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Übergewicht: Dick und doof?

Die neu erschienene Ernährungsstudie stellt einen Zusammenhang zwischen Bildung und Übergewicht her. Aber sind Dicke wirklich dumm, dafür aber lustig und gemütlich? Im stern.de-Interview räumt Ramona Gerbing vom Adipositasverband International mit den gängigsten Vorurteilen auf.

Die neue nationale Verzehrstudie stellt einen Zusammenhang zwischen Bildungsgrad und Übergewicht her. Sind Dicke also dumm?

Nein, definitiv nicht. Keiner käme doch auf die Idee zu behaupten, dass mancher Politiker, Prominenter oder Arzt dumm wäre, nur weil er dick ist. Und auch in diesen Personenkreisen gibt es einige Adipositas-Betroffene.

Fühlen sich die Betroffenen durch solche Studien diskriminiert?

Ja, eindeutig. Immer auf die Dicken. Kein anderes Krankheitsbild wie etwa Alkoholismus oder Drogensucht wird so negativ in den Medien präsentiert wie Adipositas. Dass man über die Krankheit und Studien berichtet ist richtig und wichtig, aber es sollte deshalb keiner diskriminiert werden. Keiner ist freiwillig und gerne so dick. Die Meisten wären froh, wenn sie ein "dünneres" und gesünderes Leben haben könnte. Erst gestern habe ich wieder einen Bericht gelesen, in dem stand: "Dicken-Alarm in Krankenhäusern... und die Dünnen zahlen mit". Gibt es solche Berichte und Studien von anderen Krankheiten, die sicherlich den Krankenkassen auch sehr viele Kosten verursachen?

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Bildungsgrad und Übergewicht, wie die Studie behauptet?

Es ist einfach so, dass viele Übergewichtige keinen Job bekommen. Dadurch herrscht in der Familie Geldmangel. Also müssen sie das Geld so einsetzen, dass sie den ganzen Monat über Essen kaufen können. Aber kaufen sie mal frisches Obst und frisches Gemüse, dann stellen sie fest: Gesunde Ernährung ist teuer und die können sich nicht alle leisten. Das ist ein Teufelskreis.

Oder ein anderes Beispiel: Wenn beide Eltern berufstätig sind, und die Kinder sind allein zuhause, dann gibt es halt eher mal Fertiggerichte oder etwas anderes, was schnell zu machen ist. Hinzu kommt, dass die Kinder berufstätiger Eltern häufig den Nachmittag eher vor dem Fernseher oder dem Computer verbringen, statt sich draußen an der frischen Luft zu bewegen. So kommt eines zum anderen.

Haben Übergewichtige durch Vorurteile Nachteile, zum Beispiel bei Bewerbungsgesprächen?

Ganz sicher, weil viele allein durch das Bewerbungsfoto gar nicht erst zu einem Gespräch eingeladen werden. Und wenn sie dann arbeiten, müssen sie oft mehr leisten als die anderen, um dieselbe Anerkennung im Job zu bekommen. Ganz typisch sind hier Beamtenanwärter. Haben die zu viele Kilos vor der Verbeamtung, haben sie keine Chance, übernommen zu werden. Fachliche Qualifikation ist oft Nebensache.

Was für persönliche Erfahrungen haben Sie gemacht? Gibt es überhaupt den Dicken?

Schon, weil die persönliche Erfahrung die Menschen prägt. Übergewichtige hören dumme Sprüche, ernten abfällige Blicke und werden relativ schnell ins Abseits gestellt. Das führt zu einer sozialen Isolation, die man den Leuten schon anmerkt. Viele kommen erst durch Besuche bei einer Adipositas-Selbsthilfegruppe wieder einmal unter Menschen und können über ihr Problem sprechen. Wenn jemand zum Beispiel Alkoholiker ist, haben viele noch Mitleid. Dicke gelten dagegen schlicht als faul, gefräßig und undiszipliniert.

Die üblichen Klischees wie Dicke sind gemütlich und lustig können Sie also nicht bestätigen?

Das trifft teilweise schon zu. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich aber sagen, dass viele Übergewichtige mit lustigen Sprüchen Anerkennung ernten wollen, die sie sonst nicht bekommen. Oft überspielen sie auch mit ihrer Lustigkeit, wie es ihnen wirklich geht. Gemütlich sind sie mit Sicherheit, aber es gibt ja auch dünne Gemütliche. Das wahre "ich" kennen oft nur die engsten Freunde. Die Dicken - ich nenne sie lieber Adipösen - leiden meist im stillen Kämmerlein vor sich hin.

