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Über Flughäfen und Bohrinseln Drohnensichtungen beunruhigen Norwegen – Russland unter Spionageverdacht

Eine Drohne fliegt in der Luft
In letzter Zeit häufen sich Drohnensichtungen in Norwegen. Es wird Spionage vermutet. (Archivfoto)
© Christoph Soeder / DPA
Drohnensichtungen über Öl- und Gasanlagen sowie über Flughäfen sorgen seit Wochen für Schlagzeilen in Norwegen. Man befürchtet, dass es sich um Spionage handeln könnte. Einige Russen wurden festgenommen. Darunter befindet sich auch der Sohn eines Putin-Vertrauten.

13. Oktober: "Russe festgenommen: Mit zwei Drohnen bei Storskog erwischt"

- NRK

15. Oktober: "Russischer Staatsbürger mit Drohne in Tromsø festgenommen"

- "VG"

19. Oktober: "Immer mehr Drohnen-Sichtungen auf Flughäfen"

- TV2

19. Oktober: "Russe wird vorgeworfen, auf Spitzbergen eine Drohne geflogen zu haben"

- "VG"

23. Oktober: "Meldung über Drohnenbeobachtung auf der Öl- und Gasplattform Åsgard B"

- "VG"

24. Oktober: "Norwegen nimmt zwei Russen fest, weil sie Fotos von einem Militärstützpunkt gemacht haben"

- Nachrichtenagentur AP

25. Oktober: "Mutmaßlicher russischer Spion in Tromsø inhaftiert"

- NRK

Es sind diese und weitere solcher Schlagzeilen, die in Norwegen in den letzten Wochen für Beunruhigung sorgen. Mehrfach wurden Drohnen gesichtet, an kritischen Infrastrukturpunkten, wie etwa Öl- und Gasplattformen und Flughäfen. Ins Visier der Behörden sind dabei russische Staatsbürger geraten, die von der Polizei festgenommen wurden. Auch der Geheimdienst des Landes ist alarmiert.

Was passiert da gerade in Norwegen, was schon als "Drohnenbonanza" bezeichnet wird?

Schon vor und nach den Explosionen an den Gaspipelines Nord Stream 1 und 2 wurden in dem skandinavischen Land Drohnenaktivitäten an Öl- und Gasanlagen gesichtet.

Mehrere Russen in Norwegen festgenommen

In den vergangenen Wochen wurden in Norwegen zudem bei unterschiedlichen Vorfällen zwei Russen festgenommen, die Drohnen eingesetzt und teils Fotos von Bell-Hubschraubern des norwegischen Militärs gemacht hatten.

So wurde am 11. Oktober laut einem Bericht des norwegischen Rundfunks NRK ein 50-jähriger Russe festgenommen. Bei einer Zollkontrolle auf dem Weg aus Norwegen heraus seien Drohnen und Speichermedien in seinem Gepäck gefunden worden.

Dem 50-Jährigen wurde vorgeworfen, gegen das Sanktionsgesetz und die Sanktionsverordnung verstoßen zu haben, die nach dem Krieg Russlands gegen die Ukraine in Kraft getreten sind. Ein Absatz besagt, dass russische Unternehmen oder Bürger nicht in Norwegen fliegen dürfen. Gleichzeitig könnte die Anklage gegen den Mann ausgeweitet werden und der norwegische Geheimdienst die Ermittlungen übernehmen.

Die norwegische Justizministerin Emilie Enger Mehl sagte kurz nach der Festnahme, es sei noch zu früh, um den Fall als Spionage einzustufen. "Gleichzeitig ist bekannt, dass wir einer nachrichtendienstlichen Bedrohung ausgesetzt sind, die durch die Ereignisse in Europa noch verstärkt wurde."

Sohn von Putin-Vertrauten nutzte Drohne auf Spitzbergen

Wenige Tage später in Tromsø: Ein russischer Staatsbürger wird festgenommen. Er soll am Flughafen der Stadt Fotos gemacht haben, so die Zeitung "VG". Der 51-Jährige wurde laut dem Bericht mit einer großen Menge an Fotoausrüstung erwischt, darunter eine Drohne und mehrere Speicherkarten. Ihm wird vorgeworfen, eine Drohne geflogen zu haben. Der Mann habe ausgesagt, nur für private Zwecke fotografiert zu haben.

Wie die "VG" weiter berichtet, soll eines der Bilder einen Bell-Hubschrauber der norwegischen Streitkräfte zeigen.

Auch bei den Flughäfen Bergen und Førde wurden laut Medienberichten Drohnen gesichtet.

Eine weitere Festnahme eines Russen wegen illegaler Drohnenflüge hat unterdessen einen Beigeschmack: Wegen unerlaubter Drohnenflüge über Spitzbergen hat die norwegische Polizei den Sohn des ehemaligen russischen Eisenbahnchefs und Putin-Vertrauten Wladimir Jakunin festgenommen. Andrej Jakunin wurde vergangene Woche in Hammerfest in Nordnorwegen festgenommen, wie die Polizei mitteilte. Der russisch-britische Staatsbürger habe zugegeben, eine Drohne über der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen in der Arktis gesteuert zu haben, sagte eine Vertreterin der Polizei. In Norwegen ist es russischen Staatsbürgern verboten, Drohnen zu fliegen

Waffensysteme: Warum sich die Ukraine gegen Drohnen schwer wehren kann

Jakunin befinde sich in Untersuchungshaft, Drohnen und weitere elektronische Geräte seien beschlagnahmt worden, hieß es. Es handelt sich um die siebte Festnahme russischer Staatsbürger binnen weniger Tage. Jakunin soll nach Angaben des "Barents Observer" aber Gegner von Russlands Präsident Wladimir Putin und dessen Krieg in der Ukraine sein.

