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Reaktion im Gehirn: Schlafmangel kurbelt Gefühle an

Die Kollegen im Büro, die Kinder daheim, der Einkauf im Supermarkt - alles geht einem auf die Nerven, hat man wenig geschlafen. Logische Entscheidungen zu treffen, fällt dann deutlich schwerer als sonst. Warum das so ist, haben jetzt Wissenschaftler der Harvard-Universität herausgefunden.

Wer zu wenig schläft, hat oft mit Gefühlsausbrüchen zu kämpfen

Wer zu wenig schläft, hat oft mit Gefühlsausbrüchen zu kämpfen

Amerikanische Forscher haben entdeckt, warum Menschen bei Schlafentzug häufig irrational reagieren: Das Gehirn schaltet in eine Art urtümlichen Zustand um, in dem nicht mehr das logische Denken dominiert, sondern das Gefühlszentrum. Dadurch können Gefühle und mit Emotionen verbundene Bilder nicht mehr richtig in einen Kontext eingeordnet werden, und die Reaktionen beginnen unkontrolliert überzuschießen. Die Ergebnisse der Studie zeigten, wie problematisch Schlafentzug vor allem dann ist, wenn logische Entscheidungen getroffen werden müssen, wie beispielsweise bei medizinischem Personal, erklären die Wissenschaftler um Seung-Schik Yoo von der Harvard-Universität in Boston. Sie stellen ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift "Current Biology" vor.

Für die Studie verzichteten 13 Freiwillige 35 Stunden lang auf Schlaf, während zum Vergleich eine weitere Gruppe von 13 Teilnehmern ihren normalen Schlafrhythmus beibehielt. Gegen Ende der Studiendauer bekamen alle Probanden 100 Bilder mit Motiven gezeigt, die mit Emotionen von neutral bis extrem belastend verbunden waren - wie etwa Abbildungen von Kindern mit Krebstumoren oder verstümmelte Leichen. Gleichzeitig bestimmten die Wissenschaftler mit Hilfe der funktionalen Magnetresonanztomographie, welche Hirnregionen der Testteilnehmer aktiv waren.

Kontrollverlust im Gefühlzentrum

Die Reaktionen der müden Probanden unterschieden sich an zwei Schlüsselstellen von denen der ausgeschlafenen, zeigte die Auswertung: Zum einen provozierten die negativen Bilder in der Amygdala, einem Teil des Gefühlszentrums im Gehirn, nach dem Schlafentzug eine mehr als 60 Prozent höhere Aktivität als bei der Vergleichsgruppe. Zum anderen fehlte bei den müden Teilnehmern eine Kopplung zwischen der Amygdala und dem sogenannten präfrontalen Cortex, einer Hirnregion, die für logisches Denken und die Bewertung von Gefühlen zuständig ist. Stattdessen schien das Gefühlszentrum bei ihnen mit einem Areal namens Locus coeruleus verbunden zu sein. Es gehört zu den ältesten Teilen des Gehirns und steuert unter anderem den Fluchtreflex bei einer akuten Bedrohung.

Der Schlafentzug verhindert demnach, dass der präfrontale Cortex und damit das logische Denken die üblicherweise vorhandene Kontrolle über das Gefühlszentrum behält, schlussfolgern die Wissenschaftler. Ohne diese Steuerung reagiert die Amygdala über, was unter anderem die überzogenen Gefühlsausbrüche junger Mütter nach durchwachten Nächten erklären könne, sagen die Forscher. Zudem lassen die Ergebnisse den Schluss zu, dass Schlaf nicht nur für die körperliche, sondern auch für die emotionale Regeneration unverzichtbar ist - wahrscheinlich, weil er die Verbindung zwischen Amygdala und präfrontalem Cortex durch einen Neustart wieder in den Ausgangszustand versetzt. Außerdem legten die Messungen nahe, dass die mit vielen psychischen Krankheiten einhergehende Schlaflosigkeit nicht nur eine Begleiterscheinung, sondern möglicherweise Teil des Problems sei, betonen die Forscher.

DDP / DDP
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