Dann sind Dicke also nicht die glücklicheren Menschen?

Nein, sicherlich nicht. Warum sollten Adipöse glücklicher sein? Weil sie ernsthaft krank sind, weil sie schief angesehen und teilweise gedemütigt werden? Weil sie keiner ernst nimmt, weil sie Angst haben an Begleiterkrankungen wie Diabetes oder Gefäßerkrankungen zu erkranken? Weil sie teilweise in der Gesellschaft und im Berufsleben ausgeschlossen werden? Wie soll man da glücklicher sein?

Gibt es überhaupt ein Klischee über Übergewichtige, das zutrifft?

Nicht, dass ich wüsste. Mir tun sie meist einfach leid. Genau deshalb gründe und betreue ich inzwischen über 50 Selbsthilfegruppen in ganz Deutschland, um den Betroffenen zu helfen. Viele sind schon dankbar, wenn sie mit anderen Betroffenen sprechen können. Gerade in den letzten Jahren hat deshalb in Deutschland die Adipositas-Chirurgie immer mehr Bedeutung gewonnen. Für viele Betroffene sind ein Magenband ein Schlauchmagen oder ein Magenbypass die einzige Möglichkeit, in ein normales gesünderes Leben zurückzufinden, einen Job oder einen Partner zu finden.

Was ist das Absurdeste, was dünne Menschen in Bezug auf Übergewicht glauben?

Dass Übergewichtige einfach zu bequem und zu faul sind. Vor allem Adipositas wird nicht als Krankheit gesehen. Stattdessen denken viele, Übergewichtige reißen sich einfach nicht zusammen, haben zu wenig Disziplin und sind zu bequem. Warum aber manche Menschen übergewichtig sind, ist vielen überhaupt nicht bekannt. Mittlerweile weiß man auch, dass die Gene teilweise eine Rolle spielen.

Wie definieren Sie überhaupt den Begriff dick? Richtet sich das nach dem Body-Mass-Index? Oder spielt da hauptsächlich die Selbstwahrnehmung eine Rolle?

Die Selbstwahrnehmung wird vor allem durch die Medien und in den letzten Jahren durch den Body-Mass-Index geprägt, der meiner Meinung nach aber sehr kritisch zu sehen ist. Selbst Leute, die vielleicht nur zwei, drei Kilo zuviel haben, achten sehr auf den Body-Mass-Index. Vor allem junge Mädchen, die zwei BMI-Punkte über dem Sollwert liegen, fangen teilweise strenge Diäten an und damit beginnt leider oft der Weg in eine Diät-Karriere und schlimmstenfalls in eine Ess-Störung.

Sie beurteilen also die Rolle der Medien, die meist ein schlankes Schönheitsideal propagieren, kritisch. Was würden Sie sich von Fernsehen, Zeitschriften und anderen Medien in Bezug auf das Thema Adipositas wünschen?

Ich würde mir mehr Berichte wünschen, in denen Adipositas als die Krankheit, die sie ist dargestellt wird. Dazu zählt die Entstehung der Krankheit und die Möglichkeit, diese gezielt zu therapieren. Vor allem was die Vorbeugung angeht, wünsche ich mir mehr Aufklärung. Die Prävention müsste aber schon im Kindergartenalter beginnen. Gerade bei Fernsehsendungen sind jedenfalls weder "Ich bin dick und fühle mich wohl"-Berichte noch das An-den-Pranger-stellen der richtige Weg. Es kann sein, dass sich ein Adipöser wohl fühlt - ich selbst kann es mir zwar nicht vorstellen-, aber es ist unumstritten, dass ein Adipöser früher oder später an einer Begleiterkrankung leidet. Mein größter Wunsch richtet sich allerdings an die Krankenkassen. Sie sollten die Kosten für operative Eingriffe übernehmen, weil hiermit den meisten Betroffenen schnell und langfristig geholfen werden kann. Gerade wegen der Begleiterkrankungen und deren Folgekosten ist das auch für die Krankenkassen der günstigste Weg.

Interview: Thomas Krause