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Psychisch kranke Eltern: Mama, warum bist du so?

Kind eines psychisch kranken Elternteils zu sein kann die Hölle bedeuten. Schuldgefühle, Einsamkeit und die Angst, selbst zu erkranken, brennen sich in die Seele ein. Doch erst wenige Experten nehmen sich der kindlichen Nöte an.

Von Christiane Löll

Ein Skorpion mit einem großen Giftstachel bedroht Niklas' Familie. "Das Gift ist so gefährlich, dass man davon sterben kann", wispert der Neunjährige.

Der Skorpion ist die psychische Erkrankung seines Vaters. So stellt Niklas** sich die Krankheit vor, an der Herr Baumann schon seit mehr als zehn Jahren leidet. Niklas hat oft Angst und ist traurig, weil sein Vater Selbstgespräche führt, deren Inhalt er nicht versteht. Auch die Mutter hat Angst, dass der Vater den Job verliert. Bis auf einen von Niklas' vielen Freunden weiß niemand von ihnen über die Psychose Bescheid: "Die können das nicht verstehen, deshalb erzähle ich das nicht." So wie Niklas leben viele Kinder in Deutschland mit einem psychisch kranken Elternteil. Nach Angaben des Kinder- und Jugendpsychologen Fritz Mattejat von der Marburger Philipps-Universität sind es rund 500 000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, deren Vater oder Mutter an einer schizophrenen Psychose oder schweren Depressionen leidet.

Mit der Seelenqual allein fertig werden

Doch während Eltern kranker Kinder zahlreiche Therapie- und Beratungsangebote vorfinden, sind die Kinder kranker Eltern meist auf sich selbst gestellt. Nur wenige Vereine oder Projekte sind entstanden, die sich als Anlaufstellen für den notleidenden Nachwuchs verstehen, Verständnis und Betreuung bieten. In der Regel wissen nicht einmal die Menschen in der unmittelbaren Umgebung, Verwandte oder Freunde, welches Leid die psychische Erkrankung eines Elternteils auch für die Kinder bedeutet. Die meisten müssen mit dieser Seelenqual allein fertig werden.

Wie Marie, die allein mit einer schizophrenen und depressiven Mutter aufwuchs und als Pubertierende selbst eine schwere Bulimie entwickelte. "Das kann sich keiner wirklich vorstellen, was damals los war", erzählt die heute 21-Jährige. Seit Marie zehn war, musste die Mutter regelmäßig in die Klinik eingewiesen werden. Die gebürtige Bulgarin glaubte, dass ihr Vater ein Außerirdischer war, und hörte Stimmen. Die Angehörigen lebten weit weg in der Heimat der Mutter und kamen nur zur Hilfe, wenn sich deren Zustand auch aus der Ferne bedrohlich anhörte. Dann wurde die Kranke in die Klinik gebracht, und die Oma passte auf das Kind auf.

Marie führte den Haushalt, regelte die Angelegenheiten mit den Ämtern und Behörden, kochte. "Bis ich 15 war, waren meine Mutter und ich das perfekt eingespielte Duo." Doch dann verliebte sich Marie, und die Lage eskalierte. Ihre Mutter räumte die Küchenschränke aus und stellte alles Geschirr auf den Boden. Sie führte Selbstgespräche, wusch sich nicht mehr, verwahrloste. Mutter und Tochter stritten so heftig, dass es manchmal zu Schlägereien kam. "Irgendwann konnte ich nicht mehr", erinnert sich Marie, "ich hatte Angst einzuschlafen, weil sie nachts immer in mein Zimmer kam und mich bedrohte."

Auf eigenen Wunsch in ein Internat

In der Schule hatte Marie keine Schwierigkeiten. Sie hatte aber auch niemanden, mit dem sie über Probleme hätte reden können. "Also habe ich alles in mich reingefressen, sprichwörtlich und auch wirklich." Um von den Fressattacken nicht zuzunehmen, erbrach sich das Mädchen nach den Mahlzeiten. Fast ein Jahr hielt Marie die Tortur durch, dann schüttete sie der besten Freundin der Mutter ihr Herz aus: "Hilf mir bitte, sonst haue ich ab." Die beiden wandten sich ans Jugendamt: Die Mutter wurde einmal mehr ins Krankenhaus eingewiesen, Marie kam auf eigenen Wunsch in ein Internat.

Ähnlich verzweifelt war Mark. Seine Lehrerin schaltete sich ein, als er im elften Schuljahr immer wieder den Kopf auf den Tisch legte und den Unterricht störte. Sie erfuhr, dass der Vater des Jungen seit zehn Jahren unter schweren Depressionen litt. "Das bedeutete, dass er stundenlang weinte und durch das Haus lief, möglichst überall musste das Licht aus sein, weil er es nicht mehr ertragen konnte, und er hielt Monologe", erzählt Mark, 20.

