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Rechenfehler: Artensterben viel dramatischer als gedacht

Viele Tierarten sollen stärker vom Aussterben bedroht sein, als bisher angenommen. In Wahrheit könnte das Risiko bis zu 100-Mal höher sein, meinen US-Forscher. Zwei wichtige Einflüsse auf das Überleben von Arten wurden ihrer Ansicht nach schlichtweg unterschätzt.

16.000 Arten sollen nach einem Bericht der International Union for Conservation of Nature weltweit vom Aussterben bedroht sein. Das allein wäre schon erschreckend. Nun glauben Forscher jedoch, dass das Risiko für viele Tierarten noch 100 Mal größer sein könnte: Zwei Faktoren, die in alten Berechnungen kaum Beachtung fanden, haben wohl einen viel größeren Einfluss auf Tod oder Überleben von Arten als man bisher dachte, berichten Forscher im Fachblatt "Nature". Nun haben sie ein Modell entwickelt, das das ganze Ausmaß der Bedrohung zeigen soll.

"Die herkömmlichen Berechnungen basieren meist nur auf zwei Faktoren, die das Überleben einer Art beeinflussen", sagt Brett Melbourne vom Institut für Ökologie und Evolutionsbiologie an der Universität Colorado.

Ein neues Modell soll Klarheit verschaffen

Diese Faktoren sind neben den Basisinformationen wie Populationsgröße oder Fortpflanzungsgeschwindigkeit zum einen ökologische Bedingungen. Dazu zählen beispielsweise die Einflüsse von Temperaturveränderungen oder Regenfällen auf die Geburten- oder Sterberate von Tieren. Zum anderen fließen Zufälle mit in die Berechnung ein wie etwa das Ertrinken eines Kängurus. Während ein zufälliger Todesfall in einer kleinen Population von Tieren schon einen Einfluss auf das Überleben der gesamten Gruppe haben kann, fällt dieses Ereignis bei einer größeren Population kaum ins Gewicht, so Melbourne. Ändern sich dagegen die Umweltbedingungen ist gleich die ganze Population von Tieren betroffen.

Die Forscher um Melbourne glauben allerdings, dass es noch zwei andere Faktoren gibt, die einen entscheidenden Einfluss auf das Überleben von Tieren haben: Das Verhältnis von Männchen und Weibchen in einer Gruppe sowie körperliche Unterschiede. Denn wenn beispielsweise eine Gruppe aus vielen Tieren besteht, davon allerdings nur wenige Männchen sind, wird die Gruppe mit der Zeit kleiner werden: Nicht mehr alle Weibchen werden befruchtet und so wird es immer weniger Nachwuchs geben. "Entweder wurden diese Größen bisher bei den Berechnungen ignoriert oder sie wurden fehl interpretiert", sagt Melbourne. Daher entwickelten sie ein Modell, dass diese Einflüsse mit einbezieht.

Das Risiko muss neu berechnet werden

Um ihr neues mathematisches Modell zu testen, untersuchten die Biologen Käfer in 60 Laborkäfigen. In jedem Käfig waren zwischen 2 bis 1000 Käfer untergebracht. Auf diese Weise konnten die Wissenschaftler verschiedene Populationsgrößen untersuchen und Einflüsse, die schon unter Laborbedingungen eine Rolle spielen. Nachdem die Wissenschaftler den gesamten Lebenszyklus der Tiere vom Ei bis zum ausgewachsenen Käfer beobachtet hatten, zählten sie, wie viele Käfer in den verschiedenen Käfigen überlebten. "Es zeigte sich schon im Laborversuch, dass die alten Berechnungen die Bedeutung der verschiedenen Arten von Zufallsereignissen unterschätzt haben", sagt Melburn.

"Wenn wir unser neues mathematisches Modell auf die Raten der aussterbenden Tiere anwenden, zeigt sich, dass es schlimmer aussieht als wir dachten", so Melbourne. Viele Spezies seien viel stärker vom Aussterben bedroht, als man bisher annahm. Der Effekt, den sie beobachtet hätten, wäre zudem in der freien Natur wahrscheinlich noch viel größer. "Das Risiko verschiedener Tierarten sollte ganz dringend neu berechnet werden und zwar unter Berücksichtigung aller bekannten Einflüsse", so die Forscher.

Nicole Simon
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