HOME

Ostsee-Expedition: Schnurstracks in verbotene Gewässer

Kieler Forscher versuchen mit Riesen-Reagenzgläsern herauszufinden, wie Plankton auf die immer saurer werdenden Meere reagiert. Ein Unterfangen, für das Neptun und Petrus wenig Verständnis zeigen. Für stern.de berichtet Fahrtleiter Ulf Riebesell von Bord der "Alkor".

Seit mittlerweile elf Tagen folgen die Forschungsschiffe "Alkor" und "Heincke" der Mesokosmenschar nun auf ihrem Weg durch die Ostsee. Auch wenn es so aussieht, als würden sich die wie riesige Reagenzgläser funktionierenden Mesokosmen nicht vom Fleck bewegen, sind sie mit der Meeresströmung nun schon über 50 Seemeilen, also knapp 90 Kilometer, durch die Ostsee getrieben. Im Wasser wirken die 20 Meter in die Tiefe reichenden, prall gefüllten Schläuche wie Heißluftballons am Himmel. Würde man sie am Meeresboden verankern, wären sie immensen Kräften durch die Meeresströmung ausgesetzt. Frei mit der Strömung treibend, sind sie nahezu schwerelos.

Besuch von der Küstenwache

Nach dem Aussetzen trieben die Mesokosmen zunächst schnurstracks gen Osten, geradewegs auf russisches Hoheitsgebiet zu - für das uns leider keine Forschungsgenehmigung vorlag. Dann bogen sie glücklicherweise nach Norden ab, um nun aber Kurs auf eine Gruppe von Ölbohrinseln zu nehmen.

Als die bis in Sichtweite näher gerückt waren, änderte sich ihre Strömungsrichtung erneut. Neuer Kurs: Nordwest. Vor uns nur noch freie Ostsee. Auch der Schiffsverkehr ist in dieser Region sehr gering. Umso überraschender war gestern der Besuch der polnischen Küstenwache. Ein vom Mutterschiff ausgesetztes Schlauchboot umkreiste "Alkor" und "Heincke" mehrfach. Seine Insassen filmten und fotografierten wortlos die fröhlich winkende Schar der Wissenschaftler an den Mesokosmen, um sodann mit aufgedrehtem Außenborder wieder zum Patrouillenboot zurückzukehren.

Aus einiger Distanz betrachtet, gleichen die Aktivitäten an den Mesokosmen dem Treiben an einer Tankstelle für Schlauchboote. In rascher Folge machen Schlauchboote an den Mesokosmen fest. Wasser- und Gasproben werden gezogen und zügig zu den nahe gelegenen Forschungsschiffen transportiert. Mess-Sonden werden langsam bis zum Grund der 20 Meter langen Schläuche herabgelassen, Video- und Partikelkameras hineingehängt. Und immer wieder die simulierten Umweltbedingungen des Ozeans der Zukunft kontrolliert.

Auch wenn sich das Messprogramm tagtäglich wiederholt, hat sich bislang keine rechte Routine eingestellt. Täglich neue Herausforderungen, sei es wetterbedingt oder als Reaktion auf unerwartete Messergebnisse, verlangen Flexibilität von den Wissenschaftlern und den Schiffsbesatzungen. Die gemeinsame Arbeit bei Wind und Wellen fördert den Teamgeist.

Die Möwen und die faulen Fischer

Obwohl zuvor weit und breit keine Möwe zu sehen war, haben sich nach Aussetzen der Mesokosmen im Nu etliche Dutzend von ihnen eingefunden. In ihren Augen müssen die sechs leuchtend roten Auftriebskörper an jedem unserer Mesokosmen wohl wie sechs Fischer wirken, die in ihrem Ölzeug bereitstehen, um ihre prall gefüllten Netze einzufahren. Nach und nach wurden aus den paar Dutzend an die tausend Seevögel, die sich geduldig wartend in Nähe der vermeintlichen Fischersextette versammelten.

Über mehrere Tage blieb das Umfeld der Mesokosmen ein geschäftiger Landeplatz. Etliche Vögel versuchten immer wieder, auf den Mesokosmen Platz zu nehmen. Nur einzelne konnten letztlich der stachelbewehrten Landepiste auf dem Dach unserer Mesokosmen kurzzeitig etwas abgewinnen. Als wir die Möwen schon zu unseren ständigen Begleitern zählten, verschwanden sie von einem Tag auf den anderen allesamt.

Die Kunde von den faulen Fischern, die ihre Netze nicht einholen wollen, hatte sich unter den Möwen der Region offenbar bald herumgesprochen, denn seither sind es immer nur kleine Grüppchen, die auf ihrer Durchreise eine kurze Rast in unserem Mesokosmengarten einlegen.

Neptun und Petrus in einem Bunde

Um den Ozean der Zukunft in unserem Experiment zu simulieren, haben wir das Wasser in unseren Mesokosmen so weit angesäuert, wie wir es bei fortschreitenden CO2 Emissionen in 30, 60, 90 Jahren, beziehungsweise bis zur Mitte des nächsten Jahrhunderts erwarten. Ziel unserer Untersuchung ist es dabei, den Einfluss der zunehmenden Ozeanversauerung auf die Planktongemeinschaft zu untersuchen.

Dass Neptun unserem Treiben mit erheblichem Argwohn zusah, wurde uns spätestens nach der zweiten Ansäuerung deutlich. Mit Petrus' tatkräftiger Unterstützung ließ er uns seinen Unmut spüren: Gerade mal zwei Tage nach jeder Ansäuerung tobten stürmische Winde über unserem Arbeitsgebiet. Zwei bis drei Meter hohe Wellen spülten über unsere Mesokosmen hinweg und tauschten einen beträchtlichen Teil des angesäuerten Wassers aus. In einer Nacht hatte Petrus die Zeit in unseren simulierten Zukunftsozeanen wieder um Jahrzehnte zurückgedreht.

Dass wir mit der gerade erfolgten dritten Ansäuerung den Bogen möglicherweise überspannt haben, lässt uns die gerade eingegangene Vorhersage des Deutschen Wetterdienstes erahnen. Für übermorgen wird Sturm mit Windstärke 8 bis 9, in Böen sogar mit Orkanstärke angekündigt. Die Messungen laufen jetzt auf Hochtouren, um unserem simulierten Ozean der Zukunft noch schnell möglichst viele seiner Geheimnisse zu entlocken.

Doch nicht nur das Wetter muss bei den Messungen mitspielen. Auch die finanzielle Unterstützung ist eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen der Studie. Gefördert wird sie vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Sie ist Teil des Verbundprojektes SOPRAN (Surface Ocean Processes in the Anthropocene). Weitere Informationen zu diesem Projekt finden Sie unter www.sopran.pangaea.de.

Themen in diesem Artikel