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Kraken: Magier des Meeres

Sie tragen ihre Füße am Kopf, wechseln die Farbe nach Bedarf und sind flexibel wie Gummi. Tintenfische gelten als besonders schlaue Überlebenskünstler der Ozeane.

Es ist ein tolles Schauspiel: Sobald das Marmeladenglas in das 1000-Liter-Aquarium gesetzt wird, kriecht der graubraune Oktopus aus seiner Steinhöhle und schwimmt herbei. Das Tier stülpt sich über den kleinen Behälter und zerrt mit seinen langen Armen am fest zugeschraubten Deckel. Unermüdlich. Ein paar Minuten lang, dann gibt es einen Ruck. Immer wieder muss der Krake seine Saugnäpfe umsetzen, um zu drehen. Sobald der Verschluss locker ist, arbeitet der Hartnäckige nur noch mit einem seiner acht Arme weiter. Dann greift er gierig in das Glas und holt sich seine Belohnung: eine Krabbe.

Die Kraken-Show ist seit vielen Jahren ein Klassiker im Münchner Zoo Hellabrunn - allerdings keine Zirkusnummer, das Tier soll einfach ein wenig beschäftigt werden, damit es sich nicht langweilt. "Das Glasaufschrauben ist 'ne Kleinigkeit für ihn, das lernt der Krake innerhalb von ein paar Stunden", sagt Frank Müller, Tierpfleger. Er hat dem Octopus vulgaris das Kunststück beigebracht. "Er ist ungeheuer neugierig, kann sich alles merken und gibt nicht auf, wenn er etwas will", lobt der Trainer seinen Schüler. Demnächst will er ihn lehren, eine Schublade zu öffnen, sich dann hineinzulegen und sie von innen zuzuziehen. "Das wird er locker schaffen", prophezeit Müller.

Äußerst lernfähig und intelligent

Auch aus der freien Wildbahn der Ozeane berichten Taucher und Wissenschaftler immer wieder von erstaunlichen Tricks und dem bemerkenswerten Grips der Unterwasserwesen. Jener Geschöpfe, die aussehen, als wären sie nicht von dieser Welt. Octopus vulgaris und seine vielgestaltigen bizarren Verwandten - allesamt haben sie ihre Arme beziehungsweise Füße direkt am Kopf - gelten als äußerst lernfähige und intelligente Kreaturen. Sie sind die am höchsten entwickelten Weichtiere des Planeten. Das brachte den Cephalopoden, wie Zoologen die Tiere mit dem relativ großen Gehirn nennen, im harten Konkurrenzkampf der Ozeanbewohner vor allem gegenüber den Fischen entscheidende Vorteile - und sichert seit sagenhaften 550 Millionen Jahren ihr Überleben.

Cephalopoden oder auch Tintenfische sind Kiemenatmer und tummeln sich in allen Meeren der Welt; Muscheln und Schnecken sind ihre nächsten Verwandten. "Zirka 800 bis 1000 verschiedene Arten gibt es", sagt Uwe Piatkowski, Biologe vom Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften, "vielleicht sogar noch jede Menge mehr. Viele kennen wir noch gar nicht." Er selbst hat vor kurzem bei Expeditionen sieben neue Spezies im Südpolarmeer und drei weitere nördlich der Azoren entdeckt.

Manche sehen aus wie Ufos, andere wie Insekten

Die Sippe ist nicht nur zahlreich, sondern auch vielfältig. Da gibt es unscheinbare Winzlinge, die gerade mal ein paar Zentimeter messen, und Riesen, die groß wie Container durch die Tiefsee schweben. Manche haben lange und kräftige Arme, andere wiederum filigrane und kurze. Die Körperformen können massig und grazil sein, es gibt beutel- und spindelförmige Tiere. Manche sehen aus wie Ufos, andere wie überdimensionale Insekten. Ätherische Schönheiten und wahre Seeungeheuer sind unter ihnen. Allesamt sind sie Räuber, ernähren sich von Krabben und Krebsen, Muscheln und Fischen.

Die Gliedmaßen sind Arme und Beine, Greif- und Fortbewegungswerkzeuge in einem, ausgestattet mit zahlreichen Saugnäpfen. Die Tentakel arbeiten weitgehend unabhängig vom Gehirn, hoch komplexes Nervengewebe in den Muskelsträngen steuert die Bewegung - und verhindert auch, dass sich die "Anhängsel" zu einem unentwirrbaren Knäuel verheddern. Jeweils acht Arme haben die Mitglieder aus der Gruppe der Oktopusse, bei Kalmaren und Sepien sind es zehn.

Sie zwängen sich durch allerkleinste Spalten

Die Kopffüßer besitzen weder Knochen noch Gräten, dafür ordentlich Muskeln, "viel mehr als all die anderen Weichtiere", sagt Piatkowski. Das macht sie kräftig und hilft ihnen, sich wie eine flexible Gummimasse durch allerkleinste Spalten zu zwängen. Wenn die Wasserwesen vorankommen wollen, gehen sie einfach mit den Armen auf dem Meeresboden, oder sie schwimmen mit Hilfe kleiner Flossensäume. Falls sie es jedoch eilig haben, schalten sie um auf Düsenantrieb. Dazu pressen die Tiere kräftig Wasser aus ihrer Mantelhöhle, der Rückstoß lässt ihren torpedoförmigen Körper voranschießen.

