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Ein Geotop wird 25: Als sich plötzlich der Berg bewegte

Es war einer der größten Erdrutsche des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Vor 25 Jahren brach am Rande der Schwäbischen Alb eine Bergkante ab, zehn Millionen Tonnen Geröll gingen nieder - ein gewaltiges Naturschauspiel. Ein Mann war mittendrin. Er rutschte in ein Ereignis, das sein Leben veränderte.

Von Jörg Isert

Am 12. April 1983 ging Armin Dieter nicht zu seinen Vorlesungen an der Fachhochschule in Stuttgart. Stattdessen war der 25-jährige Student aus Mössingen am Fuß der Schwäbischen Alb im Wald unterwegs und wurde Zeuge eines gewaltigen Naturschauspiels. Was ihn dorthin lockte, war ein Anruf aus dem Rathaus: Am Hirschkopf, einem 772 Meter hohen Berg am Albtrauf sei "etwas nicht in Ordnung". Armin Dieter hatte dort immer wieder Tiere und Pflanzen fotografiert, und hatte obendrein einen guten Draht ins Rathaus. Er machte sich auf den Weg, um zu sehen, was am Berg vor sich ging. Wie gigantisch das war, was er sehen sollte, ahnte er nicht. Auch nicht, dass er sich in Lebensgefahr begab.

Szenen wie aus der "Unendlichen Geschichte"

Noch am Morgen war der Revierförster über den Berg gefahren, einen kleinen Waldweg entlang. Starker Nebel hing in der Luft, sonst war alles wie immer. Nur wenige Stunden später erinnerte die Szenerie an Michael Endes Buchklassiker "Die unendliche Geschichte". Der Förster stellte fest, dass die Straße einfach aufhörte. Der Weg war weg. Abgebrochen. Was war geschehen? Der gesamte Berg verschwand im Nichts. Irgendetwas hier stimmte nicht. Der Förster informierte Rathaus und Forstamt.

Um 14.30 Uhr erreichte Armin Dieter den Hirschkopf. Je näher er dem Berg kam, desto mehr spürte er es: ein dumpfes Grollen, das immer lauter wurde. Er lief in den Randbereich eines Waldstreifens hinein. Aus dem Grollen wurde ein lautes Krachen - von auseinanderbrechenden Baumstämmen, die kreuz und quer ineinander verkeilt waren. Aus dem wabernden Nebel fiel Geröll herab, rollte den Boden entlang und verschwand wieder in der Leere, wo es scharf krachend in tausende Stücke zerbarst. Einzelne, senkrecht stehende Baumgruppen zogen an dem erstaunten jungen Mann vorbei. Der gesamte Boden bewegte sich talwärts. Auch Dieter. Auf einem riesigen Bodenteilstück, einer Scholle, driftete er auf eine gigantischen Geröllhalde zu.

Lebensgefährliche Rutschpartie

Für 50 Meter seines Lebens wurde er eins mit einem der größten Bergrutsche des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Und er überstand es unbeschadet. Am Ende der lebensgefährlichen Rutschpartie hatte Dieter große Schwierigkeiten, wieder aus dem Geröll heraus zu kommen. Es war wie in Treibsand. Der junge Mann sank im Boden ein.

Als am Abend der Regen einsetzte und sich der Nebel lichtete, war das Erstaunen der Anwohner groß: Die Aussicht aus den Fenstern in den Häusern der Umgebung war eine völlig andere als am Tag zuvor. Auf einer Länge von 600 Metern waren 30 Meter der Bergkante des Hirschkopfs abgebrochen. Eine zerklüftete und 50 Meter hohe Steilwand war entstanden. Die immense herunter gebrochene Masse aus Erd und Fels, etwa zehn Millionen Tonnen, hatte den unterhalb liegenden Wald ausradiert, auf etwa einem Kilometer Länge. Entstanden war eine graue Mondlandschaft.

Der Grund für die Naturkatastrophe war, dass sich Bodenschichten des Berges durch tagelange starke Regenfälle mit enorm viel Wasser vollgesogen hatten. Am Ende wurde das Gewicht zu groß. Die Bergkante brach ab. Es war der größte Bergrutsch in Baden-Württemberg seit mehr als 100 Jahren.

