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Sex im Alter: "Use it or lose it"

Wer seinen Sex nicht gebraucht, verliert ihn. Und das wäre arge Verschwendung, meint Oswalt Kolle, einst Großmeister der Aufklärung. Die Fähigkeit zu Liebe, Lust und Tollerei bleibt ein Leben lang frisch.

Seit Jahrzehnten bekommen Sie Briefe, in denen Menschen Ihnen sexuelle Wünsche und Probleme schildern. Wie ändern sich die Bedürfnisse im Laufe des Lebens?

Das Alter selbst spielt eine geringere Rolle als das persönliche Interesse an Sex. Es gibt Menschen, für die Sex nicht wichtig ist oder die ihr Leben lang Schwierigkeiten damit hatten, dabei aus sich herauszu- kommen. Die erleben es oft als Erleichterung, wenn sie ruhiger werden und sich dabei auf ihr Alter berufen können. Wer aber schon immer eine starke Libido hatte, der behält diese Lust oft bis ins hohe Alter.

Woran liegt es dann, dass in vielen Partnerschaften nach ein paar Jahren nur noch wenig oder gar kein Sex mehr stattfindet?

Dazu gibt es eine Theorie des Heidelberger Paartherapeuten Professor Ulrich Clement, die mich überzeugt. Er sagt, ein Paar hat eine Vielzahl von sexuellen Wünschen, einigt sich aber innerhalb der ersten vier Jahren auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Alles andere ist Schweigezone. Die Wünsche werden also nicht ausgesprochen, weil beide Partner Angst haben, vom anderen etwas zu fordern, mit dem sie zurückgewiesen werden. Allmählich wird der gemeinsam akzeptierte Bereich immer kleiner, und im Durchschnitt ist nach vier Jahren die Luft raus. Spätestens dann muss man an der Beziehung arbeiten, damit die Sexualität nicht der Langeweile zum Opfer fällt. Dass das oft nicht gelingt, sehen Sie an den extrem hohen Scheidungsraten im sechsten Ehejahr.

Was hilft dagegen?

Man muss so früh wie möglich die Zone des Schweigens aufbrechen und seine Ideen aussprechen, auch wenn sie einem vielleicht verrückt vorkommen. Etwa, dass man es mal auf der Gartenbank machen möchte, sodass die Nachbarn es hören. Oder dass man ein bisschen S/M machen möchte. Es ist eine Tatsache, dass wir in der Öffentlichkeit wahnsinnig viel über Sexualität reden, dass aber zu viele Paare darüber nicht miteinander reden. Das betrifft vor allem ältere Menschen. Schauen Sie doch mal in die Bekanntschaftsanzeigen der "Zeit". Die sind doch eine Lachnummer.

Das müssen Sie mir erklären.

Als Fachmann auf dem Gebiet der Sexualität fällt mir auf, dass es dort bei der Partnersuche nie eine sexuelle Komponente gibt. Stattdessen werden dort Wünsche darüber geäußert, dass man gemeinsam Rilke lesen möchte oder lange Stadtwanderungen machen will. Im Frühjahr in die Alpen reisen und im Sommer an die See, um Hand in Hand den Sonnenuntergang zu sehen. Aber nicht mal andeutungsweise geht es um Sex. Das gibt es gar nicht! Dabei kann man das doch auch romantisch umschreiben. Und es ist doch, gerade wenn man schon etwas älter ist, besonders wichtig, offen zu sein. Denn erfahrungsgemäß fällt es vielen dann deutlich schwerer, einen neuen Anfang zu machen, weil die sexuellen Neigungen weit auseinander klaffen.

Es hat doch einen Grund, dass viele Wünsche ungesagt bleiben. Was tun, wenn der Partner einen tatsächlich zurückweist?

Es ist natürlich wichtig, dass man in einer Partnerschaft auch mal etwas ausprobiert, was man sich zunächst überhaupt nicht vorstellen kann. Vielleicht mal Telefonsex miteinander zu machen, das kann unglaublich spannend sein. So etwas muss man doch nicht den 0190-er-Nummern überlassen. Mir hat eine Frau geschrieben: "Mein Mann möchte es immer vor einem Spiegel machen. Das ist ja wie Porno." Was für ein Missverständnis! Ein Porno ist etwas, was Fremde machen. Was man beim Sex selbst macht, kann also nie Pornografie sein. Wenn ihr Mann das interessant findet, könnte sie sich doch zumindest versuchsweise darauf einlassen. Vielleicht ist es ja auch für sie schön. Ein wichtiger Tipp für den Einstieg: Wenn ein Partner sagt, ich möchte es ein wenig anders haben, dann missversteht der andere es leicht als persönliche Kritik, und dann geht gar nichts mehr. Einfacher ist es, die Wünsche positiv auszudrücken. Bei jedem Paar gibt es doch Momente, die man wieder hervorrufen kann, etwa: "Erinnerst du dich an den wunderbaren Urlaub an der Ostsee? Was wir am Timmendorfer Strand in den Dünen gemacht haben? Das war so wunderbar, daran denke ich immer wieder." Wichtig ist auch der Zeitpunkt. Reden Sie nicht erst im Bett über Ihre Vorstellungen, sondern zum Beispiel bei einem romantischen Essen oder bei einem Spaziergang zu zweit. Es ist ein Beweis von Liebe und Vertrauen, wenn Sie dabei die Schere in Ihrem Kopf vergessen können und dürfen.

