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Chemie-Nobelpreis: Erdöl zu Kunststoff und Arznei

Ein französischer und zwei US-amerikanische Wissenschaftler erhalten den diesjährigen Nobelpreis für Chemie. Yves Chauvin kann sich allerdings noch nicht so richtig freuen.

Die von ihnen entdeckte Metathese eröffne "fantastische Möglichkeiten" bei der Herstellung neuer Moleküle, beispielsweise in der Pharmazie und Kunststoffproduktion. Alle organischen Substanzen basieren auf dem Element Kohlenstoff. Kohlenstoffatome können lange Ketten und Ringe formen.

"Tanz mit Partnertausch"

Über Doppelbindungen werden daran andere Elemente wie Wasserstoff oder Sauerstoff gebunden. Auf diesen Kohlenstoffverbindungen beruht alles Leben auf der Erde, durch organische Synthese können sie auch künstlich hergestellt werden. Bei der Metathese werden gezielt neue Moleküle gebildet, indem mit Hilfe eines Katalysators Doppelbindungen von Kohlenstoffen aufgebrochen und neue Bindungen geschaffen werden. Das System ähnelt einem "Tanz mit Partnertausch", wie die Akademie der Wissenschaften erklärte.

Chauvin, Grubbs und Schrock hätten die Metathese zu einer der wichtigsten Reaktionsmethoden in der organischen Chemie gemacht, erklärte das Nobel-Komitee. Dank ihrer Forschung seien Synthesen effizienter, einfacher und umweltfreundlicher geworden. Da bei der Produktion von Molekülen durch die Metathese gefährliche Abfallstoffe vermieden werden können, sei sie "ein großer Schritt in Richtung 'grüne Chemie'", so das Nobel-Komitee. Sie zeige außerdem, wie Grundlagenforschung der Menschheit und der Umwelt nützen könne. 1971 beschrieb Chauvin dem Komitee zufolge, wie Metathese funktioniert und welche metallischen Elemente als Katalysatoren dienen können. Schrock entwickelte 1990 als erster einen effizienten Katalysator, der 1992 von Grubbs verbessert wurde.

"Viel Glück mit der Presse"

Die Metathese findet heute der Akademie der Wissenschaft zufolge breite Anwendung in der chemischen Industrie, vor allem bei der Entwicklung von Medikamenten und Kunststoffen. Chauvin, ehrenamtlicher Leiter des Institut Français du Pétrole in Rueil-Malmaison, erklärte, jetzt sei es mit seinem ruhigen Leben vermutlich vorbei. Er fühle sich eher verlegen als erfreut, sagte der 74-Jährige in seiner Heimatstadt Tours. Als er über die Auszeichnung informiert wurde, habe ihm der Anrufer "viel Glück mit der Presse" gewünscht. "Seitdem hört mein Telefon nicht auf zu läuten.

Vor meinem Haus drängeln sich die Journalisten." Der 60 Jahre alte Schrock, der am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge in den USA lehrt, sagte dem schwedischen Radio, er fühle sich regelrecht durchgeschüttelt und könne kaum sprechen. Grubbs, der zurzeit für eine Vortragsreise durch Neuseeland reist, zeigte sich von der Auszeichnung ebenfalls überrascht. "Das ist eines von den Dingen, mit denen man in seiner Karriere nicht rechnet", sagte der 63-Jährige der Nachrichtenagentur AP. "Man kümmert sich einfach um die Wissenschaft und wartet was passiert."

Grubbs arbeitet am California Institute of Technology (Caltech). Der Chemie-Nobelpreis ist mit zehn Millionen Kronen (rund 1,1 Millionen Euro) dotiert und wird am 10. Dezember in Stockholm verliehen. Schon am Montag wurde den Australiern Barry Marshall und Robin Warren der Nobelpreis für Medizin zuerkannt. Am Dienstag wurden die Träger des Physik-Preises benannt. Die Auszeichnung erhielten der 63-jährige Max-Planck-Forscher Theodor Hänsch sowie die Amerikaner Roy J. Glauber und John L. Hall.

Karl Ritter /AP