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Rauchen: Nikotin wirkt schon auf der Zunge

Nikotin wirkt nicht erst im Gehirn, sondern bereits auf der Zunge. Dort gibt es Geschmacksknospen, an die nur das Suchtmittel andocken kann. Durch diese Entdeckung könnten sich ganz neue Behandlungsmethoden für die Rauchentwöhnung eröffnen.

Die Zunge enthält eine Vielzahl von Geschmacksknospen, die verschiedene Geschmacksrichtungen erkennen. Forscher aus den USA und Portugal haben nun entdeckt, dass auch Nikotin von der Zunge wahrgenommen wird. Sie hat Andockstellen für das Suchtmittel, die ein einzigartiges Geschmacksempfinden auslösen. Damit spielen sie wohl eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Nikotinabhängigkeit. Die Erkennungsmoleküle arbeiten dabei völlig unabhängig vom normalen Geschmackssinn, haben die Wissenschaftler jetzt bei einer Untersuchung an Mäusen und Ratten entdeckt. Sollte sich in weiteren Studien bestätigen, dass Nikotin beim Menschen auf die gleiche Weise wirkt, könnten Wirkstoffe gegen Nikotinsucht entwickelt werden, die direkt auf die Zunge aufgetragen werden - eine Verabreichungsform, die weitaus vielversprechender und schonender ist als herkömmliche Methoden. Über ihre Arbeit berichten Albino Oliveira-Maia von der Universität in Porto und sein Team im Fachmagazin "PNAS".

Beim Rauchen wird Nikotin inhaliert und gelangt von der Lunge über die Blutbahn ins Gehirn, wo es an Rezeptoren mit dem sperrigen Namen nAChRs andockt. Dadurch werden diverse Botenstoffe ausgeschüttet, darunter auch das Dopamin. Es ruft über das Belohnungszentrum ein allgemeines Wohlgefühl hervor und führt so schlussendlich zu einer Abhängigkeit. Allerdings vermuten Forscher schon länger, dass neben diesem klassischen Weg auch der Geschmack von Nikotin zur Entstehung der Sucht beiträgt. Er wird von vielen Menschen als bitter beschrieben. Wer sehr sensibel für bittere Substanzen ist, ist überdurchschnittlich häufig Nichtraucher. Zudem verschwindet selbst bei starken Rauchern ganz plötzliche das Verlangen nach Nikotin bei Verletzungen der für Geschmacksempfindungen zuständigen Hirnregionen.

Auch die Ergebnisse, die Oliveira-Maia und seinen Kollegen jetzt präsentierten, stützen diese Vermutung - allerdings auf eine etwas unerwartete Weise: Nikotin löst nämlich gleich auf zwei Wegen Geschmackssensationen aus. Zum einen benutzt es wie andere Bitterstoffe auch den herkömmlichen Signalweg, über den Geschmackseindrücke ans Gehirn gemeldet werden. Zum anderen dockt es zusätzlich an nAChRs in der Zunge an. Deren Existenz ist bisher lediglich vermutet worden. Es löst einen davon unabhängigen Reiz aus, der auch im Gehirn andere Aktivitätsmuster erzeugt.

Besonders vielversprechend sei in diesem Zusammenhang gewesen, dass die Reaktion der Tiere auf den Nikotingeschmack praktisch ausblieb, wenn die Zungenrezeptoren mit einem speziellen Hemmstoff lahmgelegt wurden, schreiben die Forscher. Sie sehen darin einen neuen Ansatz, Nikotinsucht zu behandeln. Bisher verfügbare Wirkstoffe, die auf die Nikotinrezeptoren im Hirn abzielen, müssen in Tablettenform eingenommen werden, haben schwere Nebenwirkungen und nur eine geringe Erfolgsrate, erläutern sie. Die Rezeptoren auf der Zunge könnten hingegen direkt mit dem Wirkstoff in Kontakt gebracht werden, was die Effizienz erhöhen und die Nebenwirkungen deutlich reduzieren müsste.

DDP / DDP