Und dabei entsteht dann ein Schlachtplan?

Warum denn nicht? Wer Sex immer nur aus einer spontanen Situation heraus beginnt, verpasst etwas. Das funktioniert ohnehin nur in den ersten Jahren. Am Anfang bekommt der Mann schon eine Erektion, wenn er nur an den Namen seiner Freundin denkt, etwas später reicht es, dass sie die Hand auf sein Knie legt. Aber irgendwann ist das spontane Begehren weg. Na und? Liebe muss nicht immer spontan sein. Die lässt sich auch wunderbar planen. Indem man sich vielleicht drei Tage vorher verabredet und möglicherweise sogar ein kleines Drehbuch ausdenkt: Mittwochabend gehen wir essen, danach machen wir dies und dann das. Die Vorfreude darauf kann eine große erotische Spannung erzeugen.

Man muss also nur offen miteinander umgehen, und dann bleibt das Sexleben dauerhaft so schön wie mit 30 Jahren?

Wenn ich die Frage für mich persönlich beantworte, kann ich sogar sagen, dass er im Laufe der Zeit besser geworden ist. Ich habe in den vergangenen zweieinhalb Jahren großes sexuelles Glück erlebt, und ich sage bewusst nicht "Zufriedenheit", sondern spreche von Glück. Meine Partnerin und ich können ungeheuer genießen und freuen uns immer wieder, zusammen zu sein. Die Chancen, dass das so bleibt, steigen, wenn Menschen eine Regel beachten, die wichtigste, die es zur Alterssexualität gibt: Use it or lose it. Gebrauche deine Sexualität oder verliere sie. Früher gab man ja pubertierenden Jungen den Leitsatz mit auf den Weg: Tausend Schuss, dann ist Schluss. Das sollte sie vom Masturbieren abhalten. Das Gegenteil ist richtig: Nicht sparen, sondern verschwenden. Die Maschine muss am Laufen bleiben. Und wer keinen Partner hat, um seine sexuellen Bedürfnisse auszuleben, soll bitte masturbieren, um seinen Hormonhaushalt am Laufen zu halten. Es wird nämlich viel schwieriger, nach zehn Jahren Pause wieder anzufangen. Ich bin überzeugt, dass wer früh anfängt und bei der Sache bleibt, gute Aussichten hat, bis ins hohe Alter erfüllte Sexualität zu erleben. Außerdem hält Sex jung.

Psychisch oder physisch?

Beides. Es ist erwiesen, dass sexuelle Aktivität das Leben verlängert. Durch sie, durch befriedigende Orgasmen, wird eine Vielzahl von Glückshormonen ausgeschüttet. Untersuchungen zeigen, dass Menschen, die regelmäßig Orgasmen haben, weniger gefährdet sind, einen Herzinfarkt zu bekommen. Wir wissen, dass Frauen, die regelmäßig Orgasmen haben, viel seltener zu Inkontinenz neigen, weil die Beckenbodenmuskulatur dadurch ständig trainiert wird. Auch die Haut bleibt straffer, wenn man sexuell aktiv ist. Und, davon bin ich überzeugt: Sex ist das beste Mittel gegen Altersdepression.

Und er funktioniert bei ausreichend Training mit 70 noch so wie mit 20 Jahren?

Natürlich verändert sich der Körper. Beim älteren Mann dauert es länger, bis der Penis hart wird, noch länger, bis es zum Orgasmus kommt, und der ist dann kürzer und wird nicht mehr so stark erlebt. Frauen haben nach der Menopause Probleme mit der Lubrikation, die Haut, vor allem an der Scheidenwand wird empfindlicher. Diese Beschwerden muss zwar keine Frau als schicksalhaft hinnehmen - dagegen steht inzwischen eine Vielzahl medizinischer Möglichkeiten zur Verfügung. Abgesehen davon werden die altersbedingten Veränderungen im Idealfall aber auch ausgeglichen durch sehr viel mehr Zärtlichkeit und weniger Tempo, wie man es sich noch als junger Mann leistet, weil man ja weiß: In zehn Minuten ist er sowieso wieder da. Und gerade weil sich der Körper verändert, ist es gut, wenn Sex nicht zur Routineveranstaltung geworden ist. Nehmen Sie die Missionarsstellung als Beispiel. Sie ist für ältere Frauen nicht günstig. Ohnehin kann sie in dieser Haltung nur schwer zum Orgasmus kommen, weil der Mann dabei nicht ihre Klitoris reizen kann. Nach der Menopause ist auch noch ihre Haut empfindlicher, es kann also unangenehm sein, wenn der Mann mit seinem ganzen Gewicht auf ihr liegt. Wenn ein Paar dann nicht bereit ist, sich umzustellen, ist bald Schluss mit dem Spaß. Wer offen ist, probiert stattdessen beispielsweise Sex in Seitenlage, der für beide Partner weniger anstrengend ist.

