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Matterhorn: Wenn der Berg bröckelt

In 3400 Meter Höhe hatten sich hunderte Kubikmeter Gesteinsmassen gelöst und waren zu Tal gestürzt. Verletzt wurde niemand, doch die Schweizer schlagen Alarm: Die wochenlange Hitze hat den Schnee am Matterhorn weg geschmolzen. Folge: Der Berg wird brüchig.

Nach der Swissair bekommt in diesen Tagen ein weiteres Schweizer Wahrzeichen Risse: Das Matterhorn, der mit 4478 Meter höchste Berg der Schweiz, bröckelt. Seit am Dienstag tonnenweise Gesteinsmassen aus 3400 Meter Höhe zu Tal donnerten, ist das "Hörnli" für Bergsteiger gesperrt. Die wochenlange Hitze hat zunächst den Schnee weg geschmolzen und dann den Dauerfrost angegriffen. Wo normalerweise Minustemperaturen herrschen, knallt die Sonne jetzt ungehindert auf die Felsen. Als Folge wird der Berg brüchig. "Alarm: das Matterhorn bricht ab" titelte die Boulevardzeitung "Blick" am Mittwoch. Geologen sehen das zwar nicht ganz so schlimm, sind aber doch besorgt.

150 Bergsteiger pro Tag auf dem Horn

Rund 150 Bergsteiger wollen in der Hauptsaison pro Tag auf das Horn. Schon immer bröckelte es zwischen ihren Füßen, Fehltritte kosten pro Jahr etwa zehn Menschen das Leben. Jetzt ist es offiziell gesperrt, was es noch nie gab, und was sich nach Angaben des Bergführerpräsidenten von Zermatt, Miggi Biner, nicht kontrollieren lässt. "Wir haben den Berg jetzt für gesperrt erklärt. Wenn einer trotzdem raufgeht, wäre das kompletter Selbstmord", sagt Biner.

Etwa 90 Bergsteiger wurden am Dienstag fünf Stunden lang mit Hubschraubern vom Berg geholt. Kurz zuvor hatten sich hunderte von Kubikmetern Gesteinsmassen in 3400 Meter Höhe gelöst. Das Geröll löste sich im Bereich der Hauptroute am Hörnligrat. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt. Aber dieses Glück muss es nicht ein zweites Mal geben, warnen Bergführer. Keiner von ihnen ist derzeit bereit, auf den Berg zu gehen, sagt Biner. Geologen prüfen, ob etwa durch Sprengungen weitere Abstürze kontrolliert ausgelöst werden können. "Es sind noch mehrere lose Felsblöcke zu sehen", weiß Biner.

Felsen von Tauwasser unterspült

Jetzt werden durch das Tauwetter Felswände gelockert, die normalerweise durch das Eis zusammen gehalten werden. Tauwasser unterspült die Felsen, wirkt wie Seife, über die das Gestein weggespült wird. Permafrost oder Dauerfrostboden ist ein Untergrund, der für mindestens zwei Jahre eine Temperatur von null Grad nicht überschreitet. Jetzt liegt die Null-Grad-Grenze an vielen Tagen bei über 4400 Meter.

Eine Schweizer Schokoladenmarke hat es sich sogar patentieren lassen: Das charakteristische Erscheinungsbild des Matterhorns, als ein in den blauen Himmel ragendes Dreieck. Fast drei Millionen Besucher kommen jedes Jahr nach Zermatt, um einen Blick auf den Berg zu werfen. Wobei er unter Kennern nur von der Schweiz aus schön und majestätisch aussieht. Nichts versperrt hier die Aussicht auf das Horn. Von Italien aus gleicht es aber eher einem Stein- oder Schutthaufen. Droht im dieses Schicksal auch in der Schweiz? Wenn der Permafrost sich auflöst, ist die "Sphinx der Alpen" wirklich in Gefahr, fürchten Wissenschaftler.

Heinz-Peter-Dietrich / DPA
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