Ein Vierteljahrhundert später: Armin Dieter ist mittlerweile 50 Jahre alt, wirkt aber deutlich jünger, drahtig. War er leichtsinnig 1983? "Wenn ich gewusst hätte, was mich erwartet, ja. Aber da ich nicht wusste, dass es ein Bergrutsch ist, nein." Was damals geschah, hat ihn nie mehr los gelassen. Dieter war zur richtigen Zeit am richtigen Ort, allerdings war er nach Ansicht einiger Leute der falsche Mann. Kein Biologe, kein Wissenschaftler, sondern ein künftiger Diplomverwaltungswirt, vorgesehen für den mittleren Verwaltungsdienst. Wie konnte dieser junge Mann so vermessen sein, schon wenige Monate später einen ersten Vortrag über den Rutsch zu halten?

Mehr als eine Naturkatastrophe

Von Ressentiments ließ sich Dieter nicht beirren. Wieder und wieder wagte er sich in das gesperrte Areal, geduldet von den Behörden. Ausgestattet mit seiner Kamera. Schon bald muss Dieter realisiert haben, was für einen Schatz er zu Hause hatte: Die Fotos aus der Umgebung des Hirschkopfs, als noch alles beim Alten war. In den kommenden Jahren las Dieter alles, was er über Bergrutsche finden konnte. Über Ornatentonschichten, Braunjura, Weißjura. Er recherchierte, fotografierte, dokumentierte. Er erkannte schnell, dass die 80 Hektar große Mondlandschaft am Hirschkopf mehr war als eine Naturkatastrophe. Es war eine Chance: Schon bald siedelten sich in der biologischen Nullzone neue Pflanzen und Tiere an. Gefährdete Gelbbauchunken, Türkenbundlilien, insgesamt 500 verschiedene Arten. Tümpel entstanden und verschwanden wieder.

"Im Durchschnitt wandert die Schwäbische Alb jährlich um 1,6 Millimeter zurück. Hier sind auf einen Schlag 32 Meter Hochfläche abgesackt. Das bedeutet, das wir der Zeit hier statistisch gesehen um 20.000 Jahre voraus sind", sagt Dieter scherzhaft. Mehrere Filme sind über den Mann gedreht worden, er hat drei Bücher über den Rutsch geschrieben. 30.000 bis 40.000 Menschen führte er in das Gelände.

Mit dem Berg verheiratet

All die Jahre ist Dieter ledig geblieben. Man könnte auch sagen: Er ist mit dem Berg verheiratet. Noch immer gibt er dort Führungen, und wenn man ihn lässt, rattert er die vielen Fakten regelrecht herunter. Er weiß auf alles, wirklich alles eine Antwort. Es ist sein Schutzpanzer gegen Kritiker, die offenbar bis heute nicht wahr haben wollen, dass ein Diplomverwaltungswirt zu Deutschlands Bergrutsch-Autorität Nummer Eins wurde.

Seit 2006 geht es allerdings etwas harmonischer zu. Da wurde der Rutsch von der Akademie der Geowissenschaften in Hannover zu einem der bedeutendsten Geotope Deutschlands ernannt. Ausschlaggebend für das Prädikat "Nationaler Geotop" war Dieters akribische Bild-Dokumentation. Mit seinen bis zu 15.000 Fotos hat er sich unentbehrlich gemacht für seine Heimatstadt Mössingen, die den Titel "Blumenstadt" im Titel führt, obwohl sie doch zu aller erst Bergrutsch-Stadt ist.

Allmählich kommt die große Show von Mutter Natur allerdings zu einem Ende. Kleine Pflanzen werden von höheren verdrängt. Die letzten Freiflächen sind zugewachsen, seltene Tiere und Pflanzen bereits zu 90 Prozent verschwunden. Und der Jungwald am Berg ist mittlerweile so dicht, dass aufs Erdreich fast kein Sonnenlicht mehr fällt. Armin Dieter glaubt: "Innerhalb von zehn Jahren wird der untere Waldstreifen so zugewachsen sein, dass man nicht mehr wissen wird, dass hier je ein Bergrutsch war." Nur die Steilwand wird dann noch an den Rutsch erinnern. Und der Bergrutscher. Armin Dieter.