Weil der Vater Lärm als Kränkung empfand, durfte das Kind nur auf Zehenspitzen durchs Haus gehen. "Er hat zwar immer gesagt, wir sollen uns durch seine Krankheit nicht beeinflussen lassen, aber wenn im Herbst in der Wohnung alle Lichter aus sind und er durch das Haus tapert und ständig klagt, wie schlecht es ihm geht, dann ist man natürlich beeinflusst."

Auch Mark sprach weder mit Angehörigen noch mit Freunden über sein Leid, sondern zog sich zurück. "Damals habe ich das, was zu Hause war, diese Schwermut, überall mit nach außen getragen. Und wer möchte als Jugendlicher, als spaßig aufgelegter Mensch, schon gerne mit jemandem zu tun haben, der immer schwermütig ist?" Den Kopf auf den Tisch zu legen, das war für ihn eine Art Hilfeschrei. "Das war ein Nicht-mehrKönnen."

Gute Beziehung zu gesunder Vertrauenspersonen

Psychiater und Psychologen haben aufgrund von Studien und durch ihre Arbeit Erkenntnisse darüber gewonnen, was den Kindern helfen kann und welche Faktoren ihre Entwicklung möglicherweise beeinträchtigen könnten. Als positiv gelten etwa eine gute Beziehung zu gesunden Vertrauenspersonen außerhalb der Familie, die Aufklärung und Information über die Krankheit. Wichtig ist auch, dass der gesunde Elternteil offen mit der Krankheit des Partners umgeht und ausgleichend wirkt. Negativ wirkt sich hingegen aus, wenn der kranke Elternteil besonders schwer und lange leidet. Auch eine drohende Trennung der Eltern belastet die Kinder zusätzlich.

Um Kindern wie Niklas, Marie oder Mark beizustehen, haben Experten in einigen deutschen Städten Präventionsprojekte gestartet. Ihre Erfahrung: Wenn auch die Spannbreite der elterlichen Leiden groß ist - die Gefühle und Probleme der Kinder von psychisch Kranken ähneln sich. "Das Schuldthema ist ganz gross", sagt Gyöngyver Sielaff, die seit rund zehn Jahren mit Kindern psychisch kranker Eltern zusammenarbeitet, unter anderem für den Verein SeelenNot. Die Psychotherapeutin begleitete auch Mark in den vergangenen Jahren. "Kinder beziehen alles auf sich und haben das Gefühl: Würde ich jenes und dieses besser machen, mehr lernen, besser aufräumen, dann wäre Mama nicht so traurig oder aufbrausend. Die Kinder meinen, sie haben die Macht, die Verantwortung, an dem Zustand ihrer Eltern etwas ändern zu können."

Oder sie sehen sich unter Druck, selbst Entscheidungen treffen zu müssen, denen sich oft Erwachsene nicht gewachsen fühlen. "Eigentlich hätte ich meine Mutter direkt in die Klinik einweisen lassen müssen, dann hätte ich sie und mich nicht belastet", sagt Marie. "Ich weiß, dass es eigentlich nicht meine Aufgabe war, sie einweisen zu lassen. Aber es war ja keiner da!" Die Kinder geraten in die Erwachsenenrolle. "Sie übernehmen die Verantwortung für den kranken Elternteil. Sie sind Partnerersatz für den gesunden Elternteil und werden dadurch überfordert", betont Michael Hipp, Leiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes in Hilden und Vorsitzender des Fördervereins für das Projekt Kipkel (Kinder psychisch kranker Eltern).

Enttabuisierung steht im Vordergrund

Behandeln die Eltern das die Familie beherrschende psychische Leiden als Tabu und weigern sie sich aus Scham oder Angst, mit und vor anderen darüber zu sprechen, bringt das die Kinder in schwere Loyalitätskonflikte mit den Eltern. Die Enttabuisierung steht für Psychiater Hipp im Vordergrund von Behandlung und Betreuung dieser Familien. Die Mitarbeiter bei Kipkel wollen Eltern und Kindern in gemeinsamen Gesprächen vermitteln: Man kann über psychische Erkrankungen reden wie über jedes andere Thema auch. "Häufig sagen die Kinder dann: "Danach haben wir im Auto das erste Mal ganz locker darüber gesprochen." Das ist ein großer Durchbruch." Oft wird den Sprösslingen gar nicht erst erklärt, was mit Mutter oder Vater überhaupt los ist.

