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Reise: Rundum Meer

Ostsee, Algen, Schlick - eine Thalassokur im Hotel Neptun ist genau das Richtige, um den Körper winterfest zu machen.

Da steht man an der nackten Kachelwand und wird mit Ostseewasser beschossen. Über Waden, Schenkel, Rücken, Schultern, Nacken führt die Physiotherapeutin den harten Strahl, bohrt ihn gnadenlos in jede Verspannung. Nach zehn Minuten ist die Tortur beendet, und der gedroschene Körper darf in brauner Algenbrühe versinken, wo er umsprudelt wird, bis die Haut prickelt und der Kreislauf rauscht. Eine solide Sache. Die Thalassobehandlungen im Warnemünder Hotel Neptun brauchen kein Asia-Gedöns, keine Zimbeln und kein "Oommm". Ein Schlauch, schlicht gekachelte Wände, weiße Wanne, Meerwasser, Algen und Schlick; nach den Anwendungen eine Liege mit Meerblick und Tee, das genügt.

Kenner kommen jedes Jahr zur Herbstkur, um sich den Stress des Sommers aus dem Leib zu waschen. Sie lassen sich abspritzen mit Meerwasser, besprühen mit Meerwasser, baden im Algensud. Wie Babys dösen sie schlickbeschmiert in Folie gewickelt, schauen den Möwen draußen zu und den großen Pötten, die sich langsam in den Hafen schieben. Und wenn ihnen nach Luft und Bewegung ist, spazieren sie dick eingemummelt stundenlang am Meer. Wer das eine oder zwei Wochen macht, hat vermutlich keine Wünsche mehr. Kuren mit Meerwasser, Algen und Schlick sind die Spezialität des einstigen DDR-Vorzeigehotels, das sorgfältig renoviert und mit einem beachtlichen Spa ausgestattet wurde.

Als einzige Herberge in Deutschland darf es sich "Original-Thalasso-Zentrum" nennen. Was dazu nötig ist, liegt vor der Tür: das Meer und eine Leitung, die das Ostseewasser direkt ins Hotel transportiert. Dort wird es gereinigt und der Kundschaft zugeführt. Ein eigener Trakt steht für die Behandlungen bereit, zuständig sind ein halbes Dutzend ausgebildete Physiotherapeuten und eine Ärztin. Aus dem Meer kommt der Mensch, und ins Meer schaut er - im Hotel Neptun kann man nicht anders. Beim Frühstück, beim Fünfuhrtee, in der Sauna und von jedem Zimmer aus geht der Blick aufs Meer. Nach Westen zieht sich kilometerweit der weiße Strand, und im Osten träumt Warnemünde vor sich hin.

Vom Herbst an ist es hier besonders schön. Die Touristenströme sind versiegt, und die Strandkörbe halten Winterschlaf. Morgens kann man nach dem Aufwachen zusehen, wie sich über den Dächern die rote Morgensonne aus dem Dunst erhebt. Wer auf der Westseite wohnt, bekommt sein Schauspiel vor dem Abendessen: Sonnenuntergang über der Ostsee, ein Farbenrausch. Mehr Spektakel braucht hier kein Mensch.

Sabine Kartte / print
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