Zur bestmöglichen Sauerstoffversorgung pumpen zwei, bei manchen Arten sogar drei Herzen das Blut durch den Cephalopoden-Organismus - im Gleichtakt. Der Lebenssaft ist blau. Diese Farbe hat er, weil nicht Eisen den Sauerstoff bindet wie bei den Säugern, sondern Kupfer - eine Spielart der Evolution.

Ihre Tinte verwirrt den Aggressor

Eine weitere Besonderheit sind die Augen. Kein anderes Unterwassertier hat einen derart perfekten optischen Sinn. Die großen Sehorgane besitzen Netzhaut, Linse und Iris wie das menschliche Auge. "Wenn ein Taucher die Augen eines großen Kraken auf sich gerichtet sieht, empfindet er großen Respekt vor dem Tier", staunte bereits der französische Meeresforscher Jacques Cousteau.

Bestens lassen sich damit die Feinde orten: Pottwale, Robben, Haie, Pinguine und Albatrosse. Um sich gegen deren Angriffe zu wehren, haben die Kopffüßer einige Tricks entwickelt. Manche Arten arbeiten mit "Tinte". Sie stoßen, wenn der Gegner naht, eine Wolke dunkler Drüsensubstanz aus. Das irritiert den Aggressor, und er stürzt sich auf das Phantom - derweil kann sich der Bedrohte in aller Ruhe verziehen. Doch in der Dunkelheit der Tiefsee funktioniert das nicht. So hat die dort lebende Krakenart Heteroteuthis etwas anderes erfunden: Bei Gefahr schießt sie statt Tinte eine Leuchtstoffwolke ins Meer. Das blendet den Angreifer und verschafft Zeit, in die ewige Nacht zu entschwinden.

Wie ein Chamäleon wechseln sie die Farbe

Der am häufigsten von den Cephalopoden angewendete Trick ist allerdings Tarnung. Besser als jedes Chamäleon kann ein Kopffüßer seine Farbe wechseln. Die Haut des Tieres ist mit Tausenden von winzigen Pigmentsäckchen ausgestattet; wie stark sie sichtbar werden, steuert es mit dem Gehirn. So kann es in Bruchteilen von Sekunden die Farbe der Umgebung annehmen und dann wie ein Stein oder ein Sandhaufen wirken.

Per Haut-Code "unterhalten" sich die Vielarmigen obendrein, morsen Botschaften an Artgenossen. "Fast zwei Dutzend verschiedene Signale sind allein bei den Männchen der Art Sepioteuthis sepioidea unterscheidbar", sagt Jennifer Mather von der kanadischen Universität in Lethbridge, die erforscht, wie die Kopffüßer miteinander kommunizieren, "sie werden vor allem bei der Verteidigung der Reviere verwendet." Und beim Liebesspiel der Sepien. Deren Männchen törnen Weibchen mit braun-weißen Zebrastreifen an, andere Kerle bekriegen sie mit abschreckenden Farbwellen.

"Bevor sie sich vermehren, bauen die männlichen Tiere auch einen ihrer Arme um", sagt Experte Piatkowski, "sie lassen an ihm einige Hautfalten wachsen." Mit diesem Taschengreifer angelt dann der Tintenfisch-Mann Samenpakete aus seinem Vorrat und steckt sie der Frau zu. Die befruchtet damit nach und nach ihre Eier.

Lange Zeit hielt man die Giganten für Seemannsgarn

Fantastische Verhaltensweisen - doch das Repertoire aller Cephalopoden kennen die Biologen noch längst nicht. Denn vor allem die geheimnisvollen Wesen der Tiefsee entziehen sich der Beobachtung. Wie die spektakulären Riesenkalmare. Lange Zeit wurden alle Berichte über sie als Seemannsgarn abgetan und die Monster, die angeblich Schiffe angreifen und in die Tiefe ziehen, ins Reich der Mythen verbannt. Doch sicher ist: Es gibt die Giganten tatsächlich.

Beweis sind eine ganze Reihe solcher Tiere, die im Laufe von Jahrzehnten tot an die Strände gespült worden sind. Und inzwischen wurde einer der Riesen sogar lebend gesichtet - am 30. September 2004 vor der Insel Chichijima im Nordpazifik. Mit einer automatischen Kamera, die an einem Futterkorb befestigt war, fotografierte der japanische Meeresbiologe Tsunemi Kubodera in 900 Meter Tiefe einen Tintenfisch, der gut acht Meter lang war - so groß wie ein kleiner Bus. Es sind die bislang einzigen Aufnahmen dieser Kreatur im freien Ozean.

Wie das größte Weichtier der Erde, dem Biologen den Namen Architeuthis gaben, in seinem Habitat lebt, wird allerdings wohl noch lange ein Rätsel bleiben.

Horst Güntheroth / print