Klimagipfel in Kopenhagen Kompromiss nur mit Trick gerettet


David gegen Goliath: Mehrere kleine Staaten haben sich in der Nacht geweigert, den ausgehandelten Kompromiss zu unterzeichnen. Nur mit einem Trick wurde ein völliges Scheitern verhindert.

Kopenhagen drohte das komplette Scheitern: ein Ausgang des Gipfels ohne Abschlusserklärung. Am späten Samstagmorgen dann Erleichterung unter den Delegierten. Mit einem Trick konnte der Klimakompromiss doch noch gerettet werden. Das Plenum einigte sich am Samstag darauf, die Abschlussvereinbarung "zur Kenntnis" zu nehmen. Damit verzichteten die Delegierten nach einer chaotischen Sitzung darauf, wie sonst üblich über alle Punkte einzeln abzustimmen. Zuvor drohte dem Gipfel am Widerstand mehrerer kleiner Staaten das Aus.

Vor allem die Delegierten mehrerer Entwicklungsländer machten deutlich, dass sie die Art und Weise, wie ihnen die Klimaeinigung präsentiert wurde, absolut nicht passte. Sie hatten das - auch nach Ansicht mancher Beobachter nicht ganz unberechtigte - Gefühl, die Großen und Mächtigen unter der Führung der USA hätten den Deal in den Hinterzimmern des riesigen Kopenhagener "Bella Centers" ausgemacht. Und nun sollten sie den Text nur noch durchwinken.

Der dänische Regierungschef und Konferenzleiter Lars Løkke Rasmussen hatte das Plenum in der Nacht - Stunden nach Bekanntgabe der Einigung - eröffnet und wollte die Leitung wohl offensichtlich schnell an einen Stellvertreter übertragen. Doch dazu kam es nicht. Der Delegierte des kleinen, vom Anstieg des Meerespegel bedrohten Inselstaats Tuvalu, bekam die Chance, das Wort zu ergreifen, und er nutzte sie, für einen flammenden Appell.

Ian Fry kritisierte das Abkommen schonungslos als Makulatur. Statt eine unverbindliche Festlegung auf 2 Grad müsse die Staatengemeinschaft festschreiben, dass die Temperatur höchstens 1,5 Grad steigen dürfe, verlangte er. Sonst sei sein Staat dem Untergang geweiht. Die Gelder, die die Industriestaaten den Entwicklungsländern zur Anpassung an den Klimawandel in Aussicht stellten, bezeichnete er unter dem Applaus der Delegierten als "30 Silberlinge, um unser Volk und unsere Zukunft zu verraten".

Kaum hatte er geendet, ergriffen die linksgerichteten Lateinamerikaner das Wort. Die Delegierte von Venezuela sprach von einem "Staatsstreich" gegen den Geist der Vereinten Nationen. Der bolivianische Delegierte schimpfte über die "diktatorische" Weise, wie den Delegierten das Papier nur kurz zur Abstimmung präsentiert worden sei. Ähnlich äußerten sich Kuba und Costa Rica. Bei allen war klar zu spüren, dass sie mit ihren Attacken vor allem die USA meinten.

Rettende Idee nach chaotischer Debatte

Als der US-Delegierte zwischendrin versuchte, das Ruder herumzureißen, unterbrach ihn der Delegierte von Nicaragua mit einem Störmanöver und brachte den sichtlich überforderten Rasmussen dazu, ihm das Wort zu erteilen. "So etwas habe ich noch nie gesehen", hörte man immer wieder staunende Beobachter im Kongresszentrum rufen.

Nach der chaotischen Marathon-Debatte dann am Morgen die rettende Idee: Statt die am Freitagabend im Kreis von 25 Staaten ausgehandelte politische Erkärung zu billigen, wurde im Plenum der Kompromiss lediglich zur Kenntnisnahme vorgelegt. Diesem Vorschlag der Präsidentschaft stimmten alle Staaten ohne Einspruch zu und brachten das Kompromisspapier damit offiziell in den weiteren Verhandlungsprozess für das kommende Jahr ein. Damit wurde die Blockade aufgelöst, die durch mehrere Länder wie Sudan, Kuba, Venezuela und Bolivien entstanden war.

Jedem Land steht nun frei, die Vereinbarung über Klimaschutzziele anzunehmen oder nicht. Die Delegierten verzichteten darauf, wie sonst üblich über alle Punkte einzeln abzustimmen. Damit wahren vor allem die USA, die den Kompromissentwurf mit über 20 anderen Staaten ausgehandelt hatten, ihr Gesicht.

DPA/AFP/AP AP DPA

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