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Schönheitsoperationen: Persönlichkeit ist keine Frage der Chirurgie

Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer, ist beunruhigt über einen zunehmenden Schönheitswahn in Deutschland. Werde diese Entwicklung nicht abgebremst, warnt er, drohe ein Flächenbrand.

Unter Jugendlichen wächst die Zahl derer, die Schönheitsoperationen befürworten. Woher rührt dieser Trend?
Diese Entwicklung kommt gerade aus Amerika zu uns herüber. Dort ist schon seit einigen Jahren zu beobachten, dass Eltern meinen, das Äußere ihrer Kinder müsste einem bestimmten Schönheitsideal entsprechen, damit sie im beruflichen wie im privaten Leben eine Chance haben. Inzwischen sind solche Auffassungen auch bei uns keine krasse Außenseitermeinung mehr. Daran haben einige Sendeformate einen nicht unerheblichen Anteil.

Was unternimmt die Bundesärztekammer gegen diese Entwicklung?


Wir haben die Initiative für eine Koalition gegen den Schönheitswahn ergriffen, der sich Politiker, Kirchen, Sportbund und auch die wissenschaftlichen Gesellschaften der Plastischen Chirurgie angeschlossen haben. Wir wollen gemeinsam eine Debatte darüber entfachen, ob es tatsächlich wünschenswert ist, dass sich unsere Kinder mit Hilfe der so genannten Schönheitschirurgie nach einem vorherrschenden Ideal stylen. Lange Zeit kamen ästhetische Operationen ja nur dann zum Einsatz, wenn Menschen durch eine Behinderung oder einen Unfall stark entstellt und dadurch in ihrem Leben beeinträchtigt waren. Jetzt werden solche Eingriffe häufig als kosmetische Korrekturen angepriesen und die Risiken der Operationen kleingeredet.

Wieso kommt die Diskussion erst jetzt in Gang? War diese Entwicklung nicht abzusehen?


Vor zwei, drei Jahren hat man das Ganze noch nicht richtig ernst genommen. Das hat sich verändert, nicht zuletzt wegen der so genannten Doku-Soaps im Privatfernsehen, die ja ganz gezielt junge Leute ansprechen sollen. Umfragen haben ergeben, dass 24 Prozent der 14- bis 19-jährigen die neuen Fernsehformate gut finden.

Worin sehen Sie die Gefahr dieser neuen Fernsehformate?


Ich habe den Eindruck, dass Schönheitsoperationen zunehmend als etwas weitgehend Normales dargestellt werden. Die Betonung liegt hier auf Norm. Während früher schönheitschirurgische Eingriffe nur gelegentlich und möglichst unbemerkt von der Öffentlichkeit durchgeführt worden sind, wird heute in den Medien eine Scheinrealität konstruiert, die Schönheitsoperationen zu einem erstrebenswerten Konsumgut werden lassen.

Und dafür sind Jugendliche besonders empfänglich?


Ja, schon jetzt werden zehn Prozent aller ästhetisch-plastischen Operationen an unter 20-Jährigen vorgenommen. Selbst in der Altersgruppe der 9- bis 14-jährigen sind Schönheitsoperationen ein Thema. Dieser Trend wird durch TV-Sendungen verstärkt, die dem Zuschauer suggerieren, jeder könne sich nach Wunsch Nase, Kinn, Brust oder Beine durch einen chirurgischen Eingriff verändern lassen. Wir müssen verhindern, dass Jugendliche ihr Aussehen als Makel betrachten, der nur durch eine Schönheits-OP beseitigt werden kann. Persönlichkeit ist keine Frage der Chirurgie. Zum Glück sind wir in Deutschland noch in einem relativ frühen Stadium der Diskussion. Deshalb glaube ich, dass sich die Entwicklung abbremsen lässt, bevor ein Flächenbrand entsteht.

Die Bundesärztekammer schlägt in diesem Zusammenhang auch Änderungen im Weiterbildungsrecht vor. Was erwarten Sie sich davon?


Fachärzte für Plastische Chirurgie dürfen demnächst zusätzlich die Bezeichnung “Ästhetischer Chirurg“ führen, Fachärzte mit der Zusatzweiterbildung „Plastische Operationen“ zusätzlich die Bezeichnung “Ästhetische Operationen“. Anders als bisher sind diese neuen Bezeichnungen dann geschützt und dürfen nur nach einer entsprechenden Weiterbildung verwendet werden. Damit soll den Patienten die Unterscheidung zwischen hoch qualifizierten Fachärzten und selbst ernannten Schönheitschirurgen erleichtert werden.

Froben Homburger/AP / AP