Wenn Ältere die besseren Liebhaber sind, warum suchen sich dann so viele Männer in der Lebensmitte eine deutlich jüngere Frau?

Manche sehnen sich nach einer jüngeren Partnerin, einige werden schon allein von der Vorstellung erregt, junge Haut zu spüren. Andere trauen sich nicht an erfahrene Frauen heran, weil sie Angst haben, denen nicht zu genügen. Wieder anderen bietet eine junge, attraktive Frau Selbstbestätigung. Vielleicht haben sich auch einfach nur zwei Menschen gefunden, die gut zusammenpassen: Weil eine jüngere Frau den reiferen Mann mit gesicherter Existenz attraktiver findet. Oder weil sie von Gleichaltrigen enttäuscht ist, die diesen Ruck-zuck-Sex betreiben, und sie es selbst etwas ruhiger und zärtlicher mag. Große Altersunterschiede bei Paaren sind aber längst keine Einbahnstraße mehr. Ich freue mich zu sehen, dass es inzwischen auch zunehmend Frauen mit deutlich jüngeren Partnern gibt.

Das klingt, als spielte der verbreitete Jugendwahn nur eine Nebenrolle bei der Partnerwahl.

Vor allem Frauen, die älter werden, haben die Sorge, nicht mehr attraktiv zu sein. Und natürlich sind sie dann oft auch nicht mehr so attraktiv. Natürlich haben sie Falten. Aber diese Frauen sollten auch an das denken, was sie besser können als diese kleinen, blank geleckten 18-Jährigen, die schmecken wie einmal an der Fensterscheibe gelutscht. Denn sie haben viel mehr Erfahrung und wissen, wie sie mit ihrer Sexualität umgehen können. Das gilt natürlich auch für Männer. Oft sogar besonders, wenn sie mal Erektionsstörungen hatten und dabei gelernt haben, ihre Partnerin auf andere Art ganz zärtlich verrückt zu machen.

Attraktivität ist also nur eine Frage der Einstellung?

So ist es nun auch wieder nicht. In Holland gibt es eine Gruppe von Frauen, auch prominenten, die öffentlich klagen: "Uns guckt kein Mann mehr an." Wenn ich deren Fotos sehe, frage ich mich: Wer soll denn da auch noch gucken, wenn ihr euch so gehen lasst und auf eure Körper, eure Frisur, eure Kleidung so wenig achtet. Wie viel das ausmacht, sehe ich regelmäßig bei meiner 64-jährigen Freundin. Die pflegt sich und ist schlank geblieben - und alle Männer wollen sie von mir weggucken. Das habe ich schon mehrfach erlebt, wenn wir zusammen zu Kongressen gereist sind: Kaum gehe ich mal raus, um eine Zigarette zu rauchen, stehen schon 15 Professoren fortgeschrittenen Alters um sie herum. Dass Attraktivität eine Frage der Haltung und der Einstellung ist, gilt natürlich für Männer genauso. Wenn ich dick und ungepflegt würde, würde mich auch keine Frau mehr angucken - zu Recht. Also achte ich auf mich.

Bislang haben wir von gesunden Menschen gesprochen. Was aber tun, wenn Männer wollen, aber nicht mehr können?

Aus der feministischen Ecke wird häufig die dumme Behauptung aufgestellt, dass Männer eigentlich überhaupt keine Erektion brauchen, da diese ja nur zur Penetration diene. Das ist falsch. Männer, die keine Erektion haben, empfinden auch keine echte Lust. Genauso wie Frauen, die nicht feucht sind und keine erigierte Klitoris haben. Stellen Sie sich vor, ich würde sagen: Frauen brauchen überhaupt keine erigierte Klitoris und keine Lubrikation der Vagina - das Land wäre zu klein für mich, und das zu Recht. Deswegen befürworte ich Mittel und Medikamente, die die Erektionsfähigkeit wiederherstellen.

Und mit ein paar Pillen kommt alles wieder ins Lot?

Auch wenn erektile Dysfunktion in weit mehr als 90 Prozent der Fälle körperliche Ursachen hat, muss natürlich der Partner mit einbezogen werden. Es ist doch eine Schreckensvision, dass nach Monaten oder Jahren der Enthaltsamkeit der Mann plötzlich mit einer Erektion ins Schlafzimmer kommt und sagt: "Liebling, hier steht was für dich." Auf einem Kongress hat eine Sexualberaterin aus den neuen Ländern einen klassischen Fall dargestellt: Da ist eine Frau, die aus einer sexuell quälenden Beziehung kam, in der der Mann unentwegt mit ihr vögeln wollte, auch wenn sie nicht wollte. Es gab dann Gewalt, und sie hat gesagt: nie wieder. Dann hat sie einen Mann gefunden, der gesagt hat: Ich bin impotent. Wenn der nun Viagra nimmt, ist die Geschäftsgrundlage dieser Beziehung kaputt.

Interview: Werner Hinzpeter / print