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Verhalten: Fußball weckt die niederen Triebe

Männlichkeitsritual, Aggressionsventil, Ersatzreligion: Fußball ist mehr als Sport und Kommerz. Experten erklären, warum selbst beherrschte Menschen dem "Wir-Gefühl" verfallen und mit der Masse brüllen.

Für viele Fans sind Sieg oder Niederlage des eigenen Teams gleichbedeutend mit Lebensfreude oder tiefer Trauer. Da wird die "wichtigste Nebensache der Welt" schnell zur wichtigsten Sache überhaupt. Selbst 90-Minuten-Langweiler im Nieselregen, die ohne eine echte Torchance 0:0 enden, scheinen echte Faszination auszuüben. Eine Faszination, deren Ursprung so unergründlich scheint wie der "tödliche Pass aus der Tiefe des Raumes".

Für den Soziologen Gunter A. Pilz hat das Spiel eine wichtige psychische Funktion: "Das Fußballstadion avanciert zu einem bedeutenden Ort des Aus- und Erlebens von Emotionen, Leidenschaften und atmosphärischem Rausch." Dies führe zu einer "Ausbalancierung des Trieb- und Affekthaushaltes des zivilisierten Menschen in unserer verregelten, verrechtlichten und verampelten Gesellschaft". Dabei komme es gar nicht so sehr darauf an, ob das Geschehen auf dem Rasen spannend verläuft. In vielen Fällen habe sich die Spannung längst vom Spielfeld auf die Ränge übertragen.

Selbst rationale Menschen lassen sich vom "Wir-Gefühl" anstecken

Ähnlich sieht es der Hamburger Soziologe Rolf von Lüde: "Beim Fußball durchleben die Zuschauer ein kollektives und gemeinschaftsstiftendes Gefühl von Sieg oder Niederlage - Sekt oder Selters." Selbst beherrschte und rationale Menschen ließen sich anstecken von einem "Wir-Gefühl", von Vereinssolidarität oder einer nationalen Verbundenheit. "Dem derart als Event zelebrierten Fußball gelingt es, Bindungsemotionen und ein Zusammengehörigkeitsgefühl herzustellen, das über alle Schichten der Bevölkerung hinweg identitätsstiftend wirkt."

Die "einigermaßen schlichten Regeln" des Fußballs seien sicher auch ein Grund für seine weltweite Popularität, sagt der Marburger Soziologe Dirk Kaesler. Außerdem könne Fußball fast überall gespielt werden, man brauche lediglich einen Ball. Dies alles trage dazu bei, dass Fußball Volkssport Nummer eins ist - was an ungewöhnlichen Auswüchsen immer wieder zu erkennen sei: "Wo sonst kann man vernunftbegabte und wahlberechtigte Staatsbürger sehen, die sich in die Deutschlandfahne wickeln!".

Abgrenzung vom weiblichen Geschlecht

Erklärungsmuster für dieses Phänomen finden sich nach Meinung des Psychologen Laszlo A. Pota schon in der menschlichen Frühgeschichte - Stichwort: "Ableiten von Aggressionen": "Die Männer als "Jäger und Sammler" reagieren ihre Jagdinstinkte über das gemeinsame Jagdfieber nach Titeln und Verteidigung von Trophäen ab." Ein weiteres wichtiges Stichwort für Pota ist der "Jagdtrieb": "22 Leute jagen einen Lederball, was symbolisch das gejagte Tier ersetzt, das es zu erlegen gilt, ohne tatsächlich zu töten und mit nur geringem Verletzungsrisiko." Zudem komme der "Kampf" hinzu: "Anders als im Kampf Mann gegen Mann mit Waffen bleibt der Hahnenkampf auf der Spielebene ohne Blutverlust."

Und selbst in Zeiten der Gleichberechtigung und mit den deutschen Frauen als Weltmeister diene der Fußball weiterhin als "Abgrenzung zum anderen Geschlecht". Das Spiel sei "etwas, von dem Männer sich einbilden, dass nur sie es wirklich können", sagt Pota. Sein Dresdner Kollege Holger Brandes macht ähnliches aus. In unserer Zeit "lösen sich traditionelle Strukturen zunehmend auf, und herkömmliche Männerdomänen in Arbeit und Freizeit verschwinden", konstatiert er in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift "Psychologie heute". "Im selben Maße gewinnt der Sport als geschlechtsspezifisches Betätigungsfeld Gewicht, und innerhalb der Sportarten hat sich dabei besonders in Europa und Lateinamerika Fußball als eine herausgehobene "Männlichkeitspraxis" etabliert."

Fußball als Ersatzreligion

Ob Mann oder Frau - für etliche Fans habe der Fußball auch eine religiöse oder pseudoreligiöse Dimension, wie der Tübinger Theologe Hans Küng meint. "Der Fußball kann eine ernsthafte Konkurrenz sein zur Religion, er kann Ersatzreligion werden. Man spricht ja sogar vom Gott Fußball", sagte er vor einigen Wochen in einem Gespräch mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Das Ritual im Stadion, dem Fußballtempel, zeige deutliche Parallelen zur Liturgie. "Wenn Leute einen Pokal küssen, erinnert das an das Küssen von Ikonen. Wenn der Pokal hochgehoben wird, erinnert das an das Zeigen der Monstranz. Aber nicht das einzelne Phänomen als solches ist entscheidend, sondern die gesamte Stimmung, die dem einzelnen suggeriert, das, was er gerade erlebt, sei das Größte", sagte Küng.

Rudolf Grimm/DPA / DPA