HOME

Korallenriffe: Sterbende Schönheiten auf dem Meeresgrund

Für Taucher sind es maritime Paradiese, für Tiere Städte unter Wasser: Korallenriffe. Doch die einzigartigen Ökosysteme sind noch bedrohter als die tropischen Regenwälder. Die Ausstellung "abgetaucht" des Berliner Museums für Naturkunde lädt ein ins gefährdete Abenteuer Riff.

Von Almut F. Kaspar

Im Laufe von Millionen von Jahren entstand eines der faszinierendsten Ökosysteme unseres Planeten: die Korallenriffe. Die Artenvielfalt in diesen gewachsenen Unterwasser-Anlagen ist ähnlich hoch wie in den tropischen Regenwäldern: 60.000 Arten wurden bislang registriert, wobei insgesamt sogar 400.000 bis zu einer Million vermutet werden. Riffe sind Oasen maritimer Fruchtbarkeit: Hier gibt es primitive Eizeller, Muscheln, Schnecken, Fische, Reptilien und Säugetiere wie Delfine und Seekühe. 25 Prozent aller Fischarten sind hier beheimatet, sie finden in den Riffen Futter und Lebensraum, wobei Schwämme, Seesterne und Würmer für die Entsorgung des Abfalls im System zuständig sind.

Riffe entstehen, wenn Korallenpolypen - Millimeter für Millimeter, Jahr für Jahr - kalkhaltige Erdschichten am sandigen Meeresboden ausbilden. Die winzigen Baumeister ziehen dafür Kohlendioxid und Kalzium aus dem Boden und scheiden es als Kalk wieder aus - immerhin 640 Millionen Tonnen pro Jahr.

Korallenpolypen brauchen dafür Zucker, den sie von kleinen Grünalgen bekommen. Damit Polypen und Grünalgen in tropischen Meeren zusammenarbeiten, brauchen sie eine Wassertemperatur zwischen 20 und 30 Grad. Die Riffe können maximal in 50 Metern Tiefe entstehen: Sonst reicht das Licht für die Photosynthese der Algen nicht mehr aus. Im Laufe der Zeit entstanden die aberwitzigsten und kuriosesten Gestalten: riesenhafte Ammoniten, in Schalen verpackte Brachiopoden, auf Stelzen laufende Krinoide oder Trilobiten in überdimensionalen Ausmaßen.

Städte unter Wasser

Der Geologe und Riff-Experte Reinhold Leinfelder spricht von "Städten unter Wasser": "Wie in den Städten der Menschen bauen die Korallen Hochhäuser, wenn der Platz knapp wird. Wie in unseren Städten gibt es eine Müllabfuhr. Nur dass sie am Riff aus Putzerkrabben und Doktorfischen besteht. Und wie in einer richtigen Stadt funktioniert auch das Riff nur durch das Zusammenspiel all seiner Bewohner."

Reinhold Leinfelder ist gleichzeitig Generaldirektor des Berliner Museums für Naturkunde, das zum Internationalen Jahr des Riffs 2008 eine großartige Sonderausstellung ausgerichtet hat: "abgetaucht" präsentiert nicht nur beeindruckende Bilder und Exponate aus der Unterwasserwelt, sondern ist auch lehrreich und informativ. Das Museum legt großen Wert auf den wissenschaftlichen Aspekt seiner Schau. Leinfelder: "Eigentlich ist das Naturkundemuseum ein Forschungsbetrieb mit angeschlossener Ausstellungsfläche, und wir können und wollen auch nicht mit Großaquarien konkurrieren."

Trotzdem müssen die Besucher nicht auf farbenfrohe Pracht verzichten. Auf insgesamt 355 Quadratmetern Fläche werden an die 500 Stücke gezeigt, die das Museum aus dem eigenen Fundus beisteuern konnte. Schwerpunkt der Ausstellung sind die gemeinhin bekannten tropischen Flachwasserriffe. Im Museum kann man zum Beispiel in einem Glasbodenboot während einer nachgestellten Überfahrt exotische Fische und Korallen im Film sehen. Oder ein freistehendes echtes Riff bewundern, das 1967 vor Kuba abgebaut und nach Berlin gebracht worden ist - und das bis heute noch leicht nach Fisch riecht.

Beeindruckend auch die fossilen Korallen, die in der Eifel und im Harz gefunden wurden, gebildet vor 400 Millionen Jahren, als diese Regionen mit Wasser bedeckt waren. Eine wahre Zeitreise also, die den Lebensraum Riff in seiner gesamten Vielfältigkeit nahe bringt. Projektleiter Uwe Moldrzyk: "Die Ausstellung soll Lust aufs Thema machen und richtet sich keineswegs nur an Taucher."

"Wie nach einem Waldbrand"

Das Bundesamt für Naturschutz hat fast 130.000 Euro zur Verfügung gestellt, um die Besucher für die bedrohte Schönheit der Korallenriffe zu sensibilisieren. Denn nach Ansicht der Experten sind drei Viertel aller Riffe gefährdet und könnten bis zum Jahr 2050 nicht mehr existieren. Schon heute sind 20 Prozent für immer verloren - der alarmierende Rückgang dieser maritimen Lebenswelten ist in den vergangenen Jahren viermal schneller erfolgt als die Vernichtung tropischer Regenwälder. "Reine Unterwasserwüsten mit abgebrochenen Korallen, teilweise mit Algen bedeckt und ohne Fische", berichtet der Koordinator des diesjährigen Jahrs des Riffes, Georg Heiß. "Ein trauriges Bild, ähnlich wie nach einem Waldbrand. Nur dass sich die meisten dieser ehemaligen Riffe niemals mehr erholen werden."

Neugier aufs Ökosystem Riff

Die parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, Astrid Klug, hat in ihrer Eröffnungsrede zur Sonderausstellung noch einmal unterstrichen: "Die zerbrechliche Welt der Riffe ist bedroht wie nie zuvor und somit auch die Menschen." Ursachen dieser Öko-Katastrophe: falsche Land-, Meeres- und Ressourcennutzung, aus dem Ruder geratener Massentourismus und vor allem der fortschreitende Klimawandel. Mit der Ausstellung "abgetaucht", so Staatssekretärin Klug, "soll vor allem die Neugier auf das unersetzliche und bedrohte Ökosystem Riff geweckt werden - denn Dinge zu kennen und von ihnen zu wissen, ist die Voraussetzung für Wertschätzung und Schutz."

Doch nicht überall werden die Ökosysteme geschützt. Auf den Malediven zum Beispiel wurden in den vergangenen Jahren ganze Riffe in die Luft gesprengt, um billiges Material für Hafen- und Hotelbauten zu gewinnen. Diese Eingriffe in die Natur sind fatal, bilden doch die Riffe einen Schutzring gegen die Urgewalten des Meeres. Die Malediven liegen teilweise nur einen Meter über dem Meeresspiegel und sind im Hinblick auf den Klimawandel und den steigenden Meeresspiegel bedroht.

Die Sonderausstellung "abgetaucht" ist bis zum 30. September 2008 im Museum für Naturkunde der Humboldt-Universität zu Berlin, Invalidenstraße 43, 10115 Berlin, zu sehen. www.naturkundemuseum-berlin.de. Begleitbuch zur Ausstellung: "abgetaucht", 224 Seiten, 14,90 Euro.