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Medizin: Akupunktur für das liebe Vieh

Wer sein Pferd liebt, lässt nichts unversucht. Naturheilkunde ist auch bei Vierbeinern im Kommen. Denn was dem Menschen hilft, kann auch bei Tieren nicht verkehrt sein.

Ein kleiner Stich – und schon vorbei: Galisco rührt sich nicht. Ohne ein Zucken lässt sich der schwarze Wallach die fingerlange Nadel unter das Auge pieksen. Claudia Martin streicht ihm beruhigend über die Nüstern. "Ich bin selbst verwundert, dass die Tiere so ruhig halten", sagt sie und dreht eine weitere Akupunkturnadel in den Pferderücken hinein. Seit zwei Jahren führt sie eine eigene Praxis für Tierheilkunde in Erbach im Odenwald. Ihr Terminkalender ist inzwischen relativ voll. Einige Tierärzte arbeiten mit ihr zusammen, andere lehnen die "Piekserei" als Humbug ab.

Die Bauingenieurin und Reitlehrerin kam durch Zufall zu ihrem neuen Beruf. "Als eines meiner Pferde verunglückte, dachte ich, eine Physiotherapie täte ihm gut. Wenn es Fußballern hilft, müsste es so etwas doch auch für Pferde geben." Auf der Suche nach Hilfe begeisterte sie sich für die Naturheilkunde und besuchte vier Jahre lang Schulen in der Schweiz und Bad Bramstedt bei Hamburg.

Viel Zeit für die haarigen Patienten

Bei Untersuchungen bringt sie viel Zeit mit. "Rennpferde brauchen bis zu 20 Minuten, bis sie einen ohne Beruhigungsmittel ran lassen. "Zur Behandlung von Rückenschmerzen - dem häufigsten Leiden der Reittiere - sieht sie sich auch Reiter und Sattel an. "Der falsche Sitz und die falsche Technik sind oft Ursachen für die Schmerzen." Claudia Martin kennt allerdings auch ihre Grenzen. Bei Koliken lässt sie zum Beispiel den Schulmedizinern den Vortritt.

Galisco hat inzwischen weitere Nadeln im Rücken und an den Beinen. "Damit werden Stauungen und Blockaden gelöst und die Durchblutung gefördert", erklärt Martin. Der 16 Jahre alte Wallach hat sich in seiner Jugendzeit einen Hüftknochen gebrochen. Lange Zeit konnte er die Verletzung ausgleichen, doch seit sechs Jahren lahmt er. "Ich war bei mehreren Ärzten, doch leider ist nicht viel dabei herausgekommen", erzählt Besitzerin Petra Kirchschläger. "Seit der Akupunkturbehandlung ist er viel agiler und belastet das Bein auch wieder."

Aktivierung der Selbstheilungskräfte

Für die Tierärztin Elfriede Weichel-Parsczinski aus Groß-Zimmern bei Darmstadt ist Galisco ein Paradebeispiel. Früher wäre ein Pferd mit so einer Verletzung wohl nicht so alt geworden. Heute wird alles versucht, um es am Leben zu erhalten. Von Akupunktur hält sie nichts, denn bislang hat sie noch keine durchschlagende Heilung beobachtet. Ganz abtun will sie die Naturheilkunde jedoch nicht: "Bei mehreren Pferden mit Gebärmutterentzündungen hatten wir schon aufgegeben. Mit homöopathischen Mitteln ist es dann gelungen, die Selbstheilungskräfte der Tiere zu aktivieren und sie zu heilen."

Das Gesundheitssystem für Tiere weist für den Tierarzt und Heilpraktiker Ulrich Stach aus Brombachtal im Odenwald starke Parallelen zur Humanmedizin auf. "Viele Patienten kommen erst zu uns, wenn sie mit der Schulmedizin am Ende sind. Werden sie bei uns gesund, sind wir die Helden, andernfalls die Deppen." Oft erwarten die Tierhalter nach Stachs Erfahrung Wunder. Vielen fehle auch die Geduld für eine längerfristige Therapie.

Homöopathie und Schulmedizin nicht gleichzeitig

Für Stach können sich Schulmedizin und Naturheilverfahren sinnvoll ergänzen - allerdings nicht auf die Art, die inzwischen viele bekannte Rennställe praktizieren, die sich neben Tierärzten eigene Heilpraktiker, Chiropraktiker und Akupunkteure halten. "Wenn alle gleichzeitig an einem Pferd herumdoktern, wie kann man dann wissen, was geholfen hat?" Davon abgesehen schließen sich etliche Behandlungsmethoden aus. "In der Homöopathie etwa wird Fieber meist als Mittel der Heilung gesehen, während die Schulmedizin das Fieber bekämpft."

Auch der schulmedizinische Ansatz, für jede Krankheit eine festgelegte Heilmethode mit den immer gleichen Pillen zu entwickeln, greife in der Homöopathie nicht. Hier muss das Medikament auf den jeweiligen Patienten zugeschnitten werden, und dafür muss der Heiler das Tier kennen, "mit ihm per Du sein". Stach beobachtet deshalb kritisch, wenn seine Arztkollegen aus bloßen Marktüberlegungen die Zusatzausbildung Homöopathie absolvieren, ohne die Lehre wirklich zu verstehen.

Qualität der Behandlung nicht überprüfbar

Die Behandlungsqualität bei Naturheilverfahren lässt sich kaum überprüfen. "Es gibt etliche fragwürdige Praxen", sagt Tierheilpraktikerin Jutta Schröter aus Bremervörde, Vorsitzende des Verbandes freier Tierheilpraktiker. Die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt. Der Staat sieht für eine Reglementierung keinen Bedarf, da keine Gefahr für die Volksgesundheit besteht.

So muss sich der Markt selber regeln. Bei Nutztieren ist die Entscheidung längst gefallen. Hier hat die kostspielige Homöopathie außer bei Biobauern keine Chance. Die kranken Tiere werden einfach geschlachtet. Ansonsten bleibt es den Tierhaltern überlassen, ob sie mit ihren kranken Schoßhunden, Schmusekatzen oder Rassepferden den Artz, Heilpraktiker oder Wunderheiler aufsuchen.

Ingo Senft-Werner / DPA