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Plastinarium eröffnet: Leichen in Scheiben für eine sterbende Stadt

Der Leichenkonservierer Gunther von Hagens hat sein Plastinarium in Guben eröffnet - dort können auch Kinder zusehen, wie er tote Menschen zersägt. Ein Sieg der Gier nach Arbeitsplätzen über die Moral, sagen seine Gegner.

Von Angelika Unger, Guben

An der Backsteinfassade der alten Fabrik prangt ein meterhohes Werbeplakat: "Bodyworlds. Original. Authentic. Inspiring." Direkt gegenüber, an der Bushaltestelle, stehen die Demonstranten, ein paar Dutzend Männer und Frauen mit Kerzen und warmen Jacken. "Totenruhe ist ein Kulturgut" steht auf ihren Transparenten und Plakaten, und "Gubener Wirtschaftsaufschwung mit Leichen? Nein danke".

Guben liegt an der Grenze zu Polen, 20.000 Einwohner, vor der Wende waren es einmal 30.000 - eine sterbende Stadt. Gunther von Hagens, 61 Jahre alt und Hutträger aus Leidenschaft, ist gekommen, um ihr neues Leben einzuhauchen - mit Leichen, konserviert und in Scheiben geschnitten. In dem lang gestreckten Komplex am Neiße-Ufer, der früher die Textilfabrik "Gubener Wolle" beherbergte, können ab dem 17. November Besucher im Plastinarium einen Blick hinter die Kulissen der "Körperwelten" werfen, können sehen, wie aus einer Leiche ein fertiges Plastinat wird.

Er geht über Leichen, um zu provozieren

Den heutigen Tag, die feierliche Eröffnung des Plastinariums - genau das hatte der Gubener Pfarrer Michael Domke mit dem Aktionsbündnis für Menschenwürde zu verhindern versucht. "Der Ekel, den man empfindet, wenn man sich die ausgestellten Leichen ansieht, ist ein Warnsignal der Seele", sagt er. "Diesen inneren Widerstand bricht von Hagens ganz bewusst, um damit Geld zu verdienen." Er hält eine brennende Kerze in der Hand; zum Schutz vor dem Wind hat er sie in einen Saure-Sahne-Becher gesteckt.

Viele finden von Hagens' Innenansichten des menschlichen Körpers faszinierend: den Mann etwa, der seine Haut wie einen Mantel über dem Arm trägt, den Schachspieler, der - die Wirbelsäule entblößt - nachdenklich auf seine Figuren starrt. Für Menschen wie Michael Domke aber ist von Hagens ein zweiter Frankenstein, pietät-, aber mindestens geschmacklos, ein Zyniker, der im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen geht, um zu provozieren.

Er schafft Arbeitsplätze mit dem Leichen-Geld

So moralisch fragwürdig man seine Arbeit finden mag, ihr Erfolg ist unumstritten: Von Hagens hat mit seiner Leichenschau "Körperwelten" mehr als 20 Millionen Menschen überall auf der Welt angelockt und mehr als 40 Millionen Euro in seine Kasse gewirtschaftet. Und nun ist er hier, in Guben, wo jeder Vierte arbeitslos ist - und schafft Arbeitsplätze mit dem Geld, das er mit seinen Leichen verdient hat.

Auch er kenne einige, die in von Hagens Leichenwerkstatt Arbeit gefunden haben, sagt Pfarrer Domke, es seien Mitglieder seiner Gemeinde darunter. "Ich verurteile sie nicht. Ich kann sie verstehen, einige von ihnen waren mehr als zehn Jahre lang arbeitslos."

"Hier verdien' ich gutes Geld - was will man mehr"

Daniel Mettke ist einer der 48 Gubener, die Arbeit gefunden haben im Plastinarium. Bis vor kurzem war er noch Hartz-IV-Empfänger. "Hier verdien' ich gutes Geld, und kann in Guben bleiben - was will man mehr", sagt er. Als von Hagens die Bühne betritt, in rotem Jackett, weißem Hemd und unvermeidlichem schwarzen Filzhut, hebt Daniel Mettke sein Handy und schießt ein Foto von seinem neuen Chef.

