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Samenspeicher: Arche Noah im Eis

Tief im Eis von Spitzbergen, in einer Art unterirdischem Tresor, werden die Samen der weltweit wichtigsten Nutzpflanzen gesammelt und für kommende Generationen bewahrt. Heute wird das spektakuläre und weltweit einmalige Archiv eingeweiht.

Eigentlich ist es eine recht überschaubare Zahl von Pflanzen, die für die Ernährung der Menscheit eine Rolle spielen: Etwa 150 Kulturpflanzen wie Mais und Hirse, Reis und Weizen werden weltweit in größerem Maßstab angebaut. Trotzdem existiert eine riesige Vielfalft dieser Kulturpflanzen, denn einzelne Sorten unterscheiden sich - von der Größe der Pflanze bis hin zur Blütezeit.

Diese Vielfalt soll jetzt besser geschützt und bewahrt werden: in einer unterirdischen Anlage auf der norwegischen Insel Spitzbergen. Der Bau, der sich in einer alten Kohlemine befindet, sollte selbst einen Atomkrieg überstehen - und könnte die Ernährung der Menschheit nach einer globalen Katastrophe ermöglichen. Im Beisein von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und der kenianischen Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maatha wurde das einzigartige Saatgutlager, das sich nahe dem Ort Longyearbyen befindet, heute eröffnet.

Seinen Platz findet das Sicherheitslager im Permafrostboden eines abgelegenen arktischen Berges, nur rund tausend Kilometer vom Nordpol entfernt. Drei frostige Hallen von jeweils 27 mal 10 Metern Größe wurden in den Sand- und Kalkstein der norwegischen Insel gebohrt. Bis zu 4,5 Millionen Samenproben haben hier Platz. Verschwindet eine Pflanze oder wird sie gar durch eine Katastrophe ausgelöscht, könnte sie dank des eingelagerten Saatguts wiederangepflanzt werden.

"Die Anlage wurde so gebaut, dass sie doppelt so viele Sorten Saat aufnehmen könnte, wie wir überhaupt kennen", sagt Cary Fowler, Geschäftsführer des Welttreuhandfonds für die Kulturpflanzenvielfalt und Vordenker des Projekts. "Sie wird weder zu meinen Lebzeiten, noch zu denen meiner Enkel gefüllt werden."

"Tresor des jüngsten Gerichts"

Damit die riesige Kühlhalle überhaupt gebaut werden konnte, investierte Norwegen umgerechnet rund sechs Millionen Euro. Luftschleusen schützen die drei Räume, die als Speicher für Proben der mehr als 1400 nationalen Samenkorn-Lager weltweit dienen sollen. Viele Saatgutbanken haben bereits ihren Teil zum neuen Lager beigetragen.

Im Gegensatz zur Spitzbergener Anlage sind viele nationale Genbänke nicht ausreichend geschützt; ein Teil der Pflanzenvielfalt ging daher bereits verloren: So wurden irakische und afghanische Saatgutbanken im Krieg zerstört, eine fiel auf den Philippinen einem Taifun zum Opfer. Dass der neue Tresor solchen Widrigkeiten trotzt, hat sich herumgesprochen. Von Unruhen geplagte Länder wie Pakistan und Kenia haben bereits Saatgutproben nach Spitzbergen verschickt. Rund 268.000 Samenproben schlummern schon im eisgekühlten Lager - das entspricht etwa zehn Tonnen. Die Proben werden zwar auf Spitzbergen gelagert, bleiben aber im Besitz der Herkunftsländer.

"Ich arbeite schon 30 Jahre in dem Bereich, und ich dachte, ich kenne zumindest alle Kulturpflanzen", sagt der Projektplaner Fowler. Doch ein Blick auf die Liste der bisher eingetroffenen Proben belehrte ihn eines Besseren. "Ich muss zugeben, da gibt es eine Reihe von Kulturpflanzen, von denen ich noch nie gehört habe."

Von Eisbären bewacht

Es ist also ein reicher Schatz, der auf Spitzbergen ruht, einem Ort, wo die durchschnittliche Temperatur im Winter minus 14 Grad Celsius beträgt. Die norwegische Inselgruppe mit ihren rund 2300 Bewohnern wurde jedoch nicht trotz sondern gerade wegen ihres unwirtlichen Klimas als Standort ausgewählt.

So werden die Samen von Weizen, Mais, Hafer und von anderen Nutzpflanzen bei einer konstanten Temperatur von minus 18 Grad Celsius gelagert. Sollte das Kühlsystem einmal ausfallen, sorgt der Permafrost dafür, dass das Quecksilber nicht über 3,5 Grad Celsius unter null klettert. "Spitzbergen erfüllte wirklich alle Kriterien", schwärmt Fowler. Unter diesen Bedingungen können viele Pflanzensamen sogar Jahrtausende überstehen - Gerstensamen etwa können 2000 Jahre überdauern, Hirse sogar 20.000.

Geschützt wird das Saatgut von hohen und dicken Betonmauern, einer gepanzerten Tür, einem Alarmsystem, und - nicht zu vergessen - von den Eisbären, die in der Gegend umherstreifen. Auch den Klimawandel haben die Architekten bedacht, als sie den Bau austüftelten. So liegt das Pflanzenlager 130 Meter über dem aktuellen Meeresspiegel. Selbst wenn große Teile der Eisdecken schmelzen sollten, bliebe es trocken.

AFP/bub / AFP
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