Recycling Neue Energie aus alten Knochen


Hohe Sprit- und Ölpreise machen vielen Bürgern in diesen Tagen zu schaffen. Nun haben Gießener Forscher ein Verfahren entdeckt, um aus Tiermehl und Klärschlamm Rohöl zu gewinnen.

Gießener Forscher verwandeln Tiermehl und Klärschlamm in Rohöl

Hohe Sprit- und Ölpreise machen vielen Bürgern in diesen Tagen zu schaffen. Nun haben Gießener Forscher eine neue Energiequelle entdeckt: Diesel vom Abdecker. Einer Arbeitsgruppe von Professor Ernst Stadlbauer an der Fachhochschule Gießen-Friedberg ist es gelungen, aus Tiermehl und Klärschlamm Rohöl und Aktivkohle herzustellen. Aus einer Tonne Tiermehl werden auf diesem Weg rund 250 Liter Rohöl. In der gleichen Menge Klärschlamm stecken immerhin noch zwischen zehn und 20 Prozent Rohöl.

Die Entwicklung kommt zur richtigen Zeit

Die Entwicklung der Gießener Wissenschaftler kommt zur richtigen Zeit. Denn die Ausgangsmaterialien sind einfach zu erhalten und dürften künftig schwierig zu entsorgen sein. Tiermehl darf schon jetzt wegen BSE-Gefahr nicht mehr verfüttert werden. Und ab 2005 ist auch die Ablagerung von Klärschlamm auf Deponien in der gesamten EU verboten.

Diplomingenieur Sebastian Bojanowski vom Labor für Entsorgungstechnik der FH weiß, wovon er spricht: "In Deutschland fallen pro Jahr eine Million Tonnen Tiermehl und etwa drei Millionen Tonnen kommunaler Klärschlamm als Feststoffe an." In der EU seien es drei Millionen Tonnen Tiermehl und sieben Millionen Tonnen Klärschlamm.

Kohlenstoffhaltige Ausgangsprodukte werden unter Ausschluss von Sauerstoff umgewandelt

Wohin also mit den Restprodukten? Das Verfahren, das die Arbeitsgruppe entwickelt hat, ist ebenso einfach wie faszinierend. Die Wissenschaftler simulieren im Labor die Vorgänge, die im Laufe der Jahrmillionen zur Bildung der heute so begehrten Rohölvorkommen geführt haben. Dabei werden kohlenstoffhaltige Ausgangsprodukte unter Ausschluss von Sauerstoff umgewandelt - eine Voraussetzung, die auch im Labor gilt.

Um die Zeit für den Umwandlungsprozess zu verkürzen, haben die Forscher mit einem anderen Faktor experimentiert: der Temperatur. Die ist wesentlich höher als unter der Erde. Auf 350 bis 400 Grad werden Klärschlamm und Tiermehl im Labor erhitzt, bevor sie sich in das gewünschte Rohöl umwandeln. "Unter 300 Grad läuft gar nichts", erläutert Bojanowski. Als Katalysatoren dienen verschiedene Schwermetalle wie Kupfer und diverse Silikate.

Nach drei Stunden im Labor ist es soweit. In einem Glaskolben sind die Abfallprodukte eingeschlossen und in einem Ofen auf Temperatur gebracht worden. Jetzt schlägt sich an einem so genannten Liebig-Kühler eine dunkelbraune Substanz nieder und wird in einem Fläschchen aufgefangen: Rohöl. Selbst die bei dem Prozess entstehenden Rückstände können wieder verwertet und zu Aktivkohle veredelt werden, betont Diplomingenieur Andreas Frank. Damit können Abwasser und Abgase gereinigt werden.

Hoffnung auf einen neuen Energiemarkt

Mittlerweile werden auch Privatfirmen auf die Entwicklung der Gießener Wissenschaftler aufmerksam. "Mit diesen kostenpflichtigen Abfallstoffen lässt sich ein neuer Energiemarkt entwickeln", sagt Walter Grimmel, Chef der Firma Werkstoff und Funktion im hessischen Ober-Mörlen. Zusammen mit der Fachhochschule hat der Fachbetrieb für Wasser- und Abwassertechnik 250.000 Euro Fördermittel von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück erhalten.

Ziel des Forschungs- und Entwicklungsprojektes ist der Bau einer Pilotanlage, um die Praxistauglichkeit des Umwandlungsverfahrens zu demonstrieren. Bereits im Sommer 2003 soll ein Versuchsreaktor an einer Kläranlage im bayerischen Füssen errichtet werden. Auch verschiedene Mineralölkonzerne hätten bereits angeklopft, sagen Bojanowski und Frank.

Den Gießener Wissenschaftlern zufolge wird das neue Verfahren Deutschland jedoch selbst bei optimistischer Einschätzung nicht von Rohölimporten unabhängig machen können: "Der Entsorgungsaspekt steht im Vordergrund", betont Frank. "Aber vielleicht werden auf diese Weise künftige Gebührenerhöhungen beim Abwasser überflüssig."


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