Norwegischer Geheimdienst eingeschaltet

Der Fall wird laut Informationen der "VG" nun vom norwegischen Geheimdienst PST untersucht. "Wir sehen Spitzbergen als ein sehr wichtiges strategisches norwegisches Gebiet und wichtig in einem Geheimdienstkontext für Russland", sagte Hedvig Moe, stellvertretende Leiterin des PST.

Spitzbergen liegt tausend Kilometer vom Nordpol entfernt und ist norwegisches Territorium. Da auch Russland auf der Inselgruppe Kohle abbaut, beherbergt diese eine relativ große russische Gemeinschaft.

Am Dienstag folgte dann die nächste Nachricht: Ein brasilianischer Staatsbürger wurde am Montagmorgen auf dem Weg zur Arbeit in Tromsø festgenommen, wie NRK berichtet. Der PST vermutet, dass er sich mit falschem Namen und falscher Identität in Norwegen aufhält und tatsächlich Russe ist und für den russischen Geheimdienst arbeitet.

"Wir haben darum gebeten, dass ein brasilianischer Forscher an der Universität Tromsø aus Norwegen ausgewiesen wird, weil wir glauben, dass er eine Bedrohung grundlegender nationaler Interessen darstellt", sagte die stellvertretende PST-Chefin Hedvig Moe gegenüber NRK.

Energieinfrastruktur Ziel von Drohnen

Der Mann kam laut dem Bericht im Herbst 2021 für einen Forschungsauftrag an die Universität Tromsø. Dort habe er unter anderem die nördliche Region und hybride Bedrohungen erforscht. "PST befürchtet, dass er sich ein Netzwerk und Informationen über Norwegens Politik im nördlichen Gebiet angeeignet haben könnte. Auch wenn dieses Netzwerk oder die Informationen Stück für Stück keine Bedrohung für die Sicherheit des Königreichs darstellen, befürchten wir, dass die Informationen von Russland missbraucht werden könnten", so Moe weiter.

Im Zusammenhang mit den Drohnenflügen in der Nähe von norwegischen Flughäfen sagte Ministerpräsident Jonas Gahr Störe dem Sender NRK: "Es ist inakzeptabel, dass ausländische Geheimdienste Drohnen über norwegischen Flughäfen fliegen lassen." Die Russen hätten nicht das Recht, Drohnen über Norwegen fliegen zu lassen, fügte er hinzu.

Doch auch die Energie-Infrastruktur des Landes war Ziel von Drohnen. So wurden sie unter anderem an Offshore-Öl- und Gasplattformen gesichtet. So wurden beispielsweise am Samstag etwa Drohnenaktivitäten über der Öl- und Gasplattform Åsgård B gemeldet. Arbeiter hätten diese der Polizei gemeldet, so "VG".

Berichte wie dieser haben das Land zur Erhöhung seiner Sicherheitsvorkehrungen veranlasst. Laut "VG" soll es bereits mindestens zehn solcher Sichtungen an Offshore-Anlagen gegeben haben.

Norwegen hat Russland als größter Gaslieferant für Westeuropa abgelöst, seit infolge des russischen Angriffskrieges in der Ukraine die Energieimporte aus Russland zurückgefahren wurden.

"Es kann nur Spionage sein"

Was könnten Sinn und Zweck dieser Drohnenflüge sein?

Ståle Ulriksen ist Forscher und Lehrer an der FHS/Marineschule. Er ist sich darüber im Klaren, dass er die Details der beobachteten Drohnen nicht kennt, hat aber noch einige Überlegungen zur Situation, wie er dem Fernsehsender TV2 sagt.

"Wenn es dort Drohnen gibt, von denen wir nicht wissen, wer sie kontrolliert, dann denke ich, dass jemand etwas vorbereitet." Er macht deutlich, dass niemand planlos Drohnen in der Nordsee fliegen lässt.

Unterstützung erhält er von Tore Bukvoll, Forschungsleiter am Norwegischen Verteidigungsforschungsinstitut.

"Es kann nur Spionage sein", sagt er TV2. So könnten Informationen über Systeme oder Routinen auf den Plattformen gesammelt werden. Er macht deutlich, dass es vor allem eine Nation gebe, die sich um die Öl- und Gasinfrastruktur ausländischer Mächte kümmere – und das sei Russland.

Die Polizei in Norwegen hat weitere Theorien. Eine davon ist, dass die Drohnen-Flüge Angst verbreiten sollen.

Geheimdienstchefin: Russland könnte sich mehr Informationen beschaffen

Der Geheimdienst PST versuche herauszufinden, ob ein staatlicher Akteur hinter dem "Drohnenbonanza" steckt, berichtet die Zeitung "Dagbladet".

"Es besteht möglicherweise der Wunsch, Angst und Unsicherheit in Bezug auf Norwegens Gaslieferungen nach Europa zu schüren, was heute besonders wichtig ist. Es könne sich aber auch um Spionage handeln, das heißt, Russland setzt Drohnen ein, um sich Informationen über Ölanlagen und Energiebetriebe an Land zu verschaffen und wie es dort läuft", unterstreicht PST-Chefin Moe.

Gleichzeitig hält Moe es für wahrscheinlich, dass Russland jetzt noch mehr daran interessiert ist, detailliertere Informationen über bestimmte Teile der norwegischen Gesellschaft zu bekommen – und dass man es wagen werden, größere Risiken einzugehen, um an wertvolle Informationen zu gelangen: "Dies können typischerweise Informationen von norwegischen Bürgern sein, die sich mit politischen Entscheidungsprozessen oder technologischer Entwicklung auskennen", zitiert sie das "Dagbladet".

Quellen: Nachrichtenagenturen AFP und AP, NRK; "VG", TV2, "Barents Observer", "Dagbladet"

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