Luise Braun

Schmutziges Geschirr stapelt sich in der Küche, durch die Wohnung führt ein Labyrinth gelagerter Zeitschriften, Mäuse haben sich eingenistet. So ähnlich werden Wohnungen von Messies beschrieben. Zwei Millionen Menschen sind in Deutschland nach Schätzungen von Selbsthilfegruppen von der Krankheit betroffen. Gesichert sind diese Zahlen jedoch nicht, denn das Messie-Syndrom hat viele Aspekte, eine Diagnose ist daher schwer. In ihrem neuen Roman "Das Leben einsammeln" beschäftigt sich die Schriftstellerin Herrad Schenk mit dem Thema. Recherchiert hat sie dafür im Freundeskreis. Auf der Basis verschiedener Biografien erzählt die Autorin die fiktive Geschichte einer Frau, die unter dem Messie-Syndrom leidet: Ihre Wohnung ist eine Müllhalde. Doch die Wirklichkeit sieht oft anders aus: "Längst nicht alle Messies leben in einem extremen Chaos", sagt der Psychoanalytiker Rainer Rehberger.

Als Diagnose nicht anerkannt

Die landläufig genutzte Bezeichnung für das Syndrom - Messie bedeutet im Englischen "Unordnung, Dreck" - greift nur einen extremen Teil der Auswirkungen einer komplexen Persönlichkeitsstörung auf. "Überall Chaos bis hin zur Vermüllung liegt am einen Ende, am anderen Ende des Spektrums geht es um ein paar Minuten Verspätung, immer und überall", sagt Rehberger. Für Therapeuten wie ihn ist es schwer, das Messie-Syndrom aus den vielen Verhaltensauffälligkeiten der Betroffenen zu diagnostizieren. Als Diagnose ist es zudem von den Krankenkassen nicht anerkannt. Der Psychoanalytiker gibt deshalb Depressive Störung und Zwangsstörung an, um die Behandlung der Patienten abrechnen zu können.

Rehberger widmet sich seit 2002 in seiner Praxis am Bodensee im Schwerpunkt Messies und er hat erkannt, dass sie vor allem eines auszeichnet: "Sie tun vieles nicht, obwohl sie es wollen." Messies machen unendlich viele Pläne, ohne zum Ziel zu kommen. Wie die Studentin aus seiner Praxis, die so lange ein System zum Lernen entwickelt, bis es zu spät für die eigentliche Arbeit ist. Das sind nicht die einzigen Widersprüche, mit denen Messies zu kämpfen haben. Manche hören weg, obwohl sie zuhören wollen, andere sehnen sich nach Beziehungen, wehren es aber ab, wenn sich ihnen jemand nähert. Wieder andere widersprechen ihrem Gesprächspartner, auch wenn es gar keinen Sinn ergibt. Oder sie schaffen es eben nicht, ihre Wohnungen sauber zu halten, obwohl sie es möchten.

In Maßen kennt fast jeder Mensch solche Probleme. Doch was macht einen Messie aus? Ein ganzes Paket an Auffälligkeiten, wie Janice Pinnow darlegt. Sie leitet seit zehn Jahren Selbsthilfegruppen in Lüneburg, ist selbst Betroffene und Angehörige eines Messies. Sie beschreibt zum einen das Gedankenkarussell, das ständig um Aufgaben und die Tagesplanung kreist, und aus dem ein Messie nicht aussteigen kann. Schon der morgendliche Aufenthalt im Bad, der bei anderen Menschen automatisch abläuft, wird bei Messies detailliert durchdacht. "Sie springen im Kopf von Aufgabe zu Aufgabe und spätestens mittags sind sie davon völlig erschöpft." Das Leben in Schach zu halten, kostet sie enorme Kraft.

