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Sprechstunde: Erschütternde Wissenschaft

Kopfbälle machen dumm. Unser Hausarzt Dr. med. Eckart von Hirschhausen erklärt, was das für den deutschen Fußball bedeutet, und verrät ein einfaches Rezept für mehr Hirn - im Spiel wie auch im Leben.

Das wichtigste beim Streichholz ist der Kopf. Und beim Fußballer? Dumm kickt gut, sagt man immer, und die beruhigende Nachricht: Wer nicht dumm geboren wurde, kann diese Qualifikation durch ausgiebiges Kopfballspiel nachholen. Denn Hirnforscher schlagen Alarm: Mit jedem Zusammenprall von Lederkugel und Hirnlappen gehen ein Paar Nervenzellen hops. Kopfbälle führen zur Hirnerschütterung, und die führt zu Gedächtnisverlust. Das Praktische: Bis zum nächsten Spiel hat man das vergessen.

Sollen jetzt also alle Fußballer mit Helm spielen? Das will ja auch keiner sehen. Wozu die Aufregung? Köpfen ist nicht gut fürs Hirn, das ist doch schon lange bekannt - spätestens seit der Französischen Revolution!

Längerfristig leiden tatsächlich das strategische Denken und die Sprachfähigkeit - Edmund Stoiber muss als Jugendlicher sehr kopfballstark gewesen sein. Denn gerade das jugendliche Hirn ist sehr viel empfindlicher als das ausgewachsene, sodass der DFB den Jungmannschaften sogar empfiehlt, bis zum 14. Lebensjahr auf das Kopfballtraining zu verzichten. Wer auch mit grauen Haaren noch etwas im Kopf haben will, sollte seine grauen Zellen pfleglich behandeln. Leider wird dieser Ratschlag in der Praxis nur selten befolgt.

Auch wenn die Deutschen behaupten, Schläge auf den Hinterkopf erhöhten das Denkvermögen, ist das Gegenteil richtig: Ein Ball wiegt zwar nur 500 Gramm, aber wenn der mit über 100 Stundenkilometern den Kopf trifft, wirkt es wie 500 Kilo.

Wer köpfen will, sollte

es also gut können, um die enormen Kräfte zu kontrollieren. Wird der Kopf mit Muskelspannung fixiert, nimmt quasi der gesamte Körper den Impuls auf - andernfalls werden die 5 Kilo Kopf von den 500 Kilo einfach "weggerissen". Am schlimmsten sind deshalb unvorbereitete Treffer am Kopf, gerade auch die seitlichen. Noch schlimmer als ein Ball sind natürlich andere Köpfe oder Pfosten, da sie noch weniger nachgeben als Leder.

Solange die Gehirnerschütterung nicht ausgeheilt ist (ca. fünf bis sieben Tage), reagiert das Gehirn extrem empfindlich auf erneute Erschütterungen. In diesem Fall kann dann sogar ein "richtig" ausgeführter Kopfball zu schweren Folgeverletzungen führen. Kurioserweise sind beim vermeintlich brutaleren Boxen die Schutzbestimmungen schärfer als beim Fußball. Ein Boxkampf wird beendet, wenn einer der Boxer offensichtlich unter starker Bewusstseinsbeeinträchtigung leidet. Der Getroffene selbst wird für vier Wochen gesperrt. Wo genau die Grenze liegt, ab der es gefährlich wird, dafür hält kein Experte seinen Kopf hin. Aber eins ist klar: Der langfristige "Verdummungseffekt" unserer Kicker könnte weitgehend vermieden werden, wenn Gehirnerschütterungen erkannt würden und ausheilen könnten.

Als Warnsymptome gelten: Der Spieler wirkt benommen, ist sich unsicher über den Spielstand, weiß nicht, gegen welche Mannschaft er gerade spielt und antwortet langsam. Zugegeben, nach diesen Kriterien könnte man die Hälfte der Spieler vom Platz stellen. Deshalb spielen alle weiter, mit den bekannten Folgen für die Interviews zwischen Hamburg und Mailand.

Fazit: Um Stress für den Kopf im Spiel wie im Leben gering zu halten, gibt es ein einfaches Rezept: den Ball immer schön flach halten. Aber das letzte Wort zu diesem Thema gebührt natürlich dem unvergessenen Kopfball-Ungeheuer Horst Hrubesch. "Ich sage nur noch ein Wort: Vielen Dank!"

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