Susanna Staets, Initiatorin von Kipkel, hält die Aufklärung der Kinder jedoch für unverzichtbar: "Es ist wichtig, darüber zu sprechen, was eigentlich eine psychische Erkrankung ist, was etwa eine Schizophrenie ist, was es bedeutet, dass eine Mutter monatelang im Bett liegt oder ein Vater nachts bis in die Puppen Musik hört oder tagsüber permanent einkauft. Wenn Kinder darüber Bescheid wissen, sind sie entlastet, und die Art und Weise, wie sie mit den Eltern umgehen, verändert sich."

Dieses Wissen soll auch gegen die Verunsicherung wirken. Denn allzu oft hinterfragten die Kinder verzweifelt und irritiert ihre eigene Wahrnehmung, berichtet die Psychologin Sielaff. So lebe ein achtjähriges Mädchen seit Jahren mit zwei Geistern ihrer an Schizophrenie erkrankten Mutter. "Meine Frage, ob das Mädchen diese Geister sehe oder höre, beantwortete sie mit einem entschiedenen "Nein". In dieser Wahrnehmung bestärkte ich sie, und wir einigten uns, dass die Mama diese Geister sieht und hört; für sie sind sie da, wenn sie krank ist."

Und viele der Betroffenen haben Angst, selbst einmal zu erkranken, selbst in das tiefe Loch einer Depression zu fallen oder Stimmen zu hören. Besonders Kinder ab 12, 13 machen sich Gedanken: Können sie das geerbt haben? So berichtet Thomas, 18, Sohn einer manisch-depressiven Mutter: "Meine Hoffnung ist, dass ich keine bleibenden Schäden davontrage. Ich bin zwar kein Pessimist, aber da sage ich mir: lieber nicht vom Besten ausgehen."

Genetisches Risiko

Laut Fritz Mattejat von der Marburger Philipps-Universität ist bei Kindern psychisch kranker Eltern in der Tat die Gefahr gegeben, irgendwann im Leben eine seelische Krankheit zu erleiden: "Studien zeigen, dass Kinder von schizophrenen oder depressiven Eltern nicht nur durch die Umstände zu Hause beeinträchtigt sind, sondern dass sie auch ein genetisches Risiko tragen, selbst zu erkranken." Bei einem schizophrenen Elternteil sei das Risiko etwa zehnmal so groß wie bei Altersgenossen mit gesunden Erzeugern. Es fehle aber immer noch ein genaueres Verständnis, welche Mechanismen eine psychotische Erkrankung übertragen. "Die Gefahr, dass ein Kind einer psychisch kranken Mutter oder eines psychisch kranken Vaters erkrankt, ist sicherlich statistisch erhöht, sie ist aber absolut gesehen weiterhin gering", fügt Psychiater Hipp hinzu. Er hält es für wichtig, den Kindern klar zu machen, dass es keine Schicksalhaftigkeit gebe.

Aus ihren Erfahrungen und Problemen könnten die Kinder sogar lernen. "Ich wehre mich dagegen, dass all dies automatisch zu Mangelerscheinungen führen soll", sagt die Psychologin Sielaff. "Ich denke, dass da auch Ressourcen entstehen: Sensibilität, zwischen den Zeilen lesen, die Fähigkeit, emotionale Zwischentöne zu spüren." Auch Staets bestätigt das. "Wir sagen den Eltern oft, dass sie tolle Kinder haben. Die sind tolle Manager, es finden sich ganz viele Klassensprecher darunter. Weil sie es gewohnt sind, von morgens bis abends zu organisieren. Sie können sich schnell einfügen, können schnell klären, was los ist. Das sind große Stärken."

In den Rheinischen Kliniken in Langenfeld kommt Susanna Staets regelmäßig auf die Stationen der Psychiatrie, um Eltern über die Hilfeleistungen von Kipkel zu informieren. Staets und ihre Kollegen arbeiten zunächst unabhängig vom Jugendamt. Wenn die Sorgen um Wohlergehen und Zukunft des Kindes jedoch überborden, ziehen sie die Behörde hinzu: Wenn der kranke Elternteil sich beispielsweise nicht behandeln lässt, die Kinder verwahrlosen oder in Einzelfällen auch Opfer körperlicher Gewalt werden.

Sorgen auf künstlerische Art darstellen

Seit zwei Jahren besucht Niklas regelmäßig das Kipkel-Projekt in der Haaner Praxis. Auch Marie und Thomas sind "Kipkel-Kinder". In den Beratungsstunden können die Kinder und Jugendlichen ihre Sorgen auf künstlerische Art und Weise darstellen - das hilft ihnen, Worte für das zu finden, was zu Hause passiert. "Viele Kinder haben Angst vor der Erkrankung", erzählt Susanna Staets. "Das können sie aber zunächst nicht mit der Sprache ausdrücken, sondern eher durch Malen und Gestalten. So malen sie die Krankheit beispielsweise als Monster. Über die Werke kann man dann anfangen, mit den Kindern zu reden."