Dann ist da die Scham. "Ein Normal-Chaot hat keine Probleme, Besuch zu empfangen", sagt Pinnow. Ein Messie schämt sich für die Unordnung in seinem Heim und weicht solchen Terminen aus. Hinzu kommen Zwangshandlungen. Beim Verlassen ihrer Wohnungen reicht es Messies nicht, nur einmal nachzuschauen, ob der Herd aus ist. "Sie tun es 15, 20 Mal", weiß Rehberger. Weitere Zwangshandlungen sind beispielsweise Dinge zu sammeln oder sich zu waschen. Eine Patientin habe in seiner Praxis mal seinen Hund gestreichelt, erzählt der Therapeut. Beim Abschied gab sie ihm nicht die Hand. Sie habe sie zuvor waschen wollen. Ihr Zuhause zu reinigen, schafft sie dagegen nicht.

Überlebensmechanismen eines kleinen Kindes

Als weiteren Punkt, den Messies ausmacht, nennen die beiden Suchtverhalten. Ob Essen, spielen oder Sex: Beide sind nie einem Messie begegnet, der nicht nach irgendetwas süchtig war. Hinzu kommt schließlich die Unfähigkeit, Konflikte auszutragen. "Alle sind bewusst oder unterdrückt depressiv", sagt Rehberger.

Warum das alles? "Diese Verhaltensweisen sind Überlebensmechanismen eines kleinen Kindes. Sie sollen Schutz vor seelischen Schmerzen bieten", erläutert Pinnow, die als eine der Ursachen für das Messie-Syndrom traumatische Erlebnisse nennt, wie sexuellen Missbrauch in der Kindheit. Hinzu kommt weiteres. "Zu frühe Strenge, zu früher Zwang", fasst Rehberger knapp zusammen. Die Kinder sollen essen, wenn sie es nicht können, sie werden zu früh der Windel entwöhnt, nicht umsorgt, wenn sie schreien. Der Psychoanalytiker erzählt von einem Patienten, der von seiner Mutter zum schlafen ans Bett gefesselt wurde, damit sie sich in Ruhe ihrem anderen Kind widmen kann. Bereits im Alter von zwei Monaten hatte sie ihren Sohn aufs Töpfchen gesetzt.

Kein Gespür für eigene und fremde Gefühle

"Daraus entsteht eine dramatische Abneigung, etwas zu tun, was ihnen aufgetragen wird", fügt der Arzt für Psychotherapeutische und Innere Medizin hinzu. Messies tun auch nichts, was sie sich selbst aufgetragen haben. "Viele versauen sich dadurch auch die Schulkarriere", sagt Rehberger. Andere wiederum funktionieren im Beruf, sind Politiker oder Manager, bekommen aber ihren Alltag, ihr Privatleben nicht auf die Reihe, weiß Pinnow. "Messies sind zutiefst einsame Menschen, die sehr verschlossen sind", sagt Rehberger. Das gelte auch, wenn sie sich auf eine eigene Familie eingelassen haben. Durch ihre Erlebnisse haben Messies beispielsweise weder für ihre eigenen Gefühle noch für die anderer ein Gespür. Manche Messies haben sich gut im Griff. Sie funktionieren im Alltag, haben sich ein System erarbeitet, in dem sie leben können. Wird dieses System erschüttert, beispielsweise durch den Verlust eines Menschen, kann das Korsett zerbrechen und die Person handlungsunfähig werden. Das Chaos bricht aus. Aber: "Solche Menschen sind verhältnismäßig einfach zu behandeln", sagt Rehberger. Immerhin haben sie schon einmal einen funktionierenden Alltag organisieren können.

Bei anderen Messies ist das schwierig, weil sie selten Hilfe annehmen können. Ein Ansatzpunkt ist es, aus dem Mach-ich-nicht-Muster auszubrechen, indem der Patient vom Müssen zum Wollen kommt, also seine eigene Einstellung überprüft. "Abwehr kann nicht ohne Gegenmittel aufgegeben werden", erklärt Rehberger. Wichtig ist zudem, Vertrauen aufzubauen, damit Messies sich angenommen fühlen. Eine Verhaltenstherapie sei nicht der richtige Weg. "Nun räumen Sie mal auf, dann sehen wir weiter": Mit ähnlichen Sätzen werden manche Messies von Therapeuten geradezu in die Flucht geschlagen. Völlig heilbar ist das Messie-Syndrom nicht, aber die Zwänge und die Depressionen sind behandelbar. "Man kann lernen, damit zu leben", sagt Pinnow.


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