"Leichenveredeler", so nennt Gunther von Hagens sich selbst. Er mache tote Körper zu etwas Schönem und Nützlichen. "Ein Plastinat ist ebenso wenig noch ein Leichenteil wie ein Stück Fleisch auf dem Teller ein Tierkadaver ist und ein antikes Möbelstück ein Baum", sagt er. Und Philosophieprofessor Franz Josef Wetz, der als eine Art moralisches Gewissen für die Veranstaltung fungiert, attestiert: "Der Vorwurf der Verletzung der Menschenwürde lässt sich nicht halten." Die Personalität eines Menschen ende mit dem Tod.

Pfarrer Domke sieht das anders. Als von Hagens feierlich das rote Band vor dem Eingang des Plastinariums durchschneidet, hält er seine Kerze im Saure-Sahne-Becher noch ein Stückchen höher und stimmt das Lied "We shall overcome" an.

Die Scheibe Ente ab 100 Euro, bald im Museumsshop

Die Gäste hasten unterdessen vorbei an den Presseausschnitten, den Flachbildschirmen und den Schautafeln; sie drängen in die Werkstatt. Hier wird klar, dass das Plastinarium nicht nur Schauraum ist - es ist auch Leichenfabrik. Kühltruhen, riesige Stahlbehälter mit Aceton, Gerätschaften zum Imprägnieren, Positionieren und Vulkanisieren der Plastinate, eine Silikon-Injektionsanlage und eine Maschine zum Schneiden von Hirnscheiben, die frappierende Ähnlichkeit mit einer Wurstschneidemaschine beim Fleischer hat: All das zeugt von industrieller Fertigung.

In ein paar Jahren, wenn die Produktion erst richtig angelaufen ist, will von Hagens hier jedes Jahr bis zu eine Million Körperscheiben fertigen lassen. Die Scheibe Ente soll es im Museumsshop für 100 Euro geben. Menschenscheiben werden nur an Forschungseinrichtungen verkauft, und sie werden erheblich mehr kosten: Querschnitte ab 300 Euro, Längsschnitte bis zu 7000 Euro - "da kriegt man nur etwa 20 Scheiben raus aus einem Körper", sagt von Hagens fast entschuldigend.

Doch weil die Besucher tote Menschen nicht nur in Scheiben geschnitten sehen wollen, gibt es auch einen Schauraum mit Plastinaten - ähnlich denen, die man aus der Körperwelten-Schau kennt: einen Lassowerfer mit aufgeklapptem Schädel etwa, einen enthäuteten Gorilla, die drei Poker spielenden Männer, die eigens für den James-Bond-Film "Casino Royale" angefertigt wurden.

"Im Laufe der Zeit wird das Routine"

Die Arbeit an den stählernen Präpariertischen geht unterdessen weiter. Zwei Frauen beugen sich über den Unterkörper eines toten Mannes. Krumme Zehen, verfärbte Nägel, die Beine mit einer sonderbaren gelben Masse beschmiert. "Überschüssiges Silikon", erklärt die eine Frau und schickt sich an, mit einer Pinzette die Reste zu entfernen.

Am Nebentisch taucht ein Mann hauchdünne Scheiben menschlicher Unterarme in rote, grüne und gelbe Farbe. Ob er darüber nachdenke, dass diese Scheiben einmal Teile lebendiger Menschen gewesen seien? "Manchmal", antwortet er und streicht nachdenklich über seinen blauen Kittel. "Aber im Laufe der Zeit wird das Routine."

Mit Routine hat von Hagens indes wenig im Sinn: Er hegt schon wieder neue Pläne. Derzeit prüfe er, ob man in einem leer stehenden Teil des Gebäudes eine Jugendherberge unterbringen könne. Seinen Plan, das Abendmahl mit Plastinaten nachzustellen, habe er jedoch vorerst gedanklich zurückgestellt. Wenigstens eine gute Nachricht für Pfarrer Michael Domke.