Eine Zeit lang hatte Niklas Einzeltermine mit einer Therapeutin. Jetzt geht er einmal im Monat in die offene Sprechstunde, in die auch andere Kinder kommen und wo hauptsächlich gespielt wird. "Wenn er Fragen hat, die wir nicht beantworten können, kann er sie dort stellen. Und er lernt andere Kinder kennen, die das gleiche Problem haben. So merkt er, dass er nicht allein damit ist", sagt Niklas' Mutter. Auch Niklas findet inzwischen Worte, um die Krankheit seines Vaters zu beschreiben.

Am Wohnzimmertisch spricht Familie Baumann mittlerweile offen darüber, was die Krankheit des Vaters für Niklas bedeutet. Der Vater arbeitet wieder in einem Produktionsbetrieb und nimmt regelmäßig Medikamente. Seit zwei Jahren ist das Hauptsymptom seiner Krankheit das Führen von Selbstgesprächen. "Ich sinke in mich zusammen und habe starke Grübelphasen. Ich komme nicht zur Ruhe. Ich erlebe Rollenspiele in mir selbst", beschreibt er die Vorgänge in seinem Kopf. "Wenn Niklas sagt: Hör auf mit den Selbstgesprächen, versuche ich mich davon zu lösen. Ich sage ihm dann: Papa hat viel Stress, viel Arbeit." Doch das gelingt ihm nicht immer, und Niklas ist enttäuscht, wenn sein Vater mal wieder Verabredungen mit ihm absagen muss, weil er so müde ist.

"Kinder lieben ihre Eltern"

Immer wieder werden Staets und ihre Kollegen nach dem Nutzen ihres Projekts gefragt. "Es ist nicht messbar, ob unsere Arbeit etwas bringt", sagt Staets. "Aber wir können nach all den Jahren sagen, dass die Kinder sehr viel stabiler sind, sie in der Schule gut zurechtkommen, sie eigene Freunde haben, sie sich gut ablösen können. Wir bekommen Rückmeldungen von Schulen, die über Kinder berichten, die selbstbewusster geworden sind, die sich nach außen besser verteidigen können. Ich denke, dass wir dazu beitragen, dass die Kinder die Achtung vor ihren Eltern behalten können, auch wenn die Situation schwierig ist. Denn: Kinder lieben ihre Eltern, auch wenn die noch so krank und noch so verrückt sind."

*In den Szenen hat GESUND-LEBEN-Mitarbeiterin Kascha Beyer Erlebnisse von Kindern nachgestellt. **Die Namen der Kinder und ihrer Eltern wurden von der Redaktion geändert

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18jähriger Kater und Welpe geht das?
Hallo, wir haben einen 18-jährigen Kater der aber noch recht fit ist. Er ist zwar eigentlich nur zu meiner Mutter anhänglich also kommt immer am Abend auf die Couch und lässt sich streicheln von ihr sonst ist er eigentlich den ganzen Tag in seinem Bett im Keller oder oben auf einer Decke die im Schrank liegt. Erzieht sich also zurück. Nun ist der Wunsch nach einem Welpen doch sehr groß und der einzige Grund der dagegen spricht oder der infrage kommt warum wir keinen holen würden wäre unser Kater. Habt ihr Erfahrung mit alten Katzen und welchen gemacht? Unser Kater ist nämlich Hallo, wir haben einen 18-jährigen Kater der aber noch recht fit ist. Er ist zwar eigentlich nur zu meiner Mutter anhänglich also kommt immer am Abend auf die Couch und lässt sich streicheln von ihr sonst ist er eigentlich den ganzen Tag in seinem Bett im Keller oder oben auf einer Decke die im Schrank liegt. Erzieht sich also zurück. Nun ist der Wunsch nach einem Welpen doch sehr groß und der einzige Grund der dagegen spricht oder der infrage kommt warum wir keinen holen würden wäre unser Kater. Habt ihr Erfahrung mit alten Katzen und welchen gemacht? Unser Kater ist nämlich eigentlich nicht So gut auf Hunde zu sprechen also wenn ein Hund an seinem Garten vorbeigeht springt er schon hinterm Zaun ein bisschen hoch und fängt an zu fauchen. Denkt ihr nicht das Man wird vorsichtiger Eingewöhnung es schaffen könnte dass die beiden sich verstehen? LG und danke im Voraus